Neue Hoffnung für den schlafenden Riesen: Indien startet durch

kolumneNeue Hoffnung für den schlafenden Riesen: Indien startet durch

Kolumne von Martin S. Feldstein

Mangelnde Dynamik, anhaltende Misswirtschaft, unlösbare soziale Probleme machten Indien zum scheinbar hoffnungslosen Fall. Nun gibt es aber Anzeichen für einen dramatischen Aufstieg des Landes.

Was könnte 2014 zur weltweit besten Nachricht für unser wirtschaftliches Wohlergehen werden? Zur Jahresmitte gibt es einen starken Kandidaten: den Ausgang der indischen Parlamentswahlen, bei der Hunderte Millionen Wähler die Herrschaft der Kongresspartei beendet haben, die seit der Unabhängigkeit 1947 das Land mit kurzen Unterbrechungen dominiert hat. Die Inder werden ihre Entscheidung höchstwahrscheinlich nicht bereuen. Sonia Gandhi, die Witwe des früheren Ministerpräsidenten Rajiv Gandhi, bestimmte als Vorsitzende der Kongresspartei seit 1998 die Politik ihrer Partei, Ministerpräsident Manmohan Singh war zuletzt kaum mehr als eine Repräsentationsfigur. Unter Sonia Gandhi folgte der Kongress populistischen Vorstellungen, Transferzahlungen wurden erhöht und Indiens Wirtschaftswachstum nahm ab, zuletzt auf weniger als 4 Prozent im vergangenen Jahr. So liegt Indiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf immer noch bei jährlich etwa 4000 Dollar. China hat mehr als das doppelte.

Der jetzt neu gewählte Ministerpräsident Narendra Modi führte seinen erfolgreichen Wahlkampf mit dem Versprechen, schnell für viel mehr Arbeitsplätze und viel höhere Einkommen zu sorgen – in ganz Indien nach dem Muster des Bundesstaats Gujarat, wo er seit 2001 als wirtschaftsfreundlicher Regierungschef für starkes Wachstum gesorgt hat. Nach Gujarat nördlich von Mumbai kamen dank Modis Politik viele Investoren, aus Indien wie aus dem Ausland.

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Die wachsende Bedeutung der Brics-Staaten

  • Einleitung

    Zum fünften Mal seit 1999 kommen die Staats- und Regierungschefs der fünf führenden Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika (Brics) zu einem Gipfel zusammen - diesmal im südafrikanischen Durban, wo sie seit Dienstag etwa über eine eigene Infrastrukturbank und gemeinsame Währungsreserven verhandeln. Nachfolgend einige Fakten. (Quellen: Reuters; IWF, nationale Statistikämter)

  • Wirtschaftsmacht

    Die fünf Länder stehen für 21 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Die Dynamik ist enorm: Sie haben ihren Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen 15 Jahren verdreifacht.

  • Bevölkerung

    43 Prozent der Weltbevölkerung lebt in den Brics-Staaten. Allein in China und Indien leben jeweils deutlich mehr als eine Milliarde Menschen.

  • Währungsreserven

    Zusammen kommen die Staaten auf die gigantische Summe von 4,4 Billionen Dollar. China sitzt auf den mit Abstand größten Devisenreserven der Welt.

  • Handel

    Der Handel zwischen den Brics-Staaten erreichte 2012 einen Wert von 282 Milliarden Dollar. Bis 2015 dürfte er auf 500 Milliarden Dollar steigen, sagen Experten voraus. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren lag das Volumen lediglich bei 27,3 Milliarden Dollar.

  • Wohlstandsgefälle

    Obwohl alle Brics-Staaten kräftig wachsen, sind die Unterschiede sehr groß. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf betrug im vergangenen Jahr in China 6.094 Dollar, in Brasilien 12.340 Dollar, in Russland 13.765, in Indien 1592 Dollar und in Südafrika 7.636 Dollar.

Jetzt ist etwas für Indien ganz Ungewöhnliches geschehen. Modis Partei BJP hat eine absolute Mehrheit der Sitze im Unterhaus gewonnen und braucht keine Partner für irgendwelche Koalitionen. Modi muss also anders als fast alle seine Vorgänger in Delhi keine Kompromisse mit anderen landesweiten politischen Kräften oder den in Indien vergleichsweise starken Regionalparteien schließen: Er kann sein Programm unverändert durchs Parlament bringen.

Für seine wirtschaftlichen Ziele hat Modi zwei wichtige politische Helfer. Das ist erst einmal der neue Finanzminister Arun Jaitley, ein erfahrener Politiker und altgedienter Minister in früheren Kabinetten der BJP. Jaitley gilt als strategischer Kopf mit viel Sympathien für die Interessen der Unternehmen. Und dann findet Modi in Singh bereits einen Präsidenten der Zentralbank vor, mit dem er harmonieren wird: Raghuram Rajan, ein weltweit angesehener Ökonom, der seit vergangenem September an der Spitze der Reserve Bank of India steht. Rajan hat schon deutlich gemacht, dass er vor allem die derzeit nahezu zweistellige indische Inflationsrate reduzieren und einige der überkommenen kontraproduktiven Restriktionen aufheben will, unter denen der indische Bankensektor leidet.

Es wird dauern, bis die nötigen Maßnahmen zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums eingeführt sind und Wirkung zeigen. Doch wenn wir heute schon wissen wollen, ob die neue Regierung das Richtige für stärkeres langfristiges Wachstum tut, müssen wir auf Fortschritte auf den folgenden zehn Feldern achten:

1. Bildung: Indien hat zwar hervorragende Universitäten und Forschungseinrichtungen, aber davon hat die große Mehrheit der Bevölkerung nichts, weil Grund- und Mittelschulen so unzureichend sind. Nur 60 Prozent der erwachsenen Inder können einfache Texte lesen und schreiben, die meisten Lehrer sind selbst schlecht ausgebildet. Viele sind so unmotiviert, dass sie – und nicht die Schüler – die Schule schwänzen.

2. Infrastruktur: Indien braucht bessere Straßen und Häfen, damit Waren besser durch das riesige Land und in den Rest der Welt befördert werden können. Die Privatisierung von Fluglinien und Flughäfen vor ein paar Jahren hat gezeigt, was private Unternehmen hier bewirken können.

3. Solide Finanzpolitik: Hohe Haushaltsdefizite absorbieren bislang die Ersparnisse der Inder, die darum nicht in Investitionen der Unternehmen fließen können; außerdem steigern die Defizite der Staatsverschuldung, was zukünftige Steuererhöhungen erzwingt.

4. Privatisierung: Die staatseigenen indischen Unternehmen in der Industrie und anderen Sektoren arbeiten unwirtschaftlich und oft mir Verlusten, welche die nationale Sparleistung aufzehren. Der Verkauf dieser Unternehmen würde darum unmittelbar das Wirtschaftswachstum fördern.

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