Michael Sandel: Das Marktdenken lähmt die Moral

InterviewMichael Sandel: Das Marktdenken lähmt die Moral

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Michael Sandel, Philosphieprofessor in Harvard.

von Dieter Schnaas

Er ist der Popstar der Moralphilosophie. Michael Sandel über Profitmaximierung, die Ökonomisierung des Lebens und die ganz große Frage: Was ist Gerechtigkeit?

WirtschaftsWoche: Herr Sandel, in Deutschland wird über die Einführung von Lohnuntergrenzen diskutiert. Ist ein Mindestlohn gerecht?

Michael Sandel: Ich habe Sympathie für die Idee eines Mindestlohnes, weil man mit ihm zwei Ziele verfolgen kann: die Bekämpfung der Armut. Und die Bestätigung der Würde von Arbeit. Allerdings kann man diese Ziele auf mindestens drei Wegen erreichen. Erstens durch einen Mindestlohn. Zweitens durch starke Gewerkschaften. Und drittens durch einen Sozialstaat, der verhindert, dass Arbeitnehmer arm sein können.

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In den USA gibt es seit 1938 einen Mindestlohn...

...aber wir haben dort weniger starke Gewerkschaften als in Deutschland und auch einen weniger starken Sozialstaat. Ich würde daher sagen: Welche Gesellschaften sich auf welche Werkzeuge verständigen, ist nachrangig, solange sie sich auf die Erreichung beider Ziele verständigen.

Daran, dass es relativ Arme und absolut Reiche gibt, ändern Mindestlöhne nichts.

Ein Mindestlohn kann niemals das Problem der wachsenden Ungleichheit lösen. Warum sage ich Problem? Nun, weil Demokratie keiner perfekten Gleichheit bedarf, wohl aber einer Gleichheit, die Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft die Möglichkeit gibt, einen Sinn dafür zu entwickeln, dass sie ein gemeinsames Leben leben. Dazu müssen sie sich im Alltag begegnen. Stattdessen erleben wir, dass die Zahl derer wächst, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken, weder Bus noch Bahn fahren. Diesen Menschen begegnet man nicht mehr. Sie leben, arbeiten und konsumieren, wo andere nicht leben, arbeiten und konsumieren. Das ist nicht gut für die Demokratie. Es unterminiert den Sinn für gemeinsame Ziele, für geteilten Bürgersinn. Eine solche Ungleichheit ist kein Problem für die Armen, sondern für uns alle.

Zur Person

  • Michael Sandel

    Michael Sandel, 60, prägt mit seinem Harvard-Kurs-Hit „Gerechtigkeit“ die Moralvorstellungen der Elite von morgen. Die Nachfrage nach seiner Vorlesung war so gewaltig, dass die Universität sie als Videoseminar ins Netz stellte (www.justiceharvard.org). Seither lassen sich Studenten und Manager weltweit von Sandel über die Grundlagen eines guten Lebens belehren. Seine beiden Bücher „Gerechtigkeit“ und „Was man für Geld nicht kaufen kann“ sind internationale Bestseller. Darin verbindet Sandel moralische Dilemmata mit einer Einführung in die Geschichte der politischen Ethik – heraus kommt beste Unterhaltungsphilosophie. Wir sprachen mit Sandel im Anschluss an einen Vortrag beim 9. Brand Trust Future Circle in Berlin.

Demnach hieße Gerechtigkeit, die Bedingungen für eine Gesellschaft zu schaffen, in der alle Menschen sich auf das verständigen können, was sie für gerecht halten?

Nein. Gerechtigkeit ist niemals das, von dem die Mehrheit gerade denkt, es sei gerecht. Gerechtigkeit ist ein Standard, den wir anstreben und von dem aus wir aktuelle Gegebenheiten kritisieren. Die Sklaverei zum Beispiel war in Amerika lange und mehrheitlich akzeptiert – eine Praxis, die im Namen der Gerechtigkeit kritisiert wurde. Gerechtigkeit ist ein Ideal...

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2 Kommentare zu Michael Sandel: Das Marktdenken lähmt die Moral

  • Gerechtigkeit in Deutschland? dass ich nicht lache...war mal vor der Merkelregierung- heute ist Gerechtigkeit in Deutschland nur eine Farce....Gerechtigkeit nur für Spender der CDU-Partei....Dafür sorgt Frau Merkel schon...Volk? Uninteressant....

  • Schoenes Interview.

    "Stattdessen erleben wir, dass die Zahl derer wächst, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken, weder Bus noch Bahn fahren. Diesen Menschen begegnet man nicht mehr. Sie leben, arbeiten und konsumieren, wo andere nicht leben, arbeiten und konsumieren. Das ist nicht gut für die Demokratie. "

    Absolut Richtig. Und da soll mal einer kommen und behaupten wir haben keine Klassengesellschaft mehr.

    Und die Unter-/Mittelschicht denkt noch wenn sie ihre Kinder zum Klavierunterricht schicken, dass das ueberdurchschnittlich sei. Dabei ist das sicher nicht zu vergleichen mit einem Schweizer Internat bei dessen Besuch man gleich die besten Kontakte knuepft.

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