Linde-Chef Wolfgang Reitzle: "Einheitliche Spielregeln, sonst hat der Euro keine Zukunft"

Linde-Chef Wolfgang Reitzle: "Einheitliche Spielregeln, sonst hat der Euro keine Zukunft"

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Wolfgang Reitzle

von Sebastian Matthes, Franz W. Rother und Roland Tichy

Linde-Chef Wolfgang Reitzle spricht über die Ergebnisse des Brüsseler Krisengipfels und "elementare Fehler" der Eurozone. Gibt es nicht bald einheitliche Spielregeln, hat die Währungsunion, so Reitzle, keine Zukunft.

WirtschaftsWoche: Herr Reitzle, Sie haben im Juni einen Appell deutscher und französischer Unternehmer zur Rettung des Euro unterzeichnet. Sind Sie heute noch glücklich über die Aktion?

Reitzle: Ja, denn es ist gut für Deutschland, wenn wir den Euro langfristig erhalten können. Als Exportnation profitieren wir von der gemeinsamen Währung. Ich bin also grundsätzlich für den Euro, aber nicht um jeden Preis – vor allem nicht zum Preis der Sozialisierung der Schulden anderer Länder. Deshalb halte ich auch diese sogenannten Eurobonds für gefährlich.

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Wie beurteilen Sie dann die Ergebnisse des jüngsten Krisengipfels in Brüssel? Wurden da quasi durch die Hintertür Eurobonds eingeführt?

Eine begrenzte Unterstützung der Schwächeren sollte uns der Euro schon wert sein. Diese Form von Solidarität akzeptiere ich auch als deutscher Steuerbürger. Aber der jetzt eingeschlagene Weg hin zu einer Transferunion mit einer zur Bad Bank mutierten Europäischen Zentralbank kann nicht die Lösung sein. Was in Brüssel beschlossen wurde, führt zu einer schleichenden Egalisierung des Zinsniveaus. Das wird die Investitionstätigkeit in Deutschland und in anderen leistungsstarken EU-Ländern bremsen. Damit setzen wir unseren Aufschwung aufs Spiel. Dabei brauchen wir in Europa insgesamt auch weiterhin ein ordentliches Wachstum, um die Schuldenmisere zu überwinden, und zwar in allen Ländern.

Ist denn der Euro noch zu retten?

So wie die Währungsunion derzeit aufgestellt ist, bleibt die Lage schwierig. Es gibt elementare Webfehler im System, die zügig beseitigt werden müssen. Sonst hat der Euro keine Zukunft.

Welche Veränderungen fordern Sie?

Wir brauchen verbindliche einheitliche Spielregeln, nach denen sich alle Euro-Mitgliedstaaten richten müssen. Es kann nicht sein, dass einige Länder auf Kosten anderer Nationen ein angenehmes Leben führen. Insofern stehen wir vor einer historischen Weichenstellung: Europa könnte, wenn wir nicht aufpassen, zum großen Verlierer der Finanzmarktkrise werden.

Sind sich die Deutschen der Bedeutung dieser Situation schon bewusst?

Ich glaube nicht. Die Euro-Krise ist hierzulande für die meisten bisher nur ein virtuelles Ereignis, das in den Medien stattfindet, aber noch nicht im Geldbeutel spürbar ist. Das könnte sich aber schon bald ändern.

Insbesondere Italien drängt derzeit auf Eurobonds.

Das ist bei dem hohen Schuldenniveau Italiens kein Wunder. Allerdings sollte man den Fall differenziert betrachten: Der italienische Staat ist in hohem Umfang bei den eigenen Banken verschuldet. Auch gibt es in Italien enorme Privatvermögen. Zudem ist die Zahl der Immobilienbesitzer weitaus höher als bei uns. Außerdem: Seit der Gründung ihres Staates vor 150 Jahren hat sich die italienische Bevölkerung nie so recht auf den Staat verlassen. Sie weiß, dass man am besten fährt, wenn man das Treiben in Rom ignoriert und sich selbst hilft. Der Nukleus der dortigen Gesellschaft ist die Familie, und die ist immer noch intakt – trotz einer fragwürdigen Staatsführung und der hoffnungslos ineffizienten Bürokratie.

Das hört sich an, als hätte sich Linde aus Italien zurückgezogen.

Keineswegs. Wir machen durchaus gute Geschäfte in Italien, vor allem im Norden. In dieser Region ist die Wirtschaftskraft so hoch wie in den leistungsstärksten Bundesländern. Allerdings liegen die Lohnstückkosten deutlich über denen in Deutschland, und zudem muss man mit den sehr ideologisch geprägten Gewerkschaften umgehen können. Die Gewerkschaften in Italien zeigen sich wenig flexibel. In Deutschland hingegen wurden die Lohnstückkosten in den vergangenen Jahren geradezu vorbildlich konstant gehalten.

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