Neue Wirtschaftsbücher über China: Wie ein Zahnarzt den Zensoren die Zähne zieht

Neue Wirtschaftsbücher über China: Wie ein Zahnarzt den Zensoren die Zähne zieht

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Eine Besucherin auf der Buchmesse in Frankfurt am Main beim Gemeinschaftsstand der chinesischen Verlage

von Mark Fehr

China hat als Gast der Frankfurter Buchmesse schon vor der Eröffnung für Furore gesorgt: Zahlreiche neue Titel schildern eindringlich den alltäglichen Freiheitskampf der Chinesen und prangern die Regierung an. Doch vor allem Bücher über die Wirtschaftsreformen helfen beim Verständnis des widersprüchlichen Landes.

Das Jahr 2009 ist für die Volksrepublik China besonders spannungsreich: Die Pekinger Zentralregierung feiert mit Pomp und Panzern den 60. Jahrestag der Staatsgründung – viele Chinesen erinnern sich dagegen an die gewaltsame Niederschlagung der Demokratiebewegung vor 20 Jahren.

Den traurigen Höhepunkt bildeten 1989 blutige Straßenkämpfe auf dem Platz des himmlischen Friedens, genau dort im Herzen Pekings, wo die kommunistischen Führer am Nationalfeiertag kürzlich wieder Panzer rollen ließen.

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Da die chinesische Regierung eine Aufarbeitung der Tragödie von 1989 oder gar das Gedenken an die Opfer verhindert, bietet der Gastauftritt auf der Buchmesse in Deutschland eine einzigartige Gelegenheit: Kritische Stimmen aus China, die sonst nicht nach außen dringen, finden hier international Gehör. Dabei lohnt nicht nur die Diskussion über Autoren, die über Menschenrechte und Demokratie schreiben.

Lesenswert sind auch zahlreiche Wirtschaftsbücher, zumal die Pekinger Zensoren die Brisanz mancher Werke offenbar verkannt haben. Der seit mehr als 30 Jahren anhaltende unvergleichliche Wirtschaftsboom nährt das Selbstvertrauen der Herrschenden.

Auf dem Feld der Ökonomie hält sich die Partei wohl für unangreifbar, zumal die nackten Zahlen das Land trotz Weltwirtschafskrise glänzen lassen. 

Schatten des Booms

Doch aktuelle Werke über Chinas Wirtschaftsreformen offenbaren die Schattenseiten des großen Wachstumssprungs: Die Autoren feiern nicht nur Sieger, sondern zeigen auch die Verlierer des schonungslosen Wohlstandskampfs.

Unter den wichtigen Schreibern sind neben Festlandchinesen viele Auswanderer und internationale Autoren, die sich aus sicherer Entfernung mit dem brodelnden China beschäftigen.

Das amerikanische Autorenpaar John und Doris Naisbitt wagt mit "Chinas Megatrends" (Hanser) einen Blick in die ferne Zukunft des Riesenreichs.

Der Beststeller ist in diesem Jahr anlässlich des chinesischen Gastspiels auf der Frankfurter Buchmesse erstmals in deutscher Sprache erschienen. Das Buch dürfte vor allem Faktenfreunden gefallen. Die Autoren zerlegen das komplexe Thema in acht Säulen, welche ihrer Meinung nach die künftige Entwicklung Chinas stützen werden.

Die These: China holt nicht nur wirtschaftlich mit Riesenschritten auf, sondern entwickelt auch ein modernes Gesellschaftsmodell, das sich sowohl vom Sozialismus als auch von Volkswirtschaften und Demokratien westlicher Prägung deutlich unterscheidet.

Trotz einiger Fallstudien und konkreter Beispiele bleibt das Werk aber insgesamt auf einer abstrakt-analytischen Ebene.

Mehr Nähe zum chinesischen Alltag - allerdings schon soviel, dass es unangenehm wird - vermittelt der Roman "Brüder" (S. Fischer) des in Peking lebenden Autors Yu Hua.

Bevor er Schriftsteller wurde, schlug sich der 1960 in der Provinz Zhejiang Geborene nach dem Studium zunächst als Zahnarzt durch.

Dass ihm die Tiefen menschlicher Mundhöhlen vertraut sind, beweist er auch in seiner 2009 ins Deutsche übersetzen Erzählung über den Lebensweg zweier ungleicher Brüder:

Mitten in den Wirren der Kulturrevolution erleben die beiden, damals noch Kinder, wie ein professioneller Zahnreißer Rache an einem angeblichen Gutsbesitzer nimmt. Der Quacksalber entfernt seinem arglosen Patienten quälend langsam und ohne Narkose einen gesunden Beißer nach dem anderen. Den faulen Backenzahn lässt er dagegen im Kiefer stecken.

Neben den Absurditäten des kommunistischen Alltags zeigt Yu Hua's Roman, dass viele einst treu dem Sozialismus ergebene Chinesen nach der wirtschaftlichen Liberalisierung nur noch ein Ziel kannten: Reich werden. Einer der beiden Romanhelden ist für die schöne neue Welt des wilden Kapitalismus wie geschaffen. Der gerissene Li macht als Müllhändler schnell ein Vermögen.

Sein sensibler Bruder Song dagegen weiß erst nicht so recht, was er mit der neu gewonnenen Freiheit anfangen soll. Doch bald kommt auch er auf eine Geschäftsidee, die selbst den abgebrühten Li staunen lässt.

Er verkauft arglosen Bäuerinnen eine völlig wirkungslose Salbe für die angebliche Brustvergrößerung.

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