
PekingIn China steigt das nationale Fieber. Im ganzen Land versammelten sich Demonstranten vor Einrichtungen, die sie als japanisch wahrnehmen, und skandierten Parolen gegen des Nachbarland. Sie zertrümmerten Schaufensterscheiben. In der südchinesischen Stadt Shenzhen demolierten sie einen Polizeiwagen der Marke Toyota. Schätzungen zufolge waren dort rund 2000 Randalierer auf der Straße.
Nachdem private Aktivisten aus Hongkong auf den umstrittenen Senkaku-Inseln (chinesisch: Diaoyu) gelandet sind und Fahnen geschwenkt haben, nahm die japanische Küstenwache die Männer wegen Grenzverletzungen fest. Das verärgerte die chinesische Öffentlichkeit, denn nach Verständnis der Regierung in Peking gehören die Felsen zur Volksrepublik - die japanischen Behörden haben nach ihrer Ansicht kein Recht, chinesische Bürger von dort zu vertreiben.
Zusätzlichen Zorn entfachte die Gegenreaktion japanischer Nationalisten, die sich ebenfalls auf die Inseln übersetzen ließen und dort ihrerseits japanische Flaggen schwenkten.
Auch vor der japanischen Botschaft in Peking fanden sich einige Dutzend Demonstranten ein. Einer hielt ein Transparent hoch: „Gebt mir Kanonen und Pistolen und lasst mich die Diaoyu-Inseln befreien!“ Der Mann zeigte sich vor allem verärgert über die Haltung seiner eigenen Regierung: „China ist jetzt ein starkes Land. Die Regierung hätte viel härter gegen Japan vorgehen müssen“, sagt er. Die Polizei schützt die Botschaft derzeit und hat den Bürgersteig vor dem Gebäude abgeriegelt.
Viele Chinesen neigen derzeit zu verstärktem Nationalismus. Zwar hat ihr Land derzeit so viel internationalen Einfluss wie noch nie in der jüngeren Geschichte und ist allseits als wichtige Wirtschaftsmacht respektiert. Doch die Schande der jahrzehntelangen Bedeutungslosigkeit ist vielen stolzen Bürgern immer noch bewusst. Sie wittern daher überall Ungerechtigkeit und Verschwörungen gegen China.
Olympia unter Verschwörungsverdacht
Selbst das Abschneiden der chinesischen Sportler bei den Olympischen Spielen in London wurde Gegenstand von Verschwörungstheorien. Anstatt stolz zu sein, den zweiten Platz im Medaillenspiegel errungen zu haben, unterstellten zahlreiche Internetnutzer, dass die Ausländer sich zusammengetan haben, um China klein zu halten. Sie behaupten, ihr Land hätte rechtmäßig wieder die meisten Wettbewerbe gewinnen müssen, so wie vor vier Jahren auf eigenem Boden.
Einen Höhepunkt hatte die chinesische-japanische Antipathie im Jahr 2004 erreicht. Damals hatte die chinesische Nationalmannschaft im Finale des Asien-Cups 3:1 gegen Japan verloren – im Arbeiterstadion in Peking. Danach kippte ein wütender Mob japanische Autos um, bedrohte den Mannschaftsbus des gegnerischen Teams und rief zum Boykott japanischer Waren aus. Schaufensterscheiben von Sushi-Ketten gingen zu Bruch. Im folgenden Jahr stürmten Demonstranten die japanische Botschaft. Sie verbrannten Flaggen des verhassten Inselstaats.
Damals wie heute liegt die Ironie darin, das die Opfer fast nie japanische Firmen sind. Denn viele der nipponesisch aufgemachten Restaurantketten befinden sich in Wirklichkeit in chinesischer Hand. Auch die in China hergestellten Toyotas kommen aus inländischen Fabriken, die von Gemeinschaftsunternehmen betrieben werden.
Die umstrittenen Senkaku-Inseln haben nur eine Fläche von rund sieben Quadratkilometern. Sie gehören seit dem Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg 1895 zu Japan. Die Inseln sind praktisch unbewohnbar und nicht direkt nutzbar. Die chinesische Regierung erhebt vor allem aus energiepolitischen Gründen Anspruch auf die Felsen: Ihr Besitz verschiebt die Einflussgrenze für China und für Japan so, dass Gasvorkommen ins das jeweils eigene Territorium fallen.
Emotionen kochen immer höher
Nationalistisch gesinnte Chinesen nehmen den Streit jedoch als Konflikt um die nationale Würde wahr, die die Japaner schon durch mehrere Angriffskrieg im vorigen Jahrhundert geschändet haben.
Japanische Rechtsradikale greifen Provokationen durch private chinesische Aktivisten umgekehrt auf, um ihre eigenen antichinesischen Positionen zu verbreiten. Beide Seiten blockieren so den Weg zu einer friedlichen Aufarbeitung der komplizierten gemeinsamen Geschichte.
Derweil kochen die Emtionen immer höher. "Wir müssen die Diayu-Inseln zurückerobern!", fordert ein Blogger mit Nutzernamen "WAD-Yi". "Wir haben den Schneid verloren, den wir früher [zu Maos Zeiten] noch hatten. Wir sind 1,5 Milliarden Menschen, die zusammenhalten, um die Diaoyu-Inseln zurückzuholen."
Ein anderer schlägt eine ungewöhnliche Allianz vor: "Taiwan und das Festland sollen sich zu einem ausgeklügelten Plan zusammentun. Taiwan greift erst die Philippinen an und wir erboern alle unsere Inseln [auch von Japan und Vietnam] nach und nach zurück. Das stärkt auch die nationale Einheit Chinas. Das Festland unterstützt die Aktion mit Kanonenbooten."
Dass China mit einem Angriff auf die pazifischen Verbündeten der USA wahrscheinlich den größten Krieg seit 1945 auslösen würde, scheint dem Blogger nicht klar zu sein.














