Mossul: Der Krieg hinter dem Krieg

Mossul: Der Krieg hinter dem Krieg

, aktualisiert 21. Oktober 2016, 22:59 Uhr
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Die Großoffensive zur Rückeroberung von Mossul ist erst seit einigen Tagen im Gang. Doch die Vertreibung der Terrormiliz IS ist nicht das einzige Begehren.

Quelle:Handelsblatt Online

Türkei und Irak wollen die irakische Stadt Mossul aus den Klauen der Terrormiliz IS befreien. Doch mit dem Einsatz der Truppen verfolgen beide Länder auch ihre eigenen Interessen. Die Kluft ist gewaltig.

BagdadDie Großoffensive zur Rückeroberung von Mossul ist erst seit einigen Tagen im Gange. Aber schon hat sich ein Graben zwischen dem Irak und der Türkei verbreitert, das Misstrauen zwischen den verschiedenen Kräften, die dem Islamischen Staat die Stadt entreißen wollen, wieder aufgewallt.

Die Rhetorik auf beiden Seiten heizt sich auf. Der irakische Regierungschef Haidar al-Abadi und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan haben Beleidigungen ausgetauscht. Und am Dienstag demonstrierten Tausende Anhänger des schiitischen Geistlichen Moktada al-Sadr vor der türkischen Botschaft in Bagdad, forderten ein Ende der türkischen „Besatzung“.

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Sie bezogen sich auf die etwa 500 türkischen Soldaten, die sich auf einem Stützpunkt nördlich von Mossul befinden und seit Dezember sunnitische und kurdische Kämpfer ausgebildet haben. Die Bagdader Regierung sagt, dass sich die Soldaten dort unerlaubt aufhalten. Sie fordert ihren Abzug. Aber Ankara weigert sich, betont, dass die Truppe bei der Befreiung von Mossul eine Rolle spielen werde.

Die Türkei hat enge Verbindungen zu Kurden-Präsident Massud Barsani, was vielleicht erklärt, wie es überhaupt zur Stationierung der Soldaten auf dem Stützpunkt kam. Die Kämpfer, die von ihnen ausgebildet werden, sind kurdische Gefolgsleute von Barsani und sunnitische Anhänger von Athil al-Nudschaifi, dem früheren Gouverneur der Provinz Ninive, deren Hauptstadt Mossul ist.

Ein irakisches Gericht hat diese Woche einen Haftbefehl gegen Al-Nudschaifi ausgestellt. Es wirft ihm vor, widerrechtlich den Einzug türkische Kräfte ermöglicht zu haben.

Beide, Barsani und Al-Nudschaifi, wollen größere Autonomie von der schiitisch-dominierten Regierung erreichen. Sie haben sich damit den Zorn von staatlich sanktionierten Schiiten-Milizen zugezogen, die vom Iran gestützt werden.

Jetzt sind alle diese unterschiedlichen Gruppen um Mossul versammelt. Sie sind Teil der größten Militäroffensive, die der Irak seit der US-geführten Invasion 2003 gestartet hat.

Die Türkei hat historische Verbindungen zu Mossul, die Jahrhunderte zurückreichen. Sie betrachte sich angesichts der sunnitischen Mehrheit der Einwohner und einer großen türkischen Gemeinschaft in der Stadt als ihre Beschützerin, erläutert Fadi Hakura von der Denkfabrik Chatham House.

„Die Türkei befürchtet, dass die von Schiiten dominierte Zentralregierung das demografische Gleichgewicht ändert, wenn der Islamische Staat aus der Stadt vertrieben worden ist.“

Türkische Verbündete weisen auf die engen Bagdader Verbindungen zu Ankaras regionalem Rivalen Iran hin. Es sind zwar offenbar keine iranischen Militärkräfte im Land, aber Teheran sponsert eine Reihe mächtiger Milizen.


Erdogan will die Freiheit schützen

Die Türkei hat auch ihr Engagement im Syrien-Krieg verstärkt. Türkische und verbündete syrische Kräfte der Opposition bekämpfen dort sowohl den IS als auch syrische Kurden, die von den USA unterstützt werden.

So haben türkische Flugzeuge am Mittwoch kurdische Einheiten im Norden Syriens angegriffen. Nach Angaben staatlicher Medien wurden bis zu 200 Kämpfer getötet, auf kurdischer Seite hieß es, anfängliche Berichte deuteten auf allenfalls zehn Tote hin. Allerdings hielten die türkischen Angriffe auch am Donnerstag an. Ankara betrachtet die syrisch-kurdischen Kräfte als verlängerten Arm der kurdischen Rebellen im Südosten der Türkei.

Erdogan verteidigte am Mittwoch die Präsenz seiner Soldaten im Irak, betonte, dass dies nichts mit „Kriegsschüren“ oder einer Verletzung der irakischen Souveränität zu tun habe. „Wir wollen überall dort präsent sein, wo wir sein müssen, um unsere Freiheit und Zukunft zu schützen“, sagte er. „Dieser Ort ist derzeit Mossul.“

Das klang bei weitem weniger giftig als Äußerungen in der vergangenen Woche, als Erdogan Al-Abadi zu verstehen gab, dass dieser nicht in seiner Liga spiele. „Sie sind nicht mein Partner, Sie sind nicht auf meiner Ebene, Sie sind mir nicht gleichgestellt, und Sie haben nicht die Qualität, die ich besitze“, tönte Erdogan. „Ihr Geschreie im Irak hat keine Bedeutung für uns. Sie sollten wissen, dass wir unseren eigenen Weg gehen werden.“

Al-Abadi machte sich als Antwort darüber lustig, dass sich Erdogan während des Putschversuches im Juli in der Türkei mit Hilfe einer Video-App auf seinem Handy an die Öffentlichkeit gewendet hatte.

Die als Verletzung der irakischen Souveränität verstandene türkische Truppenpräsenz und der Krieg der Worte haben den Regierungschef in eine schwierige Lage gebracht. Seine schiitische Basis fordert, dass er handelt, und seine politischen Rivalen trommeln damit, dass die Untätigkeit der Regierung ein Zeichen der Schwäche sei.

Dabei kann sich Al-Abadi einen offenen Konflikt mit einem mächtigen Nachbarn kaum leisten, ausgerechnet jetzt, da seine Truppen die zweitgrößte Stadt des Landes vom IS zu befreien versuchen. Irakische und türkische Vertreter haben Gespräche über eine Lösung der Krise geführt, aber bisher keine Einigung erzielt.

Wohl auch, um weitere Spannungen zu verhindern, hat die Regierung betont, dass weder die kurdischen Peschmerga noch Schiiten-Milizen selber Mossul betreten würden. Was heißt, dass der direkte Städtekampf Regierungstruppen und Polizeikräften überlassen werden soll.

Abu Mahdi al-Muhandis, Chef der „Volksmobilisierungseinheiten“, einer Dachorganisation der meisten Schiiten-Milizen, hat versichert, dass er die Entscheidung der Regierung, den Konflikt mit der Türkei friedlich zu lösen, achten werde.

Al-Nudschaifis Sunniten-Milizen könnten sich als problematischer erweisen - ihr Anführer etwa einen heroischen Einzug in Mossul zu inszenieren versuchen, um sich seine Rückkehr ins Gouverneursamt nach den nächsten Provinzwahlen zu sichern. Und das könnte Al-Abadis politischen Tod bedeuten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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