Militär probte schon oft den Aufstand: Die Angst der Türken vor dem Putsch

Militär probte schon oft den Aufstand: Die Angst der Türken vor dem Putsch

, aktualisiert 16. Juli 2016, 11:33 Uhr
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Auf dem Taksim-Platz in Istanbul fürchteten sich die Menschen vor einer neuen Machtergreifung des Militärs.

von Ozan DemircanQuelle:Handelsblatt Online

Es wäre der vierte Putsch in der Türkei seit 1960. Die chaotischen Szenen in den Städten wecken böse Erinnerungen. Denn die militärischen Machtergreifungen endeten stets blutig – und hinterließen meist noch mehr Chaos.

ZürichEs sind Szenen wie im Kriegsfilm. Ein Hubschrauber steht leicht schräg in der Luft, knapp über dem Gebäude des Millî İstihbarat Teşkilâtı, des türkischen Geheimdienstes, und gibt Schüsse ab. Im Staatsfernsehen liest eine Moderatorin mit schweißgebadetem Gedicht eine Erklärung von Offizieren der ersten Armee vor. Und mitten in der Nacht fordern Muezzine in den Moscheen zu einer für sie gänzlich unüblichen Zeit über die Mikrofone der Moscheen, auf die Straßen zu gehen – und dem Putsch zu widerstehen.

Dieser Putschversuch verläuft blutig. Die bisherige Bilanz: Stand Samstagmittag sind bisher mehr als 190 Menschen getötet worden, noch mehr als bei dem schrecklichen Anschlag in Ankara vor knapp einem Jahr. 1154 Menschen sind verletzt, wie schwer, ist noch nicht bekannt. Über 1500 Putschisten sind festgenommen worden – es mehren sich die ersten Stimmen in lokalen Medien, die nach der Wiedereinführung der Todesstrafe rufen.

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So prekär die politische Situation in dem Land ist: Die Türken haben Angst vor einem Putsch. Egal, wie schwierig die Lage ist. Jeder kennt die Erzählungen aus dem Jahr 1960, 1971 oder 1980. In erschreckender Regelmäßigkeit begehrte das Militär auf, wenn die politische Situation den Generälen nicht passte. Oftmals herrschte tatsächlich das reinste Chaos vor einem Putsch.

Allein, nach einem Putsch war das Chaos meist noch viel grösser. Hunderte wurden hingerichtet, das eingesetzte Kriegsrecht versetzte normale Bürger in Angst und Schrecken und die Politik stabilisierte sich nur schwer. Nach dem Putsch von 1971 gab es zum Beispiel 13 Neuwahlen binnen eines Jahrzehnts. Die Türken - egal, wie sehr oder wie wenig sie hinter der aktuellen Regierung stehen, fürchten eine militärische Machtübernahme so sehr wie die Deutschen die Hyperinflation.


Der Putsch als blutige Tradition

Am frühen Morgen des 27. Mai 1960 gab ein Oberst des Militärs über das Radio bekannt, dass zum ersten Mal in der Geschichte der türkischen Republik das Militär die Macht über den Staat ergriffen hatte. Vorangegangen war ein Jahrzehnt mit einer islamisch-konservativen Regierung unter Ministerpräsident Adnan Menderes. Auch der damalige Regierungschef ging gegen die Opposition vor. Auch Menderes ließ Journalisten verhaften, Zeitungen verbieten und steckte Oppositionelle ins Gefängnis, oft mit der Begründung, sie hätten die Regierung beleidigt.

Der Putsch selbst, der hauptsächlich von jungen Offizieren ausgeführt worden war, verlief weitestgehend unblutig. Binnen weniger Stunden hatten sie die Hauptstadt Ankara unter Kontrolle. Schlimmer waren die Jahre danach. In teils absurden Gerichtsprozessen wurde 592 Angeklagten der Prozess gemacht. Regierungschef Menderes wurde nicht nur vorgeworfen, die Verfassung missachtet zu haben. Er soll auch sein uneheliches Kind getötet haben, das er mit einer Opernsängerin gezeugt haben soll. 15 Menschen wurden anschließend zum Tode verurteilt, Menderes war unter ihnen.

Das gesellschaftliche Muster war von dort an festgelegt: Das Militär betrachtete sich als Wächter über Atatürks Vision, nämlich westlich orientiert und auf eine strikte Trennung von Staat und Religion bedacht. Die Fronten waren erstmals geklärt: Hier die atatürktreuen Reformer, dort die konservativen Muslime. Doch als die Soldaten drei Jahre später wieder freie Wahlen zuließen, sah das Bild wie vor dem Putsch aus: Die Nachfolgepartei der Konservativen, die Gerechtigkeitspartei, gewann 45 Prozent der Stimmen – gegenüber 37 Prozent für die Säkularisten-Partei CHP. Der Putsch hatte nichts gebracht, außer zahlreichen Toten und einem politischen Chaos.

Jedes Mal, wenn das Militär daraufhin die Prinzipien des Staatsgründers bedroht gesehen hatte, griff es ein. Zunächst 1971, nachdem mehrere radikale Splitterparteien Gewalt in die Großstädte gebracht hatten. Auch hier statuierten die Putschisten ein Exempel. Als Preis für die Aufstände ließen sie scheinbar wahllos einzelne Demonstranten hinrichten. Besonders absurd: Während 1960 konservativ-islamische Politiker zum Tode verurteilt worden waren, so wurden elf Jahre später vor allem linke Intellektuelle hingerichtet.


Das Ansehen des Militärs

Es ist nicht so, dass das Militär kein Ansehen in der Bevölkerung genießt. Für viele sind die Streitkräfte eine regelrechte Instanz. Admiral Vural Beyazit sagte einmal: „In der Türkei haben wir zwar keine Öl- oder Schwerindustrie. Aber wir haben etwas viel Stärkeres: militärische Disziplin.“ Doch das Militär, eigentlich eine gesellschaftliche Instanz in der Türkei, geriet schon damals bei einigen in Verruf. So schafften die Putschisten 1971 zahlreiche der liberalen Gesetze wieder ab, welche ihre Vorgänger nach dem Putsch 1960 eingeführt hatten. Es herrschte pure Anarchie. Ein Akademiker bezeichnete das Vorgehen der Militärs damals so: „Das ist keine Reform für die Gesellschaft, sondern Chloroform.“

Der letzte Putsch erfolgte 1980, in Folge eines in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht katastrophalen Jahrzehnts. Etliche Menschen wurden bis 1983 hingerichtet. 650.000 Menschen wurden laut einem damaligen Artikel der Zeitung Cumhuriyet festgenommen. 230.000 davon wurde der Zeitung zufolge anschließend der Prozess gemacht, auf hunderte von ihnen wartete anschließend der Galgen.

Nicht nur vor Gericht herrschten diktatorische Zustände: 30.000 Menschen wurden entlassen, weil sie „verdächtig“ gewesen seien. 14.000 Türken wurde die Staatsbürgerschaft entzogen, Zehntausende flohen ins Ausland. 300 wurden durch Unbekannte ermordet, 171 starben durch Folter. Fast ein Jahr lang erschienen keine Zeitungen.

Bei diesem Putsch gestaltete Generalstabschef Kenan Evren eine Verfassung, die der Streitmacht erhebliche Befugnisse gestattete. Unter anderem wurde damals der gefürchtete Nationale Sicherheitsrat MGK geschaffen – ein Gremium, das jederzeit zum Schlag ausholen konnte, um einer angeblichen Störung der öffentlichen Ordnung entgegen zu treten. Diese Verfassung gilt bis heute, auch der Sicherheitsrat existiert noch und überbringt dem Ministerrat Vorschläge zur Landesverteidigung. Auch die Repressionen gegen Kurden wurden damals massiv verschärft worden. In der Folge flohen viele Kurden aus der Türkei – viele davon in Richtung Deutschland.

Dass sich nun, bei dem Putschversuch im Jahr 2016, relativ schnell Gegendemonstrationen gebildet haben, ist nicht nur der Kraft der sozialen Medien zu verdanken. Viele fühlen sich beim Anblick von Panzern in der eigenen Straße an die Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte erinnert – und wollen vermeiden, dass sich dieser Teil der türkischen Geschichte wiederholt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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