Merkel und Hollande erinnern an den Ersten Weltkrieg: Im Schlachthaus von Verdun

Merkel und Hollande erinnern an den Ersten Weltkrieg: Im Schlachthaus von Verdun

, aktualisiert 28. Mai 2016, 08:38 Uhr
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Französische Soldaten verlassen ihren Schützengraben, um einen Angriff zu starten. Das Bild wurde im Jahr 1916 aufgenommen.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Frankreich sollte „ausbluten“: Bei den Kämpfen um Verdun starben vor 100 Jahren mehr als 300.000 Deutsche und Franzosen. Merkel und Hollande gedenken am Sonntag der schlimmsten Schlacht des Ersten Weltkriegs.

ParisAm kommenden Sonntag treffen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident François Hollande in Verdun, zum Gedenken an die Schlacht, die im Februar 1916 begann und sich bis August 1917 hinzog. Verdun ist eine Metapher für massenhaftes Abschlachten. Auf den Höhen um die Stadt starben mehr als 300.000 deutsche und französische Soldaten. Mit Verschwundenen, Verletzten, Versehrten zählten die Militärs insgesamt 700.000 „Verluste“.

Verdun sei „das Schlimmste gewesen, was die Soldaten im Ersten Weltkrieg erlebt haben“, sagt der französische Historiker Antoine Prost. Schon der Weg an die vorderste Linie der Front durch Schlamm und Granattrichter habe die Soldaten so erschöpft, dass sie oft keine Kraft mehr hatten für einen Angriff. Auf französischer Seite haben 73 von insgesamt 100 Divisionen zeitweilig in die Schlacht eingegriffen. Nachdenklich fragt der Historiker: „Wie unterscheidet man Steigerungsstufen der Abscheulichkeit von Qual und Massenmord?“

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Verdun ist allerdings mehr als ein großes Schlachthaus. Der Name der Stadt in Ostfrankreich steht auch für den Missbrauch menschlicher Opfer, deren Leid schnell nach der Schlacht in eine Heldengeschichte umgedeutet wurde, auf beiden Seiten der früheren Feuerlinie. In Frankreich wurde der Mythos patriotisch geschrieben, in Deutschland revisionistisch bis aggressiv. Schließlich ist Verdun auch ein erschreckendes Beispiel dafür, wie die Friedenssehnsucht ausgeschlachtet wurde für neue Kriegsvorbereitungen.

Der Historiker Prost erinnert an ein heute nur noch wenig bekanntes Ereignis: 1936 trafen sich Veteranen der Verdun-Schlacht aus zehn Nationen im Ort an der Maas. „Die deutschen Kriegsteilnehmer marschierten mit Hakenkreuzfahnen auf, um die Friedenssehnsucht des Führers zu bekräftigen: Hitler sei selber Soldat gewesen, er kenne die Gräuel des Kriegs, nichts liege ihm mehr am Herzen als der Frieden in Europa“, erinnert Prost an das gruselige Treffen.

Mit zum faschistischen Gruß erhobenen Händen wurde ein „heiliger Friedenseid“ geschworen. Deutsche und französische Veteranen umarmten sich. Erinnerung an das Massensterben, um die Vorbereitung eines neuen, noch grausameren Gemetzels zu tarnen: Auch dafür steht Verdun.

Glücklicherweise gibt es noch eine letzte, vierte Ebene: Verdun beweist heute, dass Deutschland und Frankreich sich versöhnt haben. Jenseits ergreifender oder inszenierter Gesten – man denke an den Händedruck von François Mitterrand und Helmut Kohl 1984 – hat die Aussöhnung echte Substanz. Sie zeigt sich vor allem darin, dass die Historiker auf beiden Seiten heute keine Meinungsverschiedenheiten mehr haben, wenn es um Ablauf und Bedeutung des Gemetzels geht. Das ist wichtig, weil es mehr voraussetzt als das Wiederholen von leicht daher gesagten Sätzen wie dem von der „Sinnlosigkeit des Krieges“: Man muss von Klischees und eigenen Vorurteilen Abstand nehmen.

Am 21. Februar 1916 begann die deutsche Artillerie einen stundenlangen Beschuss der französischen Stellungen. Die deutschen Soldaten rückten rasch vor und erwarteten, dass sie die Gegenseite schnell überwinden und dann wie auf einem Boulevard bis Paris marschieren würden. So stellten es ihre Vorgesetzten dar.

Doch dazu kommt es nicht: Weil der französische Widerstand sich verhärtet und die Alliierten an der Somme einen Angriff starten, der die Reichswehr zum Abzug von Truppen zwingt, kommt der deutsche Vormarsch ins Stocken, Ende Juli ist er zu Ende. Für den deutschen Oberbefehlshaber Erich von Falkenhayn ist die Schlacht um Verdun damit vorbei. Im August wird er abgelöst. Nun sagt er, es sei nie um einen Sieg in Verdun gegangen, sondern allein darum, dass Frankreich sich „ausbluten“ sollte, um die Regierung zur Aufgabe zu zwingen. „Für die deutschen Soldaten klang das wie ein Hohn, sie fühlten sich missbraucht“, urteilt Historiker Prost.


Gedenkmarathon in Verdun

Die französische Regierung erkannte früh, welches politisch-symbolisches Potenzial der Kampf um Verdun hatte. Der verlorene Krieg gegen Preußen lag damals erst 45 Jahre zurück. Das ist weniger als für uns heute die Studentenunruhen von 1968. Die Erinnerungen an den preußischen Sieg, die exzessiven Reparationsforderungen und die blutigen innerfranzösischen Kämpfe um die Kommune von Paris waren noch frisch. Die Franzosen wollten nicht wieder einer Niederlage samt folgenden bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen und Gebietsverlusten ins Auge sehen: eine starke Motivation, um sich in Verdun gegen die Deutschen zu stemmen.

Und eine gewonnene Schlacht ließ sich blitzschnell überhöhen zur patriotischen Tat. Schon Ende 1916 zeichnet Präsident Raymond Poincaré die Stadt mit dem Croix de Guerre aus, der neu geschaffenen Tapferkeitsmedaille. Dabei stehen deutsche Truppen noch auf zwei Höhen nahe Verdun, die sie erst im August 1917 räumen. Der Ort der Schlächterei wird zur „Heldenstadt“.

Wie werden Hollande und Merkel mit der Erinnerung an das umgehen, was vor hundert Jahren geschah? „Wir haben nicht vor, mit einer symbolischen Geste wie dem Händedruck von Kohl und Mitterrand zu wetteifern“, heißt es im Elysée. Es gehe mehr darum, die Jugend an die Geschichte heranzuführen. Das zieht sich auch durch das ganze Programm, in dem Kinder und Jugendliche eine große Rolle spielen. Man denkt in großen Dimensionen: 4000 junge Deutsche und Franzosen werden in Verdun und Umgebung vier Tage lang in Workshops über die Bedeutung von Versailles für die heutige Zeit nachdenken und darüber diskutieren, welchen Stellenwert die Erinnerung daran haben kann.

Merkel und Hollande haben ein äußerst intensives Programm vor sich. Fünf Stunden dauert der Zyklus, der von Kanzleramt und Elysée geplant wurde. Er beginnt am Sonntagvormittag am deutschen Soldatenfriedhof von Consenvoye, wo Kohl und Mitterrand sich getroffen hatten. Dort werden Kanzlerin und Präsident in Begleitung deutscher und französischer Kinder einen Kranz niederlegen. Weiter geht es zum Bürgermeisteramt in Verdun, dort werden die beiden jeweils nur eine kurze Rede halten. Auf der Place de la Nation folgt wieder eine Kranzniederlegung, mit einer Schweigeminute, nach der 250 Kinder aus Verdun die deutsche und die französische Nationalhymne singen werden.

Von einer Maasbrücke sollen hunderte Luftballons aufsteigen, dann nehmen Kanzlerin und Präsident ein Bad in der Menge – der Alptraum der Sicherheitskräfte. Während des Mittagessens kommt die aktuelle Politik zu ihrem Recht: Hollande und Merkel werden anderthalb Stunden über dringende Themen wie Ukraine, Brexit, Syrien und Libyen sprechen und auch ein Thema erörtern, über das man sich noch nicht eins ist: Könnte es nach der britischen Abstimmung vom 23. Juni – egal wie sie ausgeht - eine deutsch-französische Initiative zur Stärkung der Eurozone geben, und welchen Inhalt soll sie haben? Noch ist offen, ob es ein starkes Signal aus den beiden Hauptstädte geben wird.

Nach dem Essen werden die beiden Spitzenpolitiker das neugestaltete Museum von Verdun besuchen, in dem Vorbereitung und Ablauf der Schlacht dargestellt sind. Die Gedenkveranstaltung erreicht dann ihren Höhepunkt am Beinhaus von Douaumont. Dort liegen die zerfetzten Körper von 130.000 deutschen und französischen Soldaten begraben. Douaumont war der Name der Festung, die Monate lang heftig umkämpft wurde und mehrfach den Besitzer wechselte. Am Kampf um den riesigen Bunker zeigt sich die Industrialisierung des Ersten Weltkrieges: Von Monat zu Monat wurden die Geschosse größer, die abgefeuert werden konnten, bis sie einen Durchmesser von fast einem Meter erreichten. Wer die Festung einnahm, saß sofort in einer Falle, die Tag und Nacht mit schwersten Geschossen zertrümmert wurde.


Europäische Einigkeit statt Patriotismus

Noch heute ist das Innere der Festung ein bedrückendes, feuchtes Loch, das man auch ohne das ständige Hämmern von Granaten nur so schnell wie möglich verlassen will. Im Chaos des Schlachtfeldes ließ sich nachträglich oft nicht mehr feststellen, wer für welche Fahne gestorben war. „Verdun war eine Mischung aus modernster Gefechtstechnik mit Artillerie, Giftgas, Flammenwerfern und archaischem Gemetzel mit Hieb- und Stichwaffen“, heißt es in der Dokumentation des Museums.

Im Beinhaus wurde bislang nur an die französischen Soldaten erinnert. „Für Frankreich war Douaumont die heiligste Stätte des Patriotismus,“, sagt ein Berater aus dem Elysée. Auch Jahrzehnte nach der Auseinandersetzung sollte die Heroisierung die Oberhand behalten über der deprimierenden Einsicht, dass sich in Verdun beide Seiten „ausgeblutet“ haben, um das scheußliche Wort von Falkenhayns zu gebrauchen.

Die Erinnerung ändert sich nun, Frankreich springt über seinen Schatten. Im Elysée sieht man das sogar als die stärkste symbolische Geste der 100-Jahrfeier. Die beiden Politiker werden eine neue Gedenktafel enthüllen, auf der steht: „Hier ruhen die Überreste von 130.000 deutschen und französischen Soldaten.“ Nur zwei Kinder werden Merkel und Hollande in die Schädelstätte begleiten.

Vor dem Mahnmal kommt es dann zu einer Szene, die sicher die beeindruckendsten Bilder der Feier liefern wird. Volker Schlöndorff ist mit der Inszenierung betraut worden. 3500 Jugendliche werden sich zwischen den Kreuzen des Gräberfeldes erheben und auf Merkel und Hollande zugehen.

Beide werden anschließend eine Rede halten. Von Hollande weiß man bereits, dass er nicht bei der Erinnerung an die Historie stehen bleiben will. „Der Präsident wird von heute sprechen, davon, wie die Vergangenheit die Gegenwart erklärt,“ sagt ein Berater. 100 Jahre nach der Schlacht von Verdun sehe man „in Europa die Nationalisten wieder aufleben“. Es sei wichtig, das heutige Europa „zu sehen im Licht des gegenseitigen Mordens der Nationen, das wir vor hundert Jahren erlebt haben.“

Dieses Wiederaufleben der Nationalismen, der Hetze gegen andere Völker erschüttert ein wenig die These, die friedenssichernde Bedeutung von Europa habe sich überlebt, sei nicht mehr aktuell. Wer einmal in Verdun war, wer weiß, wie im Jahr 1936 der Frieden beschworen wurde, glaubt nicht mehr so leicht an einen ewigen Frieden im Selbstlauf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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