Lebensmittel: Demokratie macht satt

Lebensmittel: Demokratie macht satt

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Amartya Sen hat der Entwicklungsökonomie neue Impulse gegeben

Der Nobelpreisträger und gebürtige Inder Amartya Sen redet den Ökonomen ins Gewissen: Wirtschaftswachstum alleine genügt nicht, um Hunger und Armut zu beseitigen.

Bei der gemeinsamen Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank am vergangenen Wochenende gab es heftige Debatten: Nicht genug, dass die Finanzkrise sich durch die Weltwirtschaft hindurchfräst – jetzt drohen auch noch die gestiegenen Preise für Benzin und Nahrungsmittel in den ärmsten Ländern der Erde zu Hungerrevolten zu führen. Bei Unruhen in Haiti sind schon mehrere Menschen ums Leben gekommen. Reichlich Gesprächsbedarf also für die beiden mächtigen Finanz- und Entwicklungsinstitutionen in Washington.

Einer, der das alles genau beobachtet, ist der in Indien geborene Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen, 74. Er weiß, welche brutale Gewalt vom Hunger ausgeht: 1943 erlebte der damals Zehnjährige in seiner Heimatstadt Dhaka, der heutigen Hauptstadt Bangladeshs, wie ein muslimischer Tagelöhner in einem Hinduviertel niedergestochen wurde. Der Hunger hatte ihn dorthin getrieben, um Arbeit zu suchen. Bei der Hungersnot in der Region Bengalen starben damals insgesamt drei Millionen Menschen.

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Eine Erfahrung, die Sens spätere Forschung entscheidend prägte. 37 Jahre später veröffentlichte er eine Untersuchung über die Ursachen von Hungersnöten. Darin zeigte er, dass es häufig nicht der Mangel an Nahrung ist, der zu Hunger führt: Die Lebensmittel liegen in den Supermärkten in den Regalen, aber viele Menschen können sie sich nicht leisten. Weil sie zu wenig verdienen oder gar keine Arbeit haben und weil die Preise steigen – so wie jetzt wieder in Haiti. Sen gelangte zu der Überzeugung, dass es zur Überwindung von Armut und Unterentwicklung nicht genügt, für ein möglichst starkes Wirtschaftswachstum zu sorgen, wie viele Ökonomen glauben. Vielmehr muss auch darüber nachgedacht werden, wie die Früchte des Wachstums verteilt werden. Und dabei geht es nicht nur um Geld: „Wirtschaftliche Entwicklung“, sagt Sen, „muss das Wohlergehen der Menschen und die menschliche Freiheit im Blick haben. Das Einkommen ist ein Faktor, der dazu beiträgt, aber nicht der einzige.“

Freiheit bedeutet für Sen nicht nur die Abwesenheit staatlicher Gängelung. An die Stelle der neoklassischen Theorie der Nutzenmaximierung und des Utilitarimus, der davon ausgeht, dass sich individuelle Nutzenpräfenzen gesamtgesellschaftlich bündeln lassen, setzt die Wohlfahrtstheorie Sens auf die Analyse von „Verwirklichungschancen“. Um diese mess- und beobachtbar zu machen, war Sen an der Entwicklung des sogenannten Human Development Index (HDI) maßgeblich beteiligt, den die Vereinten Nationen regelmäßig veröffentlichen. Dieser Index vergleicht die Länder der Erde nicht nur aufgrund des Pro-Kopf-Einkommens, sondern berücksichtigt darüber hinaus Indikatoren wie den Bildungsgrad und die Lebenserwartung der Bevölkerung, weil diese zum Beispiel den Zugang zu medizinischer Versorgung widerspiegeln. Auch die Möglichkeiten zur Teilhabe am politischen Leben fließen in den HDI ein. Hungersnöte, behauptet Sen, können sich in Demokratien nicht ereignen – weil dort die auf ihre Wiederwahl bedachten Politiker gezwungen sind, stärker auf die Belange der Menschen zu achten. Sen: „Demokratie macht satt.“

Der bescheiden auftretende Sen blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Er lehrte in Kalkutta und Delhi, in Oxford, Cambridge und London. Heute ist er Professor für Wirtschaft und Philosophie an der amerikanischen Harvard-Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Wirtschaftsnobelpreis für seine Beiträge zur Wohlfahrtsökonomik und sein, wie es hieß, „besonderes Interesse für die ärmsten Mitglieder der Gesellschaft“. 2007 wurde ihm in Köln – als erstem Ökonomen überhaupt – der Meister-Eckhart-Preis verliehen, eine der renommiertesten deutschen Auszeichnungen für Philosophie.

Auch privat ging es in seinem Leben bewegt zu: Sen ist in dritter Ehe mit einer Harvard-Kollegin verheiratet, der Wirtschaftshistorikerin und Adam-Smith-Expertin Emma Georgina Rothschild. Aus seinen ersten beiden Ehen hat er vier Kinder. Akademiker sind sie alle nicht – aber sie machen, frei nach der Philosophie des Papas, etwas aus ihren Freiheiten und Möglichkeiten: Antara Dev Sen ist eine bekannte indische Journalistin, Indrani Sen arbeitet als Journalistin in New York. Kabir Sen, dem sein Vater mit zwölf ausredete, mit dem Klavierspielen aufzuhören, ist heute erfolgreicher Hip-Hop-Musiker. Und Nandana Sen ist in Indien ein gefeierter Bollywood-Star.

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