
MoskauAus dem angekündigten späten Mittag- ist ein frühes Abendessen geworden. Der Gastgeber, Oligarch und Präsidentschaftskandidat Michail Prochorow, hat das Treffen im teuren Moskauer Restaurant Twerbul kurzfristig für eine Fernsehdebatte verschoben. Ein voller Terminplan ist für den Geschäftsmann und Multimilliardär nicht ungewöhnlich. Nur unterscheiden sich die aktuellen Verpflichtungen von seinen bisherigen Aufgaben: Der Manager ist neu auf dem politischen Parkett. In einem Monat will er Wladimir Putin in die Stichwahl zwingen.
Mit seinen 2,04 Metern fällt Prochorow auf. Plötzlich steht er im Twerbul zwischen Säulen, die antik aussehen sollen. Er trägt einen grauen Anzug und eine dunkelrote Krawatte, die wirkt, als wäre sie passend zur ebenfalls dunkelroten Stofftapete ausgesucht worden. Die Kellner reichen Wein und Champagner. Der Hüne trinkt stilles Wasser. Mit Metall- und Finanzgeschäften hat der 46-Jährige einen Reichtum von 18 Milliarden Dollar angehäuft. Damit ist er der drittreichste Mann Russlands.
Prochorow gilt als begehrter Junggeselle und Lebemann. Dass er vor ein paar Jahren nach einer Party im französischen Skiort Courchevel kurz in Haft war, weil die Polizei seine Party-Begleiterinnen für Prostituierte hielt, kommentiert er mit den Worten: „Ich bin eine widersprüchliche Figur.“ Seine große Leidenschaft ist der Sport, gewöhnlich trainiert er zwei Stunden am Tag: tibetische Kampfkunst, Fußball und Kickboxen. Im Moment hat er dafür allerdings wenig Zeit. Am Samstag steht der nächste wichtige Termin im Kalender.
Ab Mittag hat die Opposition zu einer neuen Massendemonstration im Zentrum von Moskau aufgerufen. Wieder werden viele Zehntausend Teilnehmer erwartet – trotz der Wettervorhersage von minus 15 Grad. Prochorow versucht die unzufriedene Mittelschicht dort mit seinem Wahlprogramm anzusprechen. „Ich denke, die Mehrheit wird für mich stimmen“, sagt er. Doch viele Demonstranten, die ein „Russland ohne Putin“ fordern, können sich genau so wenig einen Präsidenten Prochorow vorstellen. „Da draußen sind ganz unterschiedliche Leute“, erklärt der Bewerber. Es gebe viele Ansichten, das nicht alle ihn unterstützen sei doch eine „ganz normale politische Situation“.
Ein Mann, der Rätsel aufwirft
Am Samstag will er „mit den Menschen reden und hören, was sie wollen“. Zu der Menge wird er allerdings nicht sprechen. Gerade hat er erklärt, dass er die Protest-Bühne am Bolotnaja-Platz, unweit des Kremls, nicht betreten wird. Bei der letzten großen Demo am 24. Dezember wollte er auftreten, doch die Organisatoren ließe ich nicht. Diesmal will er nicht. „Ein Teil der Organisatoren sagt, ich soll eine Rede halten, andere wollen das nicht“, erklärt Prochorow. „Ich will keinen Streit auslösen.“ Außerdem sei es ihm unangenehm mit Gennadij Sjuganow und Sergej Mironow die Bühne zu teilen. Seine Mitbewerber um das Präsidentenamt handelten doch nur im Auftrag des Kremls.
Dies ist ein Vorwurf, mit dem auch Prochorow immer wieder konfrontiert wird. Das Land rätselt über das plötzliche politische Interesse des Geschäftsmannes. Er könnte als Kandidat installiert worden sein, um die Stimmen der Protestwähler abzufangen und um so Putin die Wahl zu erleichtern. Schon bei seinem ersten politischen Versuch hatte Prochorow Hilfe von ganz oben.
Vergangenes Jahr gründete er mit Kreml-Unterstützung die Partei „Gerechte Sache“, trat aber schnell wieder ab. Der Kandidat wehrt sich gegen die Gerüchte, dass in Wahrheit wieder ein anderer die Fäden zieht. „Das letzte Mal habe ich Putin im April gesehen und auch nicht mit ihm telefoniert.“
Wer annimmt, er sei vom Kreml installiert, der könne genauso die Kundgebungen im Dezember für ein Kreml-Projekt halten. „Früher waren große Demonstrationen verboten, jetzt sind sie erlaubt.“ Für diesen Samstag haben die Behörden erstmals einen so großen Marsch der Opposition durch das Zentrum genehmigt.
Nun will er also die Wahl am 4. März gewinnen, doch es sieht nicht gut aus. Putin kommt in der jüngsten Umfrage auf 52 Prozent. Damit wäre nicht mal eine Stichwahl nötig. Prochorow liegt bei maximal vier Prozent. Er selbst glaubt aber „15 bis 20 Prozent“ erreichen zu können. „Das reicht, um ein einen zweiten Wahlgang zu kommen.“
Falls Putin im ersten Anlauf tatsächlich keine Mehrheit erhält, wäre es allerdings wahrscheinlicher, dass sein Konkurrent Sjuganow hieße. „Um Gottes Willen“, sagt Prochorow. Käme der Kommunist an die Macht, wäre das doch „wie im Film ‘Und täglich grüßt das Murmeltier‘“. Auch gegen die anderen Kandidaten teilt er aus. Der Rechtspopulist Wladimir Schirinowskij komme bei jeder Wahl auf acht bis zehn Prozent, egal, welche Partei er dabei vertrete. Mironow habe sich vor der letzten Abstimmung für das oberste Staatsamt für eine dritte Amtszeit Putins eingesetzt und versuche jetzt mit liberalen Vorschlägen nur bei der Opposition zu punkten.
Putins Wahlprogramm richte sich allein an eine Minderheit – an jene, die „kontrollieren und verteilen“. Der Regierungschef wolle nichts verändern, nur ein bisschen justieren. „Ich will das System in eine Demokratie umbauen“, verkündet Prochorow. Er wolle eine „Evolution“, verlangt nach mehr Konkurrenz in Politik und Wirtschaft. Unter anderem will er Monopole aufbrechen, etwa das von Gazprom.
„Ich war quasi der Präsident eines kleinen Landes“
Prochorow ist jetzt bei den großen Themen angekommen, während er im Twerbul Rindfleischhäppchen in kleine Stücke schneidet. Dabei weiß er, dass er woanders anfangen muss. „Wir müssen keine Großprojekte angehen, solange kleinere Probleme nicht behoben sind. Wir müssen nicht zum Mars fliegen, wir müssen Straßen renovieren und Eisenbahnlinien bauen.“ Den inhaftierten Ex-Yukos-Chef Michail Chodorkowskij will er in seine Regierung holen. „Ich kenne Mischa sehr gut, er ist ein begabter Mensch.“
Putin soll bei einem Wahlsieg Prochorows keine Rolle spielen. Es ist ein weiterer Widerspruch in seiner Kandidatur. Denn er selbst kann sich wiederum vorstellen, unter einem Präsidenten Putin das Amt des Regierungschefs zu übernehmen. Der selbsternannte Anti-Putin würde unter Putin arbeiten – wie passt das zusammen? „Für mich ist das kein Gegensatz“, antwortet Prochorow. Alles hängt dabei von einer Stichwahl ab. Denn diese führe zu einer Veränderung der politischen Kräfte: Der Präsident müsse Macht abgeben, das Parlament gestärkt werden.
„Eine unabhängige Regierung muss von einem unabhängigen Parlament gewählt werden.“ Prochorow ist bereit über das Amt des Premiers nachzudenken, sofern „die Regierung nicht nur eine Filiale des Kreml ist“. Und nur wenn sich sein Programm mit der künftigen Politik Putins vereinbaren lasse. Im Moment ist das ohnehin nicht mehr als ein Gedankenspiel: Siegt Putin, soll Präsident Dmitrij Medwedew Premier sein. Ihr September verkündete Ämtertausch ist einer der Gründe für die Proteste in Russland.
Egal ob sich Prochorow als Russlands nächster Präsident oder der nächste Premierminister sieht – es bleibt die Frage, ob er denn genug Erfahrung für ein politisches Amt mitbringt. Er wisse um die Verantwortung in einer solchen Position, sagt der Bewerber. Und verweist auf seine Erfahrung als Chef des Bergbaukonzerns Norilsk Nickel. „Ich war quasi der Präsident eines kleinen Landes, verantwortlich für alle Themen und Probleme.“ Ein Präsident brauche starke Themen, Werte, Verantwortung, Lebenserfahrung.
Es müsse jemand sein, der in den vergangenen 20 Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion Erfahrungen im Land gesammelt habe. Ansonsten könnten sich Fehler der Vergangenheit wiederholen. Ein neues Gesicht wie Alexej Nawalnij, 35 Jahre alt, Jurist, Blogger und an der Spitze der Oppositionsbewegung, kann sich Prochorow nicht in einer wichtigen Position vorstellen.
„Er ist ein interessanter Typ, aber soll jemand Präsident werden, dem es an Lebenserfahrung und an Erfahrung in Politik und Management fehlt?“ Viele Russen beantworten diese Frage hingegen mit ja. Denn die bisherigen Eliten des Landes sind oft Rädchen im System, das Putin über zwölf Jahre errichtet hat. Oder es sind jene reichen und einflussreichen Männer, die in den chaotischen 90er Milliarden gescheffelt haben: Oligarchen, wie Prochorow einer ist.
„Nicht die Oligarchen haben das Land kaputt gemacht, sondern die Kommunisten“, sagt Prochorow. Prochorows Wahlprogramm sieht auch eine Amnestie für illegales Kapital aus ebendiesen 90er Jahren vor. Es soll versteuert und somit legalisiert werden. Prochorow selbst, nach eigenen Angaben der größte Steuerzahler Russlands, will bei einem Wahlsieg sein Vermögen für wohltätige Zwecke spenden.
Letztlich ändere sich die Meinung über die Oligarchen im Land langsam. „Ich stehe mit sehr vielen Menschen in Kontakt, auch mit den ganz einfachen, die zu mir sagen: Ich gebe dir meine Stimme, weil du schon alles hast und nicht von uns stehlen wirst.“
Falls es am Ende der Oligarch nicht in den Kreml schafft, will er eine neue liberale Partei gründen, die bei der nächsten Duma-Wahl antreten soll. Ob Prochorow sich vorstellen kann, bei der nächsten Präsidentenwahl wieder anzutreten? Sie wird verfassungsgemäß erst in sechs Jahren stattfinden. „Ich will jetzt gewinnen“ sagt er. In Anbetracht der Umfragewerte scheint das aussichtslos. Doch: „Wunder geschehen, man kann nichts ausschließen – so ist das in Russland.“










