Lateinamerika-Reise: Merkels flotte Tour: Brasilien in 39 Stunden

Lateinamerika-Reise: Merkels flotte Tour: Brasilien in 39 Stunden

Bild vergrößern

Bundeskanzlerin Merkel wird bei ihrem Besuch in Lateinamerika insgesamt 40 Stunden reisen müssen, um fünf Stationen in vier Ländern anzusteuern

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zu Beginn ihrer Lateinamerika-Reise heute Nacht in Brasilien eingetroffen. Im Laufe des Tages trifft sie Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva. Im Mittelpunkt steht die Unterzeichung eines Energieabkommens zwischen Deutschland und Brasilien, bei dem es vor allem um die Zusammenarbeit bei erneuerbaren Energien geht.

Ohne Pause schafft der 20 Jahre alte VIP-Airbus der Bundeswehr-Luftwaffe eine solche Strecke nicht. Auf halbem Weg zwischen Berlin nach Brasilia musste Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern zum Nachtanken zwischenlanden. Der Stopp auf den Kapverdischen Inseln vor der westafrikanischen Küste verlängerte die Reisezeit auf geschlagene 14 Stunden. Neue Maschinen, die auch einen solchen Interkontinentalflug in einer Etappe bewältigen können, sind zwar schon bestellt. Es wird aber voraussichtlich noch zwei Jahre dauern, bis sie zum Einsatz kommen.

Mit dem Hinflug hat Merkel allerdings erst einen Bruchteil ihrer Gesamtreisezeit von 40 Stunden zurückgelegt. Insgesamt wird sie fünf Stationen in vier Ländern ansteuern: Brasilia, Sao Paulo, Lima, Bogotá und Mexiko-Stadt. Eigentlich wollte sie auch noch nach Chile. Aber das hätte zwölf weitere Flugstunden bedeutet. Der Aufwand für eine solche Reise ist groß, aber der Lateinamerika-Besuch war längst überfällig. Zuletzt hatte Merkels Vorgänger Gerhard Schröder die Region 2002 ausgiebig bereist: Argentinien, Brasilien und Mexiko standen damals auf seinem Programm. Eine weitere, für Dezember 2005 geplante Reise, fiel der vorgezogenen Bundestagswahl zum Opfer. Erst nach sechs Jahren wird der Kontinent jetzt wieder von einem deutschen Regierungschef besucht, während das boomende Asien in der Zwischenzeit mindestens einmal pro Jahr von einem Kanzler oder einer Kanzlerin angesteuert wurde.

Anzeige

Dass die Wirtschaftsbeziehungen auf einer soliden Grundlage stehen, wird vor allem an der ersten Station Brasilien sichtbar. 1.200 deutsch-brasilianische Unternehmen beschäftigen dort 250.000 Menschen und haben einen erheblichen Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Im vergangenen Jahr wurden Waren im Wert von 15,1 Milliarden Euro zwischen beiden Ländern ausgetauscht. Am Donnerstag will sich Merkel in einem VW-Werk in Sao Paulo ein Bild vom deutschen Engagement in Brasilien machen. VW do Brasil ist größter Automobilhersteller und mit einem Umsatz von 10,6 Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr das fünftgrößte Unternehmen des Landes. Seit 1953 produzierte Volkswagen 17 Millionen Fahrzeuge in Brasilien.

Den größten Regenwald der Quelle: dpa

Den größten Regenwald der Welt im Amazonasgebiet kann Merkel aus Zeitgründen nicht besuchen

Bild: dpa

Um die ganz großen Geschäfte geht es - anders als bei China-Reisen deutscher Regierungschefs - beim Lateinamerika-Besuch Merkels allerdings nicht. Während in Fernost stets die großen Konzerne mit großen Ambitionen in der Delegation vertreten sind, hat Merkel zur Mitreise in den fernen Südwesten vor allem Mittelständler eingeladen. Denen reichen zuweilen auch kleine Fortschritte in den deutsch-brasilianischen Wirtschaftsbeziehungen. Der Spirituosen-Produzent Underberg will beispielsweise erreichen, dass er Steuerbanderolen für den Export seiner kleinen Magenbitter-Fläschchen nach Brasilien in Deutschland anbringen kann. Das erleichtert den Produktionsprozess in Berlin.

Brasilien gilt als Wortführer der in der G-20 organisierten Entwicklungs- und Schwellenländer in den WTO-Verhandlungen. Beim Thema Energie wird es wohl vor allem um die brasilianische Biokraftstoff-Offensive gehen. Sie ist umstritten, weil der flächendeckende Anbau von Zuckerrohr zur Ethanol-Gewinnung die Nahrungsmittel-Produktion verdrängt. Damit wächst auch der Druck, Regenwald zu roden um weitere Ackerflächen zu gewinnen. Merkel will versuchen über ein Abkommen zu erneuerbaren Energien Einfluss auf die Entwicklung zu gewinnen. Den für das Weltklima so wichtigen größten Regenwald der Welt im Amazonasgebiet wird Merkel bei ihrem Brasilienbesuch allerdings nicht sehen. Dafür lässt das dichte Reiseprogramm keine Zeit. Für eines der größten Länder der Welt bleiben Merkel gerade einmal 39 Stunden.

Eines hat Venezuelas Quelle: dpa

Eines hat Venezuelas Präsident Hugo Chavez mit seiner Hitler-Attacke in Richtung der Bundeskanzlerin sicher erreicht: Die erste Lateinamerika-Reise von Angela Merkel ist in der Region mittlerweile ein Topthema.

Bild: dpa

Unterdessen hat die Regierung Venezuelas nach den Angriffen von Präsident Hugo Chavez Merkel erneut kritisiert. Sie gefährde die deutsch-venezolanischen Beziehungen, erklärte das Außenministerium gestern. Merkel hatte in der vergangenen Woche im Vorfeld ihrer Reise nach Lateinamerika erklärt, der linkspopulistische Chavez spreche nicht für den gesamten Kontinent. Ein Land allein könne die Beziehungen zwischen den beiden Regionen nicht beeinträchtigen. Chavez bezeichnete die konservative Regierungschefin daraufhin als politische Nachfahrin Adolf Hitlers. Wie Chavez nimmt Merkel am EU-Lateinamerika-Gipfel von Donnerstag bis Samstag in Lima teil. Chavez versteht sich als Leitfigur der Linken in Lateinamerika und ist einer der schärfsten Kapitalismus- und Globalisierungskritiker.

Auch kirchliche Hilfswerke und entwicklungspolitische Verbände kritisieren Merkel und verurteilen das geplante Energie-Abkommen mit Brasilien. Die Verbände wie „Brot für die Welt“ und Oxfam warnten in einer heute veröffentlichten Erklärung vor allem von der „Gefahr steigender Einfuhren von Agrosprit“. Die Produktion von Biosprit gehe nach verschiedenen Untersuchungen mit schweren Menschenrechtsverletzungen einher, treibe die Lebensmittelpreise in die Höhe und zerstöre die Wälder. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation FIAN wurden allein im vergangenen Jahr rund 3000 Sklavenarbeiter von Zuckerrohrplantagen befreit. Das katholische Hilfswerk Misereor beklagte: „Brasilien ist trotz ambitionierter Programme weit davon entfernt, die Einhaltung von sozialen und ökologischen Mindeststandards bei der Erzeugung von Agrosprit zu gewährleisten.“ Die Erklärung wurde auch vom Evangelischen Entwicklungsdienst EED, Misereor und dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika FDCL unterzeichnet.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%