Mord am russischen Botschafter in Ankara: Aktions-Kunst? Nein. Tödliche Wirklichkeit

KommentarMord am russischen Botschafter in Ankara: Aktions-Kunst? Nein. Tödliche Wirklichkeit

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Der Attentäter gestikuliert nach den Schüssen auf Andrej Karlow.

von Christopher Schwarz

Die Ermordung des russischen Botschafters in Ankara erschien wie ein Stück Aktions-Kunst. Spätestens jetzt sollte uns klar sein, dass die „Verkunstung der Wirklichkeit“ ein Albtraum ist.

Die Bilder vom Mord am russischen Botschafter Andrej Karlow in Ankara verstören.

Eine-Fotoserie, die ein türkischer Pressefotograf vom Tathergang bei einer Ausstellungseröffnung festgehalten hat, Bilder eines Einbruchs von Gewalt, ohne Vorwarnung, Bilder einer Hinrichtung: Das erste Foto zeigt den Botschafter vor einem Mikrofon, bei seiner Ansprache, im Hintergrund, verschwommen, Bilder mit russischen Kirchen, und ein junger Mann, ebenfalls unscharf, mit schwarzem Anzug und Krawatte: Der Mörder, der sich in Stellung bringt, und gleich in den Fokus des Fotografen geraten wird, die Pistole ziehend, die er, wie ein zweites Foto zeigt, professionell mit beiden Händen umfasst, um auf das Opfer zu schießen, achtmal, so ein Augenzeuge, und dann, wie in Siegerpose, triumphierend den Arm reckt mit erhobenem Zeigefinger, neben dem zu Boden gesunkenen Opfer, und „Allahu Akbar“ ausruft, „Gott ist groß“, wie andere Augenzeugen berichten, dann, in türkischer Sprache, „Vergesst nicht Aleppo“, „Vergesst nicht Syrien“.

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Ein 22-jähriger Polizist aus Ankara, Mitglied einer Spezialeinheit in der türkischen Hauptstadt, wie das Innenministerium später mitteilt.

Attentat auf russischen Botschafter in Ankara Besonnene Reaktion auf eine kaltblütige Tat

Das Attentat auf den russischen Botschafter in Ankara dürfte Russland und die Türkei sogar näher zusammenbringen.

Porträt des ermordeten russischen Botschafters Andrej Karlov. Quelle: dpa

Der AP-Fotograf Burhan Ozbilici hat die Fotos gemacht, geschossen, möchte man fast sagen, wenn einem das Wort nicht im Halse stecken bliebe, gestern Abend, während einer Vernissage, aus der Deckung heraus, hinter einer Wand, wie er auf dem Blog seiner Nachrichtenagentur erzählt, mit der Präzision des Profis. Fotos die fast unwirklich anmuten, wie eine Inszenierung, und tatsächlich die Dokumente einer Inszenierung mit tödlichem Ausgang sind: nicht Kunst, sondern blutige Wirklichkeit, allerdings im Ausstellungsraum, im White Cube, in dem sonst alles Mögliche zur Kunst erklärt wird.

Das ist auch eine, gewiss unbeabsichtigte Lehre dieses Anschlags: Wie uns hier auf tödliche Weise klar gemacht wird, dass es den Unterschied zwischen Kunst und Wirklichkeit eben doch gibt. Dass die Kunst buchstäblich von ihm lebt, vom Als-ob. Das haben wir oft vergessen, seit die Aktions-Künstler bestrebt sind, die Grenze zwischen Kunst und Leben, zwischen Kunst und Tod zu verwischen, zu überschreiten, für überflüssig zu erklären. Seit sie mit dem Anspruch auftreten, die Realität in den Rang des Künstlerischen zu erheben. Der Traum von der „Verkunstung der Wirklichkeit“ war schon immer ein Albtraum. Jetzt hat die Wirklichkeit die Kunst eingeholt. Als terroristische Mordtat.

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