Martin Schulz: Genosse Menschenfänger

Martin Schulz: Genosse Menschenfänger

, aktualisiert 30. Januar 2017, 13:28 Uhr
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Eine Entscheidung, die manch Kommentator als Rücktrittsgesuch einer ganzen Partei wertet. Die SPD-Basis, wie im Düsseldorfer Stadtteil Friedrichstadt, feiert sie

von Anna GautoQuelle:Handelsblatt Online

Mit der Entscheidung, Martin Schulz die Kanzlerkandidatur zu überlassen, hat Sigmar Gabriel viele überrumpelt. Wie kommt die Personalie bei denjenigen an, die sie auf der Straße verkaufen müssen? Ein Besuch an der Basis.

DüsseldorfAls der Vorsitzende der SPD-Friedrichstadt in Düsseldorf die Genossin Zelal Kaya fragt, ob es bei ihrer Kandidatur bleibt, erstirbt im Raum die Diskussion. Für ein paar Sekunden schießen allen dieselben Assoziationen durch die Köpfe: „Kandidatur, Martin Schulz, Kanzlerkandidatur, Zelal Kaya?!“. Dann setzt das Denken ein und Gelächter vertreibt die Stille. „Das wäre ja die nächste Sensation. Statt Martin Schulz tritt unsere Zelal gegen Merkel an“.

Auch die 27-Jährige muss schmunzeln, denn sie soll lediglich für den Posten als Vorstands-Beisitzerin beim Ortsverband kandidieren. Weil die Machtübergabe zwischen Sigmar Gabriel und Martin Schulz die Gemüter bewegt und die Vorstandssitzung dominiert, sind die versammelten Sozialdemokraten beim Schlagwort „Kandidatur“ kurz perplex.

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Wie sie, glaubten bis vergangenen Dienstag die meisten Menschen in Deutschland, Sigmar Gabriel werde als SPD-Kandidat Bundeskanzlerin Angela Merkel herausfordern. Nun ist alles anders. Sigmar Gabriel ist Außenminister. Er hat den Parteivorsitz und seine Kanzlerambitionen an den ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz abgeben, einen Mann ohne bundespolitische Erfahrung. Eine Entscheidung, die manch Kommentator als Rücktrittsgesuch einer ganzen Partei wertet. Die SPD-Basis, wie im Düsseldorfer Stadtteil Friedrichstadt, feiert sie.

Fabrice Witzke, der Chef des Ortsvereins, hat die Genossen zur Vorstandssitzung in seine Altbauwohnung geladen. Er bringt Tacos, Chips, Bionade und Radler aus der Küche. Die Genossen, ein paar ältere, viele junge, sitzen um den Wohnzimmertisch und erzählen, warum sie die Kandidatur von Schulz befürworten. Sie sind diejenigen, die auf der Straße für die SPD werben, die Flyer verteilen, Wechselwähler überzeugen. Immer wieder hörten sie: „Euer Programm ist okay, aber den Gabriel können wir nicht wählen, der ist so unsympathisch“. Die Leute schimpften, dämonisierten, projizierten alles Schlechte auf ihn, sagt Witzke. Die einen warfen ihm Wankelmut bei der Vorratsdatenspeicherung vor, die nächsten verfluchten ihn für Gerhard Schröders Hartz-Reformen.

Martin Schulz hingegen, „das ist ein echter Sympathieträger, ein Menschenfänger. Für ihn kann man gut auf die Straße gehen. Mit dem haben wir eine echte Chance“, sagt ein anderes Vorstandsmitglied, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Der Studentin Zelal Kaya imponiert, wie Schulz den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zurechtwies, als der im Zuge der Armenienresolution des Bundestages türkische Abgeordnete attackierte. „Schulz ist kein Möchtegern-, sondern ein richtiger Demokrat“, sagt die junge Frau.

Martin Schulz fliegen die Herzen in Witzkes Wohnzimmer zu. Doch nicht nur dort. 41 Prozent der deutschen Wähler würden aus dem Stand für den leidenschaftlichen Europäer stimmen, ebenso viele wie für Angela Merkel. Zu dem Ergebnis gelangt eine aktuelle ARD-Umfrage, die das Institut Infratest dimap durchführte. Das mag auch daran liegen, dass niemand so recht weiß, wofür Schulz steht, außer für ein starkes Europa. Er eignet sich so bestens als Projektionsfläche für alle möglichen Sehnsüchte und positiven Zuschreibungen. Die Antithese zu Sigmar Gabriel.


Schulz ist Mister Europa

„Er verkörpert die klassische SPD-Story wie kein zweiter“, sagt der Volkswirtschaftsstudent Phillip Toepsch, der sich seit zwei Jahren im Vorstand des Ortsverbands engagiert. „Er war ganz unten und hat sich wieder herausgezogen“. Toepsch meint damit die Alkoholsucht, die Schulz, Sohn eines saarländischen Bergmanns, in jungen Jahren quälte. Auch musste er eine Karriere als Fußballprofi wegen schwerer Knieverletzungen aufgeben. Die Schule verließ Schulz ohne Abschluss. Doch dann verlief seine Karriere wie ein Arbeitermärchen. Erst Buchhändler, dann Bürgermeister in Würselen, Präsident des EU-Parlaments und nun SPD-Chef und Kanzlerhoffnung.

Einer wie er, ein Mister Europa, sei wichtiger denn je, jetzt wo Donald Trump die globale Machtstruktur zerlege. Da ist sich die Runde in Düsseldorf-Friedrichstadt einig. Deutschland brauche einen Kanzler, der den Glauben an ein starkes und gerechtes Europa wieder reanimiere und die Populisten zurückdränge. Dass Schulz jegliche Erfahrung als Bundespolitiker fehlt, finden die Genossen gut. „Er ist ein glaubwürdiger Wahlkämpfer, weil er nicht Teil der Regierung Merkel war“, sagen sie. Laut ARD-Deutschlandtrend halten tatsächlich 65 Prozent der Befragten Martin Schulz für glaubwürdig, ein Prozentpunkt mehr als Angela Merkel.

Doch ob die erste Welle der Euphorie Schulz tatsächlich ins Kanzleramt tragen kann? Witzke, der zwischendurch über das Tablet auf seinem Schoß streicht, kommt jetzt in Fahrt. „Auf die Umfragen gebe ich nicht viel“, ruft der Rechtsanwalt. Er ist noch keine 40. Doch er habe in seinem Leben schon so viele Wahlkämpfe mitgemacht und miterlebt, dass er wisse, wie sich die Werte binnen kürzester Zeit verändern. „Gerhard Schröder haben die Statistiker zu Beginn auch keine Chance eingeräumt und doch machte er gegen Helmut Kohl das Rennen“, sagt er. Der junge Mann neben Witzke wirft ein, die New York Times habe am Vorabend der US-Wahl Hillary Clinton über 90 Prozent Siegchancen eingeräumt.

Doch was ist mit der gefährlichen Vorliebe der Sozialdemokraten, ihr Führungspersonal zu demontieren, noch bevor es der politische Gegner tun kann? Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück mussten während ihrer Bundestagswahlkämpfe Attacken aus den eigenen Reihen bekämpfen. Sigmar Gabriel beklagte in seinem Rücktrittsinterview gegenüber dem Stern, dass er auch an seiner Partei gescheitert sei. Die habe sich von ihm distanziert, weil die Mehrheit der Mitglieder keine Regierungsverantwortung wolle.


„Wir sind kein Kanzlerinnenabnickverein“

Es sei schon immer ein Problem der SPD gewesen, ihre Vorstände abzuschießen, räumt Toepsch ein. Diese Renitenz hat aber auch Vorteile, argumentiert Witzel. „Wir sind eben kein Kanzlerinnenabnickverein. Inhaltlicher Streit ist doch Ausweis funktionierenden Demokratie“. Leider berichteten die Medien über derlei Auseinandersetzungen vor allem negativ. Sei das Verhältnis der SPD mit dem Chefs mal harmonisch, werfe man der Partei Klüngelei vor.

Die gepriesene Streitlust der SPD, in Witzels Wohnzimmer bekommt man davon wenig mit. Zumindest wenn es um Martin Schulz geht. Einzig ein langjähriger Sozi, der 69-jährige Ulrich Schweitzer, zieht ein langes Gesicht. Er ist seit 1972 in der Partei, dem Jahr im dem Willy Brandt nach Parlamentsauflösung und Neuwahlen einen Sensationssieg hinlegte. „Für mich war Sigmar Gabriel die authentischere Figur. Schulz vertritt vernünftige Positionen, kann sie aber nicht so gut transportieren. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ein so abrupter Wechsel des sicher geglaubten Kandidaten ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl eine gute Idee ist“. Er verlässt die Runde früher.

Die Getränke leeren sich, die Gruppe diskutiert nun über das Selbstverständnis der SPD. Warum „Soziale Gerechtigkeit“ zwar wie eine Floskel wirke, aber dennoch Substanz habe. Ob Schröder Deutschland mit seinen Agenda-Reformen geholfen oder geschadet habe. Warum man als junger Mensch bei all der Politikverdrossenheit noch in die SPD eintritt. Dann leitet Witzel zum Tagesgeschäft über, schließlich stehen im Mai Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen an. Ein Kanzlerkandidat aus NRW helfe da atmosphärisch. Doch jetzt braucht es erst einmal Plakate, einen Relaunch der Website, einen Verantwortlichen für die Facebook-Seite. Die Beiträge über die Flüchtlingsarbeit des jungen Ortsvereins bekommen am meisten Klicks.

Quelle:  Handelsblatt Online
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