Nahost: Israel und Gaza: Blut im Wasser

Nahost: Israel und Gaza: Blut im Wasser

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Gefährliche Ungleichgewichte: Basisdaten der wichtigsten Länder und Gebiete im Nahen Osten

Der Krieg in Gaza droht ein Flächenbrand zu werden, der im gesamten Nahen Osten Stabilität und wirtschaftlichen Fortschritt gefährdet.

Der ungleiche Krieg zwischen dem israelischen Staat und der militant islamistischen Palästinenserorganisation Hamas hat bis jetzt Menschenleben und Infrastruktur zerstört – seit Israels erstem Militärschlag Ende Dezember vor allem in und um Gaza.

Und nun schon seit vielen Jahren in den israelischen Dörfern und Kleinstädten, die aus dem Gazastreifen heraus mit Raketen beschossen werden. Aber bei diesem Schaden, auf den Fernsehbildschirmen in aller Welt zu besichtigen, wird es nicht bleiben – und das nicht nur, weil jetzt auch die Hamas-Freunde von der libanesischen Hisbollah mit ihren eigenen Raketen ins Kriegsgeschehen eingreifen.

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Der Winterkrieg um Gaza könnte, mehr als alle bisherigen Eskalationen des Dauerkonflikts, weite Teile des Nahen Ostens mit in die Krise reißen, weil eine Lösung des Grundkonflikts zwischen Israel und den Palästinensern ferner denn je scheint: Wirtschaftliche Fortschritte in den Schlüsselstaaten Ägypten und Jordanien sind in Gefahr, die Einbindung Syriens in internationale Strukturen, das von der scheidenden amerikanischen Regierung als Schurkenstaat geächtet wurde, ist unwahrscheinlich geworden.

In Europa und Nordamerika sorgen die Bilder vom Ergebnis der israelischen Angriffe in Gaza und von den militärisch sinnlosen Aktionen der Hamas für Entsetzen. In der arabischen Welt steigern sie Wut und Hass – auf Israel, auf seine westlichen Verbündeten und auf die eigenen Regierungen.

„Was die Israelis tun, ist nicht nur ein Problem für Diplomaten und Militärs“, sagt der alte ägyptische Diplomat Boutros Boutros-Ghali, in den Neunzigerjahren Generalsekretär der Vereinten Nationen, „sie tun so, als ginge sie die Stabilität meines Landes nichts an.“

Die Israelis sind natürlich kaum bereit, mit Rücksicht auf den inneren Frieden Ägyptens den ständigen Beschuss eigener Städte mit Raketen hinzunehmen. Die Geschosse reichen immer weiter und treffen immer genauer, auch weil immer erfolgreicher Bauteile aus der ägyptischen Sinaihalbinsel in den Gazastreifen geschmuggelt werden. „Die Operation ,Gegossenes Blei‘“ – so nennt das israelische Militär seinen Angriff auf die Hamas – „ist ein gerechter Feldzug“, sagt der ansonsten sehr gemäßigte israelische Kommentator Ari Schavit: „Gerecht, weil Israel im Sommer 2005 selbst alle seine Siedlungen im Gazastreifen zerstört hat.

Gerecht, weil die palästinensische Verwaltung im Gazastreifen von 2006 bis 2008 das Ende unserer Besetzung nicht dazu genutzt hat, etwas aufzubauen, sondern nur für wiederholte Angriffe auf Israel. Gerecht, weil es keine Chance auf Frieden im Nahen Osten gibt, wenn der jüdische Staat als leichte Beute erscheint, die im Wasser Blut lässt und die Haifische anzieht.“

Alles wahr – nur steigt die Chance auf Frieden nicht gerade, wenn immer mehr Araber ihre eigenen Herrscher ähnlich hassen wie die vermeintlichen israelischen Übeltäter. Und zwar genau dafür, dass sie den Israelis entgegenkommen.

Das gilt vor allem für Ägypten, das einwohnerreichste und vor dem großen Ölpreisboom auch einflussreichste Land der arabischen Welt – eine Position, die den Ägyptern womöglich dann wieder zufällt, wenn die Monarchen am Golf die Folgen der gewandelten weltwirtschaftlichen Lage ausbaden müssen. Ägyptens PräsidentHosni Mubarak hat sich mit seinem Vorschlag für einen Waffenstillstand in Gaza weit vorgewagt: Ende der Kampfhandlungen, Ende der Raketenangriffe, offene Grenzübergänge für Wirtschaftsgüter, aber Schluss mit dem Waffenschmuggel. So vernünftig der Plan im Einzelnen ist – Hamas-Freunde sehen darin die Kapitulation vor den israelischen Forderungen. Dass Mubarak die Vorschläge gemeinsam mit Nicolas Sarkozy in die Welt setzte, macht die Sache nur noch schlimmer – Frankreichs Staatspräsident gilt bei den radikaleren Gruppen in der arabischen Welt als Israel-Freund und damit als Feind.

Hinzu kommt, dass der 80-jährige Mubarak, seit 27 Jahren Herrscher am Nil, von einer wachsenden Opposition bedroht ist, die in ihrer großen Mehrheit islamistisch ist und den Westen womöglich noch mehr hasst als Israel. Antreiber sind die sogenannten Muslim-Brüder, die in Ägypten seit ihrer Gründung vor rund 70 Jahren gewaltsam unterdrückt werden. Sie wollen die heute relativ milde Militärdiktatur, die seit einem halben Jahrhundert am Nil herrscht, durch eine ganz andere autoritäre Herrschaft ablösen. Deren Berechtigung soll sich nicht mehr aus der Macht der Gewehre herleiten, sondern aus den Suren des Korans – und zwar in einer engstirnigen, alles Moderne ablehnenden Auslegung.

Ausgerechnet in einer Zeit, in der Ägypten wirtschaftlich aufsteigt, wächst die islamistische Gefahr. Auf seine alten Tage ist Mubarak beherzt auf den Zug der Globalisierung und wirtschaftlichen Liberalisierung gesprungen. Die einst weitgehend staatsgelenkte ägyptische Wirtschaft gehört heute zu den freiesten Ökonomien im arabischen Raum. Seit 2005 senkt Mubaraks Premierminister Achmed Nasif die zuvor astronomisch hohen Steuern, baut lähmende staatliche Subventionen ab und leitet ein Privatisierungsprogramm in die Wege.

Investoren aus den reichen arabischen Bruderländern am Golf legten ihr Geld am Nil an; der sagenhaft reiche saudische Prinz al-Waleed bin Talal investierte viel Geld in die gerade privatisierte ägyptische Lebensmittelindustrie: „Nicht aus arabischer Solidarität“, wie er sagte, sondern: „Hier lässt sich Geld verdienen.“ Was auch eintraf: In den guten Jahren bis 2007 ließ die ägyptische Börse mit ihren Zuwächsen sogar die boomenden Börsen der Erdölstaaten hinter sich. Ägypten, um 1950 ein viel wohlhabenderes Land als zum Beispiel Südkorea, besann sich wieder auf seine wirtschaftlichen Chancen.

Das Land verzeichnete seit 2003 Jahr für Jahr zweistellige Wachstumsraten im Tourismus meist aus Europa, und für seine Erdgasreserven, die heute größer sind als die des klassischen Erdgasexporteurs Niederlande, interessieren sich amerikanische und französische Unternehmen.

Am Nil hat das alles noch nichts an der Armut einer Bevölkerung geändert, die immer noch stark wächst. Mit sozialpolitischen Maßnahmen, finanziert durch jährlich 1,5 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe aus Washington, versucht Mubarak den Unmut seiner Landsleute im Zaum zu halten – und handelt sich doch nur den Hass der Feinde Amerikas ein.

Militärisch hat die Hamas keine Chance gegen die israelische Armee

Die Muslim-Brüder, ein ursprünglich ägyptisches Gewächs, sind in vielen Krisenregionen der arabischen Welt zum unheimlichen Machtfaktor geworden.

In Jordanien bilden sie den Kern der Opposition. Dort hat das Königshaus und seine prowestliche Politik zwar für Wachstum gesorgt, aber bislang sind dessen Früchte beim ärmeren Teil der Bevölkerung, großteils Nachkommen von Palästinaflüchtlingen, nicht angekommen. Die schauen erbittert über den Jordan, wo im Gazastreifen die Bomben fallen und im Westjordanland unter der schwachen Führung des Präsidenten Machmud Abbas und unter der harten Hand der israelischen Besatzer politisch und wirtschaftlich nur wenig vorankommt.

Militärisch hat die Hamas keine Chance gegen die israelische Armee. Politisch hat sie große Chancen, aus der Explosion in Gaza einen Schwelbrand in weiten Teilen der Region zu machen, der nur schwer zu löschen ist. Wirtschaftlich wäre es dann aus mit dem Fortschritt in Ländern wie Ägypten und Jordanien. Das haben die Radikalen in Gaza durchaus im Visier: Hamas war bis vor ein paar Jahren nichts weiter als der palästinensische Landesverband der Muslim-Brüder.

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