Maxim Medwedkow im Interview: "Symbol des guten Willens"

Maxim Medwedkow im Interview: "Symbol des guten Willens"

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Maxim Medwedkow, der russische Chefunterhändler für Wirtschaftsabkommen

Der russische Chefunterhändler für Wirtschaftsabkommen, Maxim Medwedkow,über die Folgen der Finanzkrise und die Beziehungen zum Westen.

WirtschaftsWoche: Herr Medwedkow, der Börsenwert vieler russischer Unternehmen ist kürzlich so schnell zusammengefallen, dass die Moskauer Börse mehrfach geschlossen wurde. Der Staat unterstützt angeschlagene Banken mit Milliarden. Wie hart trifft die internationale Liquiditätskrise die russische Finanzwirtschaft?

Medwedkow: Wir können uns gegen die Finanzkrise nicht isolieren, aber das Problem ist unter Kontrolle. Die westlichen Partner in den Verhandlungen über unseren Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO wollten uns zwar dazu drängen, das russische Finanzsystem stärker zu deregulieren und den Marktmechanismen mehr Freiheit zu lassen. Doch wir haben diese Ansprüche nicht akzeptiert. Und das, was gerade im amerikanischen Finanzsystem passiert, bestärkt uns darin.

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Gegenwärtig verdient Russland pro Tag 400 Millionen Dollar weniger mit dem Ölexport als noch vor einigen Monaten, der Internationale Währungsfonds prophezeit Ihrem Land eine deutliche Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. Ist Russlands Erfolgsstory in Gefahr?

Mit einem geringeren Wirtschaftswachstum während der kommenden Monate müssen wir wahrscheinlich rechnen, aber die Grundtendenz ist weiterhin eindeutig positiv. Russland wird aus der Finanzkrise in besserer Verfassung hervorgehen als viele andere Länder.

Was macht Sie so zuversichtlich?

Die Regierung hat genug Instrumente in der Hand – einschließlich der Reserven, die speziell zum Abfedern weiterer Ölpreissenkungen geschaffen wurden. Diese entsprechen zehn Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes. Einige Experten glauben außerdem, die Finanzkrise werde der russischen Wirtschaft sogar helfen, da sie mittelfristig die teils hohe Abhängigkeit der Unternehmen von Krediten reduzieren wird.

Viele dieser Kredite haben die russischen Unternehmen – auch große staatliche – im Westen aufgenommen. Bekommen sie zu Hause nicht genug Liquidität?

In Russland sind Kredite teurer, auch weil die Banken stärker reguliert sind. Deshalb tendieren russische Unternehmen dazu, sich Geld im Ausland zu leihen.

Unter dem Eindruck der Finanzkrise gewähren wichtige russische Banken nun gar keine Kredite mehr. Unternehmen fahren deshalb Investitionen zurück. Beunruhigt Sie das nicht?

Zurzeit hat das vor allem emotionale Beweggründe. Ich glaube nicht, dass das mittelfristig anhalten wird. Alle Entscheidungen, die nötig sind, um die Banken zu stützen und die Wirtschaft mit Liquidität zu versorgen, haben wir schon getroffen. Früher übrigens als die Europäische Union.

Dennoch haben große, sonst liquide Energiekonzerne, den Staat um Finanzhilfen gebeten.

Die Energieunternehmen verfolgen langfristige Investitionsprojekte. Da geht es um sehr viel Geld, auch um ausländisches. Ich glaube nicht, dass sie es nötig haben, um Hilfe zu bitten. Sie fragen lediglich nach kurzfristigen Kreditgarantien für den Fall einer Force majeure.

Damit meinen Sie eine Bedrohung durch höhere Gewalt. Aber das Grundproblem der russischen Wirtschaft ist doch ihre Abhängigkeit vom Öl- und Gasexport. Wann wird sich das ändern?

Das ist ein schwieriger Prozess, der noch Zeit braucht. Es gibt aber bereits einzelne Sektoren jenseits der Energiewirtschaft, die sich gut entwickeln. In den nächsten Jahren werden zum Beispiel mehr als 20 neue Autowerke gebaut, Russland wird dann vom Importeur zum Netto-Exporteur von Autos. Russische Stahlproduzenten stellen inzwischen hochwertigen Spezialstahl her, die Flugzeugindustrie entwickelt weltmarktfähige, moderne Flugzeuge mit westlichen Partnern. Und Russland ist inzwischen einer der zehn größten Exporteure von Agrarprodukten.

Als WTO-Mitglied könnte Russland seine Agrarprodukte leichter exportieren. Wegen des Georgienkonflikts hat der amerikanische Handelsminister Carlos Gutierrez aber gedroht, Ihren WTO Beitritt zu verhindern. Steht in der Handelspolitik ein neuer Kalter Krieg bevor?

Das ist eine sehr seltsame Diplomatie. Die Mitglieder der WTO halten sich an bestimmte Regeln. Wer glaubt, dass Russland gebändigt werden muss, sollte eigentlich dafür sorgen, dass Russland so schnell wie möglich Mitglied wird – eben weil es sich dann in der WTO an die Regeln halten muss.

Die US-Regierung, Ihr wichtigster WTO-Widerpart, sieht das offenbar anders. Sie könnte Ihre WTO-Ambitionen nutzen, um Sie zu zwingen, die Anerkennung Südossetiens und Abchasiens wieder aufzuheben.

Was hätten die USA davon? Weder mit der WTO als Hebel noch mit sonst irgendetwas wird man uns zwingen, die Anerkennung rückgängig zu machen. Es gibt kein Zurück. Die Sache ist beendet.

Vor dem Krieg äußerten Sie die Hoffnung, Russland könnte schon Ende dieses Jahres WTO-Mitglied sein. Hoffen Sie das immer noch?

Unter den jetzigen Umständen könnte es tatsächlich sein, dass manche Länder unseren Beitrittsprozess verzögern. Wenn wir ihn nicht innerhalb eines vernünftigen Zeitrahmens abschließen können, müssen wir uns überlegen, wie wir unsere Handelsinteressen ohne die WTO sichern.

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