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Mongolei: Milliarden Tonnen Geld in der Erde

von Oliver Bilger Quelle: Handelsblatt Online

Kohle, Kupfer, Eisenerz: Die Mongolei, eigentlich ein armes Land, zählt zu den rohstoffreichsten Ländern der Welt. Beim Besuch von Kanzlerin Merkel will Deutschland einen Milliardendeal abschließen.

Steppenartig ersteckt sich eine Hügellandschaft in der Nähe von Ulan Bator, der Hauptstadt Mongolei. Quelle: handelsblatt.com
Steppenartig ersteckt sich eine Hügellandschaft in der Nähe von Ulan Bator, der Hauptstadt Mongolei. Quelle: handelsblatt.com

Wenn im September der erste Schnee fällt und der Winter in die Mongolei einzieht, verfeuern die Menschen die Schätze ihres Landes, um sich zu wärmen. In den kleinen Blechöfen in der Mitte ihrer Jurten, den traditionellen Nomadenzelten, verbrennen sie Braunkohle. Davon gibt es reichlich. An anderem mangelt es hingegen. Etwa an festen Straßen. Durch Bajanchoschuu, einem ärmlichen Bezirk am Rand der 1,2-Millionen-Hauptstadt Ulan Bator führen nur staubige Pisten. Zehntausende leben hier ohne fließend Wasser und Kanalisation.

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Auch Zezegee Purew. Die 60-Jährige haust mit ihren Kindern und Enkeln in einer Jurte, die Küche, Bad, Schlaf- und Wohnzimmer zugleich ist.Sechs Personen auf ein paar Quadratmetern. Links das Waschbecken, rechts ein Regal mit verbeulten Kochtöpfen, die Betten daneben. Vor vier Jahren ist die Nomadin aus der Provinz an die Stadtgrenze gezogen, nachdem ein besonders harter Winter ihr Vieh dahinraffte. „Es gab keine Möglichkeit, weiter auf dem Land zu leben“, sagt sie. Die Familie näht heute Pullover aus Kaschmirwolle, um zu überleben. Der Staat unterstützt sie, so wie jeden Mongolen, mit 21000 Tugrik im Monat – umgerechnet zwölf Euro. Das Geld stammt aus Einnahmen des rasant wachsenden Bergbausektors. Aber der Reichtum des Landes kommt nur bei wenigen an. Ein Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Das soll sich bald ändern, wie so vieles hier. Denn nicht nur Kohle zum Heizen gibt es massenhaft.

Unter dem Wüsten- und Steppenboden liegen 160 Milliarden Tonnen Kohle, 1,6 Milliarden Tonnen Eisenerz, 40 Millionen Tonnen Kupfer, 3000 Tonnen Gold sowie große Vorkommen an Uran und Seltene Erden. Die Mongolei zählt zu den zehn rohstoffreichsten Ländern der Welt. Lange war der Abbau der Rohstoffe unrentabel wegen einer geringen Nachfrage, niedriger Preisen und fehlender Infrastruktur. Doch in den vergangenen Jahren wuchs Chinas Energiehunger, die Preise stiegen. Zunächst investierten Chinesen im Nachbarland. Mittlerweile liefern sich auch Japaner, Südkoreaner, Kanadier, Australier und Amerikaner ein Rennen um das Geld, das in der Erde steckt. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel will bei ihrem Besuch ein Rahmenabkommen für die Zusammenarbeit im Rohstoffbereich mit dem ressourcenreichen asiatischen Land schließen.

Sie alle warten auf den ganz großen Aufschwung. Dieses Jahr soll die Wirtschaft um knapp zehn Prozent wachsen. In den nächsten Jahren kann sich das Bruttoinlandsprodukt verdoppeln, vielleicht sogar verdreifachen. Damit zählt die Mongolei zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.

„Von den goldenen Jahren wolle viele profitieren“

Von den kommenden, wie es hier gerne heißt, „goldenen Jahren“ wollen viele profitieren. Die Bevölkerung hofft auf ein besseres Leben.Politiker wollen ihre Wiederwahl sichern. Unternehmen möchten Geld verdienen. Auch deutsche Firmen sollen ein Stück vom Erfolg abbekommen. Doch die wollten bislang wenig von Geschäften im fernen Osten wissen. Das wiederum verstehen viele in der Mongolei nicht.Einer von ihnen ist Luwsanwandan Bold, Verteidigungsminister und zugleich Koordinator für die mongolisch-deutsche Zusammenarbeit. Er bedauere das mangelnde Interesse der Deutschen, sagt er dem Handelsblatt. Viele Lagerstätten seien einst von Geologen aus der DDR erschlossen worden, da sei es „schade, dass heute andere fördern“. Für Bold ist es an der Zeit für eine„neue Zusammenarbeit“, so der Minister.

Die Beziehung zu Deutschland ist nicht nur Bold wichtig. Bis zu 40000 der 2,8 Millionen Mongolen sprechen Deutsch. Das ist vor allem eine Folge des engen Austauschs mit dem ehemaligen Bruderstaat DDR. Später, als sich die sozialistische Mongolei zur Marktwirtschaft wandelte, zählte Deutschland zu den wichtigsten Entwicklungshelfern. Russland und China, die einzigen Nachbarstaaten der Mongolei, sind im Volk nicht sonderlich beliebt, mit ihnen müssen sich die jedoch Mongolen arrangieren. Die Bundesrepublik hingegen wünschen sie sich als „3.Partner“. Da stört es, dass deutsche Unternehmen zwar gerne ihre Produkte in der Mongolei verkaufen, jedoch nur wenig investieren.

Mit dem Besuch der Kanzlerin soll sich das endlich ändern. Bei der ersten Reise eines deutschen Regierungschefs in der Mongolei soll ein Milliardendeal unterzeichnet werden. Es geht um einen Vertrag zwischen dem deutsch-australischen Bergbaukonsortium aus BBM Operta und Macmahon mit dem mongolischen Staatsunternehmen Erdenes. Das Konsortium will in den nächsten zehn Jahren ungefähr 100 Millionen Tonnen Kokskohle in Tawan Tolgoi abbauen. In der Lagerstätte liegt eines der größten unberührten Kohlevorkommen der Welt. 6,5 Milliarden Tonnen sollen es hier geben.

Reformen sind dringend notwendig

Der Einstieg von BBM Operta sei jedoch noch „zu wenig“, findet Dendew Terbischdagwa, Vorsitzender der mongolisch-deutschen Parlamentariergruppe. Weitere Firmen sollen kommen, vor allem die weltweit bekannten Namen. „Die Deutschen sollten ein bisschen risikofreudiger sein.“ Möglichkeiten gebe diverse; nicht nur im Bergbau, sondern auch in der Weiterverarbeitung, bei Infrastruktur, Landwirtschaft sowie im Bildungs- und Gesundheitssystem.

Die Erkundung weiterer Rohstoffvorkommen ist derweil gestoppt. Die Regierung will die Lizenzvergabe neu ordnen und für mehr Transparenz sorgen. Zeit für dringend notwendige Veränderungen: Die Reform des Bergbaugesetzes zählt dazu, ebenso wie der Kampf gegen Korruption und gegen die weit verbreitete Vetternwirtschaft. Und dann ist da noch die Frage, wie die Bürger am Wohlstand teilhaben können.

Die Antwortet darauf ist eine Beteiligung an Tawan Tolgoi. Jeder Mongole soll 536 Aktien der Mine bekommen. Doch wer nicht mit Wertpapieren umzugehen weiß, könnte leicht bereit sein, sein Paket zu verkaufen. Dann könnten sich wieder nur wenige bereichern, wie es schon einmal in den 90ern geschah. Er fürchte, dass sein Land von Oligarchen regiert werde, sagt Dangaasuren Enchbat, Vorsitzender der oppositionellen Grünen-Partei. „Vom Bergbau müssen alle profitieren.“ Die Aktien-Idee hält er für Populismus. Stattdessen sollte die Regierung moderne Krankenhäuser bauen und in die Bildung investieren.Zezegee Purew, die Frau am Stadtrand von Ulan Bator, sieht das anders.Sie würde sich über Geld oder Kredite der Regierung freuen. Davon möchte sie ein kleines Haus bauen, sagt sie. Und nicht mehr in der Jurte leben.

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