Nahost: Saudi-Arabien sucht nach seiner Zukunft

Nahost: Saudi-Arabien sucht nach seiner Zukunft

Bild vergrößern

Kingdom Tower in Riad: Hinter den Glas- und Betonfassaden tobt ein mächtiger Kampf zwischen Reformern und Traditionalisten

Bildung als neue Ressource. Saudi-Arabien ist auf der Suche nach dem Überlebenskonzept für die Zukunft – eine stille Revolution von oben, in der Wirtschaft und Frauen eine zentrale Rolle spielen.

Das neue Saudi-Arabien beginnt in Arizona. „Hier habe ich mir meinen Traum einer modernen Wohnkultur verwirklicht“, sagt in fließendem Deutsch der Geschäftsmann und Ingenieur Mohammed al-Bawardy und zeigt auf ein ganzes Stadtviertel, das er vor den Toren der saudischen Hauptstadt Riad errichtet hat. Arizona und der Wilde Westen waren seine geheimen Sehnsüchte aus Kindheitstagen – daher der Name für dieses 9000 Quadratmeter große Areal. Arizona hat al-Bawardy dieses Viertel aber auch deshalb genannt, weil er bewundert, wie die einstigen Siedler aus der amerikanischen Wüste eine moderne Industrielandschaft geformt haben. Genau das will al-Bawardy im Königreich der Wahhabiten auch: neue, westliche Management-Methoden, Energieeffizienz mit Solarkraft anstatt Verschwendung – vor allem aber ein neues Gesellschaftsbild: Frauen sind bei ihm Chefs und sitzen völlig unverschleiert an ihren Schreibtischen.

So wie al-Barwardy gehört auch die Familie al-Mishari zu einer kleinen, aber immer größer werdenden Gruppe saudischer Unternehmer, die ihr Land verändern wollen. Abdul Rahman al-Mishari hat eine der ersten Privatkliniken des Landes gegründet. Inzwischen hat er die betriebswirtschaftliche und medizinische Verantwortung an Sohn Mohammed und Tochter Hadeel abgegeben. Die beiden haben ein hochmodernes Krankenhaus daraus geformt, das in Management, Qualität und Ausstattung einige deutsche Universitätskliniken in den Schatten stellt. Mit großem Stolz zeigt Mohammed al-Mishari den Video-Konferenzraum, aus dem live zu großen amerikanischen Kliniken geschaltet werden kann, um komplizierte Fälle, schwierige Diagnosen und Operationen zu beraten. Im Krankenhaus selbst arbeiten saudische und ausländische Ärztinnen und Ärzte eng zusammen.

Anzeige

Wenn der saudische König Abdullah von einem neuen Dialog in seinem Land spricht, dann hat er Beispiele wie den Ingenieur al-Bawardy und die Klinikbetreiber al-Mishari im Blick. Er braucht deren Unternehmergeist, um sein Reich nicht nur auf das Zeitalter nach dem Öl vorzubereiten, sondern auch um es gesellschaftspolitisch aus dem Mittelalter zu holen. Bei dieser Revolution von oben soll die saudische Wirtschaft eine tragende Rolle spielen. Und die saudischen Unternehmen wiederum brauchen zur Ausfüllung dieser Rolle westliche Geschäftspartner. Das macht das Wüstenreich nicht nur zu einem weltweit umworbenen Geldgeber, sondern auch zu einem attraktiven Investitionsstandort. Der Handel wächst im Bereich Finanzdienstleistungen und IT – doch das ist der saudischen Führung zu wenig. „Unser Land will industrielle Partnerschaften, sucht Kontakt gerade auch zum deutschen Mittelstand“, sagt Suliman al-Sayyari von der saudisch-deutschen Entwicklungs- und Investmentgesellschaft Sageco. Der deutsche Mittelstand, so al-Sayyari, ist Job-Motor für industrielle Arbeitsplätze und „Vorbild für die Entwicklung in Saudi-Arabien“.

König Abdullah will reformieren und ist dazu bereit, mit vielen Tabus zu brechen. Er, der auch den Titel „Hüter der beiden heiligen Stätten“ des Islam in Mekka und Medina trägt und dessen wahhabitische Tradition zu den konservativsten im Islam gehört, traf sich am 6. November des vergangenen Jahres sogar mit Papst Benedikt in Rom, um aus der religiösen Frontstellung seines Landes mit dem Westen herauszukommen. Wenige Monate zuvor hatte König Abdullah in einem Kreis saudischer und japanischer Intellektueller vor einer „Krise der Vernunft, der Ethik und der Menschlichkeit“ gewarnt, die die Menschheit erfasst habe.

Das sprengt das Bild eines Landes, dessen alleinige Verfassung bis 1991 der Koran war und in dem die öffentliche Ausübung des Christentums unter Strafe steht. Dessen grüne Flagge das Glaubensbekenntnis des Islam trägt. Dessen Gesetze sich aus der Scharia ableiten und jegliche nicht-islamischen Gotteshäuser und Symbole untersagen. Und dessen Söhne nicht zuletzt 15 der 19 Attentäter des 11. September 2001 gestellt haben. Zwar bleibt der Islam auch heute zentrales Fundament staatlichen Handelns, aber Abdullah, seit August 2005 an der Staatsspitze, setzt sich systematisch vom radikalen Flügel der wahhabitischen Geistlichkeit ab.

Dabei geht Abdullah geschickt vor. Er sucht selten die offene Konfrontation, sondern schafft einfach andere Strukturen, in denen das neue Saudi-Arabien gelebt wird. Beispielhaft sind dafür die „Economic Citys“: Insgesamt sechs neue Großstädte werden mitten ins bisherige Nichts der Wüste oder der Küsten gesetzt – das Gesamtvolumen der Anschubfinanzierung aus dem Staatshaushalt beträgt über 60 Milliarden Dollar. Bis 2020 sollen in diesen Städten 1,3 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen, und zusammen sollen die neuen Ballungszentren 150 Milliarden Euro zum Bruttosozialprodukt des Landes beisteuern.

Ten by Ten

Entscheidend sei, so heißt es von westlichen Diplomaten in Riad, dass König Abdullah mit diesem Mega-Projekt städtische Gesellschaftsstrukturen schaffe, in denen der Einfluss der Geistlichkeit und der Religionspolizei zurückgedrängt werde. Jede dieser Städte hat ihren eigenen wirtschaftlichen Schwerpunkt: Mal geht es um Handel und Logistik, mal um Bildung, Wissenschaft und Forschung oder Informationstechnologie und Pharma sowie natürlich auch um Petrochemie. Das Projekt kommt einem riesigen Infrastrukturvorhaben gleich. Doch nur wenige deutsche Architekten und Bauunternehmungen nutzen bislang ihre Chance. Einzig die Deutsche Bahn konnte sich – ausgerechnet in Zusammenarbeit mit dem saudischen Bauunternehmen Bin Laden – Tranchen an wichtigen Eisenbahn-Trassen sichern.

Zur Vermarktung des Reform-Aufbruchs hat sich das Königshaus eine weitere Neuerung einfallen lassen: Nicht die klassischen, für ihre Bürokratie kritisierten Ministerien von Wirtschaft und Handel spielen dabei die entscheidende Rolle, sondern die „Saudi-Arabian General Investment Authority“ (Sagia). Sie soll mit professionellen Marketing-Methoden Investoren anziehen und das neue Bild Saudi-Arabiens im Ausland verkaufen. Deshalb hat die Sagia nach Deutschland nicht einen verschlossenen und murrenden Saudi-Macho geschickt, sondern ihre Charmeoffensive: die medienwirksame Dahlia Rahaimy.

Und während die Traditionsministerien vom König kurzgehalten werden, bekommt die Sagia nahezu alle Wünsche erfüllt. Wie viel Geld hinter der Sagia steckt, sieht man an deren repräsentativem Gebäude mitten in Riad. Wie in einem Märchen aus 1001 Nacht werden dort mit großen Modellen und computeranimierten Videopräsentationen faszinierende Geschichten zu den Economic Citys erzählt.

Doch die Sagia ist mehr als nur Imagewerber. Ihrem Chef, Gouverneur Amr al-Dabbagh, hat der König Ministerrang im saudischen Kabinett eingeräumt. Al-Dabbagh will die Veränderung des Landes vorantreiben. Sein Ziel lautet „Ten by Ten“ – bis 2010 will Saudi-Arabien unter den zehn Ländern mit der größten Wettbewerbsfähigkeit sein. Dazu hat Sagia 300 konkrete Vorhaben aufgesetzt, die nach und nach mit der Regierung abgearbeitet werden – wie ein neues Versicherungs- und Gesundheitswesen, eine effektive Verwaltung oder moderne Schulen und Universitäten.

König Abdullah: Der "Hüter Quelle: AP

König Abdullah: Der "Hüter der heiligen Stätten" ist dazu bereit, mit vielen Tabus zu brechen

Bild: AP

Um all das zu erreichen, setzt die Sagia einen machtvollen Hebel ein: die Wahrheit. Die Wahrheit über den tatsächlichen Zustand der saudischen Wirtschaft. Dokumentiert werden Fortschritte und Defizite in regelmäßigen „Wettbewerbs-Berichten“. Dort heißt es in einem für Saudi-Arabien ungewohnten Ton: „Die Produktivität im Nicht-Öl-Sektor ist niedrig“, „ein überbordender Regierungsapparat könnte den Landesetat übermäßig belasten, zu wachsender Bürokratie führen und damit die Reformen der Vergangenheit gefährden“, darüber hinaus führe „die wachsende junge Bevölkerung zu einem Arbeitslosenproblem“. Zwar sei der Nicht-Öl-Sektor von 2000 bis 2006 um 6,1 Prozent – von nied- » rigem Niveau kommend – gewachsen. Aber dies Wachstum sei „deutlich unter dem 15,9-prozentigen Anstieg der Öl-Branche“.

Saudi-Arabien, der größte Öl-Produzent der Welt, stellt sich der Einsicht, dass es seine Öl-Abhängigkeit beenden muss. Die Überjüngung der Gesellschaft birgt die Gefahr, dass sich der religiöse Extremismus in absehbarer Zeit explosionsartig ausbreiten könnte. Denn für die Millionen junger Menschen, die in den nächsten Jahren auf den Arbeitsmarkt drängen, gibt es bislang keine Job-Perspektive. Während die saudische Öl-Wirtschaft mit dem Staatskonzern Saudi Aramco an der Spitze für mehr als 50 Prozent des Bruttosozialprodukts steht, werden von dieser Branche nur zwei Prozent aller Beschäftigten beschäftigt. Natürlich wäre ohne den Öl-Boom der vergangenen Jahrzehnte und den aktuellen Preisentwicklungen des schwarzen Goldes der Reichtum Saudi-Arabiens nicht vorstellbar gewesen. Aber immerhin sollen bereits jetzt 10 bis 15 Prozent der erwerbsfähigen Saudis arbeitslos sein (genauere Zahlen liegen wegen fehlender Statistiken nicht vor). Selbst wenn man ein weiteres Wachstum von Arbeitsplätzen mit einer derzeitigen Rate von jährlich drei Prozent unterstelle, so moniert der Wettbewerbsreport der Sagia vom September 2007, werde dies wegen der großen Zahl heranwachsender Saudis keine Erleichterung bringen.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%