Neue Supermacht: China vor Olympia: Schöne Fassade

Neue Supermacht: China vor Olympia: Schöne Fassade

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Neues Olympiastadion mit Bewacher: Rund 38 Milliarden US-Dollar hat China in Sportstätten und Infrastruktur gesteckt

Schneechaos, Tibet-Unruhen, Erdbeben: Das Olympiajahr 2008 ist für China bislang ein Albtraum. Bei den Spielen im August wollen die Chinesen alle Krisen zwei Wochen lang vergessen – und den Aufstieg ihres Landes zur neuen Supermacht feiern.

Deng Yaping ist die Anspannung deutlich anzumerken. Für einen Moment gerät die redegewandte Frau ins Stocken, überlegt und holt tief Luft. Schließlich findet sie die Fassung wieder. Natürlich sei es nicht einfach, erklärt Deng mit leiser Stimme, nach dem Erdbeben in Sichuan mit fast 70.000 Toten eine unbeschwerte Sport-Party zu feiern. „Aber der Enthusiasmus der Chinesen für die Olympischen Spiele ist ungebrochen“, sagt die Frau mit der markanten Kurzhaarfrisur.

Deng Yaping ist Chinas Tischtennis-Legende. Vier olympische Goldmedaillen und 14 Weltmeistertitel hat die 35-Jährige für ihr Land geholt. Nach den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta verabschiedete sie sich vom Leistungssport und kümmerte sich fortan um Pekings Olympiabewerbung. Im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) hat sie Chinas Athleten vertreten und rührte als Image-Botschafterin rund um den Globus die Werbetrommel für die Spiele in Peking. Die Ex- Athletin wird von der jungen Generation Chinas vergöttert, sie ist Vorbild für Hunderttausende Nachwuchsspieler. Jetzt will Deng mit dafür sorgen, dass die Spiele im August doch noch das werden, als das es die Regierung geplant hat – ein gigantisches Fest, bei dem China seine Rückkehr als wirtschaftliche und politische Supermacht auf die Weltbühne feiern will. „Die Spiele können auch helfen, die Menschen ein bisschen von der schrecklichen Erdbebenkatastrophe abzulenken“, sagt Deng.

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Doch so einfach wird sich die gedrückte Stimmung, gut sechs Wochen bevor im Pekinger Nationalstadion das olympische Feuer entzündet wird, nicht drehen lassen. Denn es ist nicht nur das schwere Erdbeben vom 12. Mai, das dem sportlichen Großereignis im Reich der Mitte den unbeschwerten Charakter genommen hat. Überschattet werden die Spiele auch von den Unruhen in Tibet im März, die während des anschließenden Fackellaufs in London, Paris und San Francisco für antichinesische Demonstrationen sorgten. Das Olympiajahr 2008, das wegen der chinesischen Glückszahl „Acht“ eigentlich ein Jahr voller Siege sein müsste, ist bislang ein Jahr der Katastrophen; neben dem Erdbeben gab es auch noch verheerende Schneestürme und Überschwemmungen. „So ein Jahr hatten wir seit 1976 nicht mehr“, klagt ein chinesischer Regierungsvertreter. Damals verloren beim großen Tangshan-Erdbeben im Norden Chinas mindestens 240.000 Menschen ihr Leben. Kurz darauf starb Staatsgründer Mao Tse-tung, die Ära der Wirtschaftsreformen und Öffnung nach außen begann.

Bei den am 8. August beginnenden Olympischen Spielen sollen die Chinesen indes wieder nach vorn blicken. Vor blitzsauberer und ultramoderner Fassade will die Regierung für die Welt eine gigantische Party zelebrieren. Überall in der Stadt wird darum noch gezimmert, geschraubt und geschweißt. Brigaden von Arbeitern klettern die Laternenpfähle entlang des vierten Autobahnrings hinauf und verpassen diesen einen neuen Anstrich. In der Innenstadt werden an Hunderten Geschäften noch eilig verwitterte Leuchtreklamen abmontiert und durch neue Schilder ersetzt. An der Flughafenautobahn, die zum neuen Terminal 3 des Airports führt, pflanzen Wanderarbeiter kleine Bäumchen. Denn es sollen, so verkündet Chinas Regierung unablässig, nicht nur „High-Tech-Spiele“ und „zivilisierte Spiele“, sondern auch „grüne Spiele“ werden.

Perfekt und ordentlich

Damit es die versprochenen „zivilisierten Spiele“ werden, haben sich die chinesischen Behörden einiges einfallen lassen. An jedem 11. eines Monats mussten die sonst fürs Drängeln und Schubsen bekannten Pekinger an den Bushaltestellen das Schlangestehen üben. Das Datum war bewusst gewählt, weil an dem Tag die beiden „Einsen“ so schön nebeneinander stehen. Um für saubere Straßen zu sorgen, haben die Behörden auf das verbreitete Spucken in der Öffentlichkeit saftige Geldstrafen verhängt. Entlang der Autobahnen in der Stadt fordern seit einigen Wochen große Leuchttafeln mit grünen Schriftzeichen die Bevölkerung auf: „Lasst uns den zivilisierten Pekinger erschaffen“.

Alles soll perfekt und ordentlich sein zu den Spielen im August. Die Taxifahrer sollen Englisch sprechen. Hostessen sollen freundlich lächeln. Und sogar für das passende Wetter glaubt die allmächtige Kommunistische Partei ein Rezept parat zu haben: Den Regen, der in den Sommermonaten normalerweise über Peking niedergeht, wollen die Organisatoren mit in die Wolken geschossenen Chemiecocktails vertreiben.

Auch beim Bau des neuen Peking, das die Besucher im Sommer bestaunen können, haben die Chinesen nichts dem Zufall überlassen. Rund 38 Milliarden Dollar, so viel wie nie eine Olympiastadt zuvor, hat Peking in Stadien, Sporthallen und die Modernisierung der Infrastruktur investiert. Allein 20 Wettkampfstätten wurden neu gebaut. Internationale Stararchitekten konnten sich in Peking in den vergangenen Jahren nach Lust und Laune austoben. Das unter dem Namen „Vogelnest“ bekannte Olympiastadion etwa entwarf das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron, das gigantische neue Flughafenterminal hat Norman Foster geplant.

Rechtzeitig fertig geworden ist auch noch Chinas neues Nationaltheater in der Nähe der Großen Halle des Volkes. Rund 300 Millionen Euro hat Peking sich die wegen seiner auffälligen Form von der Bevölkerung nur „Riesenei“ genannte Kulturarena kosten lassen. Die Philharmoniker aus London und New York waren bereits zu Gast. „Ein Traum ist für uns in Erfüllung gegangen“, erklärt die Führerin, die einer Gruppe ausländischer Besucher das neue Theater zeigt. Dafür habe man aber auch einige Anstrengungen unternommen. „Das Holz für die Innenverkleidung der riesigen Deckenkuppel ist echtes Tropenholz aus Brasilien“, versichert die junge Chinesin stolz. Offenbar hat China sehr spezielle Vorstellungen davon, was „grüne Spiele“ sind.

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