Neuer EZB-Chef: Mario Draghi, bitte übernehmen Sie!

Neuer EZB-Chef: Mario Draghi, bitte übernehmen Sie!

, aktualisiert 10. November 2011, 16:59 Uhr
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Auf Mario Draghi kommen aufregende Monate und Jahre zu.

Quelle:Handelsblatt Online

Der neue Chef der Europäischen Zentralbank ist Pragmatiker, aber kein Stabilitätspolitiker deutschen Schlages. Mit dem Kauf von Staatsanleihen durch die EZB hat er kein Problem – was in Deutschland für Skepsis sorgt.

Es war sein letzter Tag an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB). Und Jean-Claude Trichet verbrachte ihn damit, den Märkten Interpretationshilfe für seinen Nachfolger Mario Draghi zu geben. Der Italiener, der heute sein Amt an der EZB-Spitze antritt, hatte sich dafür ausgesprochen, die „unkonventionellen Maßnahmen der EZB so lange weiterzuführen, wie nötig.“ Die Märkte verstanden darunter die Fortführung des Aufkaufs von Staatsanleihen durch die EZB.

Trichet sah sich genötigt, zu erklären, was sein Nachfolger wirklich gemeint haben könnte. Jüngste Äußerungen Draghis seien vom Finanzmarkt „nicht richtig verstanden worden“, sagte Trichet der Nachrichtenagentur Reuters. Tatsächlich hatte Draghi konkret nur die großzügige Liquiditätsversorgung der Geschäftsbanken und die Neuauflage des Pfandbrief-Aufkaufprogramms genannt. Trotzdem wirft Trichets „Nachhilfe“ einen Schatten auf Draghis Start in Frankfurt. Denn die Kommunikation mit den Märkten gehört zur Schlüsselqualifikation von Notenbankpräsidenten.

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Klar ist überdies, dass der neue EZB-Chef keine Schonzeit eingeräumt bekommt. Schon in zwei Tage muss Draghi die Sitzung des 23-köpfigen EZB-Rats leiten, bei der es wieder einmal hoch her gehen wird. Soll die EZB ihr kräftig zurückgefahrenen Käufe von Staatsanleihen wieder hochfahren, wie das Italiens Premier Silvio Berlusconi gerne hätte. Oders soll die EZB die Staatsanleihenkäufe beenden, wie es die deutschen Vertreter im EZB-Rat und deren Verbündete fordern? Und soll die EZB umgehend den Leitzins von 1,50 Prozent senken, um Rezessionsgefahren einzudämmen? Oder würde ein solcher Schritt das Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber der Notenbank und ihrem neuen italienischen Präsidenten nur noch verstärken?


Hohe Erwartungen

Die Erwartungen an Draghi, so viel ist sicher, sind nicht nur hoch, sie gehen auch in gegensätzliche Richtungen. Seit die EZB im Mai letztes Jahres beschlossen hat, Anleihen der strauchelnden Peripherieländer zu kaufen, sind mit Axel Weber und Jürgen Stark zwei profilierte deutsche Vertreter im EZB-Rat zurückgetreten. Der neue Präsident Draghi sollte den Deutschen wieder das Gefühl vermitteln, „dass die EZB auch ihre Zentralbank ist“, mahnt deshalb Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Dagegen befürchtet Daniel Stelter, Senior Partner der Boston Consulting Group, Draghi könnte sich zu deutsch gerieren und damit die Währungsunion gefährden. „Es ist fatal, dass mit Draghi ausgerechnet ein Italiener die Anleihekäufe der Öffentlichkeit verkaufen muss, wo diese doch voraussichtlich zu einem großen Teil Italien zu Gute kommen werden“, kritisiert Stelter. „Das ist eine Einladung für kritische Politiker, Wahlkampf gegen die Anleihekäufe, eine vermeintliche Transferunion und den Euro zu machen.“ Und weil Draghi das wisse, bestehe die Gefahr, dass er sich wie ein zweiter Axel Weber inszenieren wolle. „Das könnte großen Schaden anrichten, denn die EZB ist die einzige Institution, die die Mittel hat, die Währungsunion so lange zusammen zu halten, bis die nötigen Reformen umgesetzt sind.“

Ein italienischer EZB-Präsident als Verfechter der deutschen Stabilitätsideologie, wenn auch nur aus strategischen Gründen? Einer, der es wissen muss, hält Stelters Befürchtungen für abwegig. Francesco Giavazzi, kennt Draghi seit 30 Jahren. Der Mailänder Ökonomieprofessor hat in den 70er-Jahren mit ihm in Boston studiert, in den 80er-Jahren mit ihm in Italien Ökonomie gelehrt und in den für Italien turbulenten 1990er-Jahren mit Draghi im Schatzamt gearbeitet. „Ideologieferne ist ein wesentlicher Charakterzug Marios. Er ist immer problemorientiert und pragmatisch“, sagte Giavazzi dem Handelsblatt. Das Studium in Boston präge ihn bis heute: „Er hat eine sehr analytische Art, an Probleme heranzugehen. Er betrachtet sie nicht politisch oder von der Marktstimmung her, sondern von den grundlegenden Zusammenhängen.“


Konservative Grundeinstellung

Was die Anleihekäufe der EZB angeht, ist Draghi zwar kein Stabilitätspolitiker in der Tradition der Bundesbank. „Aber wenn es um Staaten geht, ist er überzeugt, dass es sich dabei in der Regel nicht um Liquiditätsprobleme, sondern um mangelnde Kreditwürdigkeit handelt“, berichtet Giavazzi aus seinen Gesprächen mit Draghi. Und solche Probleme dürfe eine Zentralbank nicht zu lösen versuchen.

Prinzipiell ablehnend, wie die Deutsche Bundesbank, ist Draghi mit Blick auf Aufkäufe von Staatsanleihen allerdings nicht. Sie müssten mit Marktverwerfungen begründbar sein, die die Geldpolitik stören. Das ist auch die Linie, die Trichet immer vertreten hat. Wenn Draghi sich tatsächlich daran orientiert, dann können Italien und Spanien kaum auf eine kräftige Ausweitung der Anleihekäufe hoffen. Denn je länger die Krise dauert, desto weniger kann man von „Verwerfungen“ sprechen.

Auch Ökonomen aus der Finanzwelt, die dafür bezahlt werden, jedes Wort des EZB-Präsidenten auf die Goldwaage zu legen, sind sich einig: Der EZB steht unter Draghi kein Umbruch bevor. Für Anja Mikus, Leiterin des Portfoliomanagements bei Union Investment steht Draghi für die Fortsetzung der Krisenmaßnahmen der EZB, also des Pfandbrief-Ankaufprogramms ebenso wie der großzügigen Liquiditätsversorgung der Banken und der Staatsanleihekäufe. „Er gehört nicht dem deutschen Hardliner-Lager an“, ist sie sich sicher, fügt aber hinzu: „Trotz allem glauben wir, dass er die Politik von Trichet fortsetzen will und sich Glaubwürdigkeit hinsichtlich der Einhaltung der Preisstabilität erarbeiten wird.“ Eine Zinssenkung bei seiner ersten Sitzung als EZB-Präsident am Donnerstag erwartet sie daher nicht.

Die Experten haben gute Gründe, keine Revolution von Draghi zu erwarten. In seinen meist sehr vorsichtig formulierten Reden „kommt deutlich eine konservative Grundeinstellung zum Ausdruck“, meint Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt von Barclays Capital.

Dass der 64-jährige trotz seines italienischen Passes nach dem plötzlichen Rückzug von Weber so problemlos alleiniger Kandidat für den EZB-Vorsitz werden konnte, verdankt er einem Werdegang, der bei europäischen Geldpolitikern seinesgleichen sucht. Als Ökonomieprofessor mit Promotion an einer US-Eltieuni und Studium bei Ikonen des Fachs wie Robert Solow und Franco Modigliani hat er eine fundierte theoretische Basis ökonomischer Zusammenhänge. Als Staatssekretär im italienischen Schatzamt zeichnete er für ein massives Privatisierungs- und Sanierungsprogramm mitverantwortlich, das Italien Anfang der 1990er-Jahre aus einer Finanzkrise befreite.


Sohn eines hohen Zentralbankbeamten

„Marios unerschütterlicher Optimismus, seine Wir-schaffen-das-schon-Einstellung, sind mir da manchmal ganz schön auf die Nerven gegangen“, bekennt Giavazzi. Diesen Optimismus wird er in seinem neuen Amt gut brauchen können.

Draghi arbeitete maßgeblich daran mit, dass Italien den Einritt in die Währungsunion schaffte, ein Erbe, das er als EZB-Chef unbedingt wird verteidigen wollen. Als Managing Direktor bei der Investmentbank Goldman Sachs in London von 2002 bis Ende 2005 kennt er die Wirkungsweise der Finanzmärkte nicht nur aus der Theorie oder von der anderen Seite, wie viele seiner Kollegen, sondern er war mitten drin. „Draghi wird wohl etwas selbstbewusster gegenüber den Finanzmärkten sein als Trichet“, meint EZB-Beobachter Callow. „Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass er es nicht wie dieser für nötig hält, Zinsänderungen einen Monat vorher anzukündigen.“

Seine Feuertaufe als Notenbanker hatte Draghi 2006 zu bestehen, als er Nachfolger des gestürzten Präsidenten Antonio Fazio bei der skandalgeschüttelten Banca d’Italia wurde. Er räumte geräuschlos auf, kappte Privilegien und erwarb sich in der Notenbank dennoch große Achtung in seinem Haus. Bei der Regelung seiner Nachfolge zeigte Draghi seine zweite hervorstechende Eigenschaft: Hartnäckigkeit. Er bestand gegenüber der Regierung darauf, die Notenbankspitze intern zu besetzen – und setzte sich durch.

Auf diese Hartnäckigkeit werden sich auch seine Kollegen im sechsköpfigen EZB-Direktorium und im 23-köpfigen EZB-Rat einstellen müssen, dem die nationalen Notenbankpräsidenten mit angehören. „Draghi wird einen konsensorientierten Stil pflegen“, sagte Giavazzi voraus, „aber in dem Sinne, dass er einen Konsens für das herstellt, was er tun will.“


Voraussetzungen sind günstig

Die Voraussetzungen dafür hat er. Draghi ist in einem Umfeld groß geworden, das ihm die nötigen Umgangsformen frei Haus mitgab. Als Sohn eines hohen Zentralbankbeamten geboren, besuchte er eine elitäre Jesuitenschule. Der frühe Tod seines Vaters und der seiner Mutter wenig später, zwangen ihn, früh Verantwortung zu übernehmen. Parties hingegen konnte er schon als Jugendlicher wenig abgewinne. Das ist so geblieben. Draghi führt ein zurückgezogenes Leben ohne jeden Hang zum Glamour.

Wer eine Gegenposition vertritt, wird es nicht leicht haben, gegen den ruhig, verbindlich und hartnäckig argumentierenden Präsidenten eine Mehrheit oder zumindest eine Sperrminorität aufzubauen.

Die Voraussetzungen für Draghi, sich eine starke Machtposition aufzubauen, sind günstig. Die jüngsten und noch anstehenden Wechsel im Direktorium führen dazu, dass ihm im Kreis der Kollegen keinesfalls mangelnde Erfahrung vorgehalten werden kann. Und auf den anderen EZB-Managementebenen findet Trichet eine beträchtliche Zahl Landsleute vor mehr jedenfalls als damals sein Vorgänger Trichet.

Doch Draghi ist kein Mensch, der seine Macht demonstrieren und sich in den Vordergrund spielen will. Im Gegenteil. Draghi hat sich nach Auskunft von Vertrauten bisher absichtlich sehr im Hintergrund gehalten, um seinem Vorgänger Trichet nicht ins Gehege zu kommen und ihm einen geordneten Abgang zu verschaffen.

Doch sein Landsmann Marco Annunziata, Chefvolkswirt der Großbank Unicredit, ist sich sicher, dass er bald entschlossener auftreten wird, vor allem gegenüber der italienischen Regierung: „Er wird enormen Druck auf Spanien und Italien ausüben, die Reformen zu beschleunigen.“ Und die EU-Regierungen werde er sehr nachdrücklich drängen, ihre Krisenmechanismen schnell in Gang zu setzen, weil es nicht der Job der EZB sei, dauerhaft Staatsanleihen zu kaufen.
Und vielleicht wird Draghis Entschlossenheit durch Trichets „Nachhilfe“ ja noch zusätzlich gestärkt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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