Naturkatastrophe: Hilfe von Opa Wen in China

Naturkatastrophe: Hilfe von Opa Wen in China

Bild vergrößern

Ein japanisches Helferteam China's südwestlicher Provinz Sichuan

Ungewohnt offen gibt sich China nach der Naturkatastrophe. WirtschaftsWoche-Korrespondent Matthias Kamp berichtet aus der Erdbeben-Provinz Sichuan.

Dunkelgrüne Armeezelte stehen in langen Reihen am Ortseingang der zerstörten Kleinstadt Chenjiaba. Daneben haben Überlebende aus Stöcken und Plastikplanen provisorische Behausungen gebaut. Mütter umklammern ihre Babys und blicken apathisch auf die Trümmerwüste. Wortlos greifen sie nach den Keksen und Wasserflaschen, die Soldaten ihnen reichen.

In einem der Zelte empfängt der kommandierende Offizier, ein Leutnant, eine Handvoll ausländischer Journalisten und Fotografen. „Gegen sechs Uhr heute morgen sind wir hier angekommen“, berichtet er, „die letzten Kilometer mussten wir zu Fuß gehen, weil die Straße unpassierbar war.“ Jetzt sei Räumgerät auf dem Weg in die schwer zugängliche Bergregion. Immerhin konnte die Einheit aber auch so schon 21 Überlebende aus den zerstörten Häusern und Geschäften retten. Warum die Planierraupen und Bagger erst jetzt, mehr als zwei Tage nach dem schweren Erdbeben, nach Chenjiaba kommen? „Die Schäden in anderen Gebieten waren noch größer, die mussten zuerst dorthin.“

Anzeige

So ein Gespräch westlicher Reporter mit einem Offizier wäre vor dem Erdbeben eine Sensation gewesen. Denn gewöhnlich haben in China ausländische Journalisten keinen Zugang zur Armee, selbst das Fotografieren eines Soldaten ist untersagt. Doch bei der Erdbebenkatastrophe in der zentralchinesischen Provinz Sichuan, bei der möglicherweise mehr als 50 000 Menschen ums Leben gekommen sind, gelten neue Regeln. Bisher haben die Mächtigen in Peking bei Krisen und Katastrophen den Informationsfluss zu unterbinden und alle Journalisten auszusperren versucht. Jetzt berichtet das staatliche Fernsehen rund um die Uhr aus den Katastrophengebieten.

Und nicht nur das: Statt der sonst allenfalls denkbaren Jubelmeldungen über die Rettungsarbeiten der tüchtigen und heldenhaften Armee fragen die chinesischen Medien nach Versäumnissen der Behörden. Wie es sein könne, dass so viele Regierungsgebäude im Erdbebengebiet stehen geblieben und so viele Schulen eingestürzt sind, will etwa die englischsprachige Zeitung „China Daily“ wissen.

Für die ausländischen Medien geben Außenministerium und Staatsrat in Peking derzeit eine Pressekonferenz nach der anderen, unglaublich angesichts der ansonsten in letzter Zeit gängigen Informationspolitik. „Im Vergleich zur Tibet-Krise sieht es aus, als ob es zwei chinesische Regierungen gebe“, sagt der Politikwissenschaftler Huang Jing von der National University of Singapore. Es ist erst zwei Monate her, dass Peking nach den Unruhen die tibetischen Gebiete im Westen des Landes nicht nur für Journalisten, sondern auch für Touristen komplett abriegelte. Verlässliche Informationen aus den Krisengebieten waren nicht zu bekommen. Auch heute noch gibt es widersprüchliche Meldungen über die Zahl der Toten.

Das war eigentlich die übliche chinesische Politik bei allen möglichen Krisen. Typisch war etwa Pekings Reaktion auf die SARS-Seuche 2003: Die in China entstandene Seuche griff auf viele Nachbarländer über, aber die chinesischen Behörden versuchten die Zahl der mit dem Lungenvirus SARS Infizierten zu verheimlichen. Weltweit starben schließlich 916 Menschen.

Ganz anders jetzt: Zwei Stunden nach den Erdstößen machte sich Regierungschef Wen Jiabao auf den Weg nach Sichuan. An Bord der Regierungsmaschine gab er bereits Interviews. Und nach der Landung in Wenchuan, nahe dem Epizentrum und vor laufenden Kameras suchte er die Überlebenden zu trösten: „Ich bin Opa Wen und gekommen, um euch zu helfen.“ Mit dem Megafon vor dem Mund gab der Premier den Rettungstrupps Anweisungen.

Aber kann der Spitzenpolitiker bei allem guten Willen den Überlebenden jetzt helfen? Einer Frau wie Li Qingsuan aus Qin Ling, die die völlige Vernichtung ihres Heimatdorfs unter den Erdmassen nur darum überlebte, weil sie zurzeit der Katastrophe gerade außerhalb des Dorfes Gras schnitt? Mit einer Handvoll Leidensgenossen schaffte sie in neun Stunden über verschobene Berge und verschüttete Straßen den Fußmarsch nach Chenjiaba. „Wir haben nichts mehr“, sagt sie, „unser Haus, unsere Kleidung, Möbel, es ist alles weg.“ Jetzt sitzt sie in einem provisorischen Zelt aus einer rot-weißen Plastikplane und hat „keine Ahnung, wo ich hingehen soll“.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%