
Die Bilder sind verwackelt und unscharf, Wind bläst ins Mikrofon. Ein paar Pick-up-Trucks auf einer Wüstenstraße und einige Männer sind zu erkennen, einer von ihnen liegt neben einem dunklen Apparat. Plötzlich hört man ein Zischen, die Kamera folgt einem Feuerstrahl. An seinem Ende geht in der Ferne ein viereckiges Objekt in Flammen auf. „Gott, Gott ist groß“, rufen die Männer.
Die Aufnahmen, die im Mai auf die Internetplattform Youtube gestellt wurden, sollen libysche Rebellen beim Üben mit Panzerabwehrraketen des Typs „Milan“ zeigen. Sind die Aufnahmen echt, belegen sie zusammen mit Dutzenden anderen Fotos und Videos, dass Libyens Opposition in ihrem Kampf gegen Machthaber Muammar el Gaddafi längst nicht mehr nur auf jahrzehntealte Flinten vertrauen muss. Nach Handelsblatt-Recherchen verfügen die Rebellen inzwischen unter anderem über belgische Gewehre, russische Maschinengewehre und Panzerabwehrraketen sowie die Milan-Rakete, deren Zünder, Kreisel und Abschussanlage in Deutschland hergestellt wird.
Die meisten Waffen stammen nach Angaben aus Sicherheitskreisen aus Waffenlagern der libyschen Armee, die die Rebellen eingenommen haben. Zudem haben mehrere Nato-Mitgliedstaaten Ströme mit Militärgerät aus dem Sudan, Tunesien und Ägypten registriert. „In so einer Situation stehen die illegalen Waffenhändler automatisch vor der Tür, da brauchen die Rebellen keine gezielten Einkäufer“, sagt ein Kenner des illegalen Waffenhandels, der namentlich nicht genannt werden will.
Auch Frankreich hat französischen Diplomaten zufolge rund 40 Tonnen Waffen an die Rebellen geliefert, ebenso soll das Emirat Katar zu den regelmäßigen Lieferanten gehören. Für die internationale Gemeinschaft sind Waffenlieferungen an Libyens Rebellen problematisch, denn noch gilt ein Uno-Waffenembargo gegen das Land. „Natürlich will keiner zugeben, dass er Waffen liefert, da es ja ein Embargo gibt“, sagt Florence Gaub, Libyen-Expertin des Nato-Defense-College in Rom.
Auch für die Bundesregierung ist dies ein Problem, zumindest was die Kontrolle über aus Deutschland exportiertes Kriegsgerät betrifft. Und genau solches ist nun in Nordafrika aufgetaucht: Ein weiteres Video, angeblich Mitte Juni von einem amerikanischen Kameramann im Westen Libyens gedreht, zeigt, wie Rebellen eine Milan-Rakete aufladen.
Die Raketen sind auf deutsch mit "Bodenziele" beschriftet
Deutlich ist auf den Bildern die Beschriftung der Rakete zu erkennen: „Bodenziele“ steht dort, und das Kürzel „LFK“, was für „Lenkflugkörper“ steht. Nach Angaben des Herstellers MBDA-Systems, einem Konzern an dem auch EADS beteiligt ist, handelt es sich bei der gezeigten Rakete um den Typ „Milan 2“. Offiziell wurden aber von Frankreich mit Genehmigung Berlins zwischen 2007 und 2010 nur „Milan 3“-Raketen an Gaddafi verkauft – die Raketen der Rebellen stammen also offenbar nicht aus Beständen der Regierungstruppen.
Die deutsch-französischen High-Tech-Raketen im Besitz der libyschen Rebellen stehen exemplarisch für ein Kernproblem von Waffenexporten: Einmal geliefert, lässt sich kaum beeinflussen, was mit den Waffen tatsächlich geschieht. Milan-Panzerabwehrraketen sollen es sogar bis in die Hände der radikalislamischen libanesischen Hisbollah-Miliz geschafft haben – und wurden 2006 im Krieg gegen Israel eingesetzt.
Doch wie kamen die Geschosse, die je nach Modell Ziele in über zwei Kilometern Entfernung treffen können, in die Hände der libyschen Freiheitskämpfer? Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums hat die Bundesregierung nie eine Milan-Lieferung an Libyens Rebellen genehmigt, auch keinen Re-Export. Nach internen Recherchen des Bundesverteidigungsministeriums stammt die in dem Video zu sehende Rakete nicht aus Beständen der Bundeswehr.
Als wahrscheinlichster Lieferant gilt das Emirat Katar, das sich als einer der wenigen Staaten zu Waffenlieferungen an die Rebellen bekennt. Hochrangige französische Regierungsmitarbeiter sagten Ende Juni zudem, Paris habe im Zuge des Abwurfs von insgesamt 40 Tonnen Waffen an die Rebellen im Mai auch „Milan-Raketen“ an die Rebellen geliefert. Offiziell dementiert das französische Verteidigungsministerium allerdings: Es seien nur Waffen zur Selbstverteidigung abgeworfen worden, dies sei durch die Uno-Resolution zum Schutz der Zivilbevölkerung in Libyen erlaubt.
Für Pieter Wezeman vom Stockholm International Peace Research Institute (Sipri), zeigt der Fall der Raketen mit deutschen Abschussanlagen allerdings dennoch, dass in Deutschland ein Problem besteht, den Endverbleib einmal exportierter Waffen zu sichern. Viele EU-Staaten seien nicht gewillt, „Geschäftsbeziehungen der Rüstungsindustrie aufs Spiel zu setzen, indem sie auch für Komponenten eine Endverbleibsgarantie verlangen“.
Mathias John, Waffenhandelsexperte von Amnesty International Deutschland geht sogar noch weiter. Milan-Raketen mit deutschen Bauteilen in der Hand libyscher Rebellen hieße „vor allem, dass die deutschen Endverbleibskontrollen völlig zahnlos sind“, sagt John. Die „berühmten immer wieder genannten Endverbleibszertifikate“, seien dann „das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden“, sagt John.
Waffen gehen fast ausschließlich an die Rebellen
Nach Angaben des Kameramanns, der die Milan-Raketen in Libyen filmte, sind die Rebellen „sehr gut in der Lage“, mit den Raketen umzugehen. Dies könnten sie von Überläufern aus Gaddafis Armee gelernt haben oder von westlichen Militärberatern vor Ort. In Sicherheitskreisen heißt es, Frankreich habe Militärberater an die Rebellen entsandt, zudem soll inzwischen ein knappes Dutzend britischer Zivilisten zu Beratungszwecken in Libyen sein. Ob es sich dabei um Geheimdienstler oder Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma handelt, ließ sich nicht ermitteln.
Ähnlich undurchsichtig sieht es bei den anderen Waffen der Rebellen aus: Zu den vor Ort am häufigsten registrierten Waffen zählen belgische Gewehre des Typs FAL, russische AK 47 (Kalaschnikow) und russische Raketen des Typs Strela-2. Des Weiteren kursieren im Internet Aufnahmen eines in Ägypten hergestellten Raketenwerfers. Weiter gibt es zahlreiche Aufnahmen von Raketenwerfern, die provisorisch auf Pick-up-Trucks montiert wurden. Waffen würden inzwischen nahezu ausschließlich an die Rebellen geliefert, heißt es in Sicherheitskreisen. Gaddafis Nachschubrouten habe die Nato fast vollständig abgeschnitten.
Dennoch scheinen die Rebellen nicht wirklich an Boden gegen Gaddafis Getreue gutzumachen: In Sicherheitskreisen wird die militärische Lage in Libyen derzeit als „undurchsichtig“ bezeichnet, sie gleiche einem Patt mit leichten Vorteilen für die Rebellen. Tatsächlich aber beklagen sich Militärs und Nachrichtendienste über einen eklatanten Informationsmangel. „Die nachrichtendienstliche Lage ist miserabel“, sagt Florence Gaub.
Mitentscheidend über einen Erfolg der Rebellen dürften in den kommenden Wochen neben anderen Faktoren auch die Versorgung mit Waffen sein. „Die Rebellen würden sicher sehr von der Versorgung mit fortschrittlichen Waffen wie der Milan profitieren“, sagt Wezeman. Wenngleich „Organisation, Disziplin und Ausbildung von noch entscheidender Wichtigkeit“ seien.
„Die Waffen werden als Erfolgsfaktor überschätzt“, sagt auch Gaub. Da die Rebellen weder eine Strategie, noch eine Ausbildung noch eine Kommandostruktur besäßen, könnten sie militärisch nur schwer gewinnen. Wirklich helfen würde es, wenn Gaddafi-Getreue massenweise desertieren würden.














