Niall Ferguson: „Der Euro überlebt, die EU nicht“

Niall Ferguson: „Der Euro überlebt, die EU nicht“

, aktualisiert 08. November 2011, 17:06 Uhr
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Der Historiker Niall Ferguson.

von Torsten RieckeQuelle:Handelsblatt Online

Der Historiker Niall Ferguson warnt vor einem Zerfall der Europäischen Union: Den Euro werde es auch in Zukunft geben, aber seine Krise spalte die Gemeinschaft, argumentiert Ferguson im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Handelsblatt: Herr Ferguson, was würde passieren, wenn die Griechen aus der Währungsunion ausscheiden sollten?

Niall Ferguson: Jeder würde sich fragen: Wer ist der Nächste? Wenn man alle schwachen Euro-Länder rauswerfen würde, hätte man eine Hartwährungsunion mit Deutschland im Zentrum. Aber die Deutschen hätten dann die gleichen Probleme wie heute schon die Schweizer und Japaner. Also stark steigende Wechselkurse, die die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen beeinträchtigen würden.

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Die Währungsunion wird also halten?

Ich glaube, ein Auseinanderfallen der Währungsunion wäre zu kompliziert. Niemand hätte etwas davon. Weder würden die Griechen etwas gewinnen, wenn sie die Drachme wiederbekommen würden. Noch hätte Deutschland einen Vorteil, wenn man Griechenland rauswerfen würde.

Wie lässt sich die Krise dann lösen?

Die 17 Mitgliedsländer werden sich unausgesprochen auf eine Transferunion einigen. Unausgesprochen, weil man eine Transferunion gerade in Deutschland politisch nicht verkaufen kann.

Haben wir nicht längst eine Transferunion?

Ja, wir nennen sie „bail-outs“. Aber wir können nicht unser Leben lang andere Länder retten, die mehr als 100 Prozent ihres Einkommens ausgeben.

Gibt es historische Beispiele für eine Transferunion?

Man hat ein ähnliches Experiment mit der früheren DDR unternommen. Erst gibt man den Leuten eine harte Währung, mit der sie auf große Einkaufstour gehen. Dann macht man sie arbeitslos und schließlich muss man sie finanziell unterstützen. Und genau das passiert jetzt auch in den Randstaaten der Euro-Zone.

Beseitigt eine Transferunion den Konstruktionsfehler der Währungsunion?

Nein, das Grundproblem der Euro-Zone sind nicht die Staatsschulden, sondern die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung ihrer Mitglieder. Der Euro war niemals ein optimaler Währungsraum.


„Jeder darf sich Populismus leisten, nur nicht die Deutschen“

Erhöht das nicht auch die politischen Spannungen?

Jeder in Europa darf sich politischen Populismus leisten, nur nicht die Deutschen. Wenn es in Deutschland eine ähnliche Bewegung wie die „Wahren Finnen“ geben würde, dann stünde das ganze Euro-Projekt auf dem Spiel.

Ist es nicht paradox, wenn man bedenkt, dass der Euro Europa einigen sollte?

Der Euro befördert nicht die Integration, sondern das Gegenteil. Es ist eine Zweiklassengesellschaft in Europa entstanden. Sowohl innerhalb wie außerhalb der Euro-Zone.

Aber geht nicht ein Stück liberales Europa verloren, wenn die Integration ohne Länder wie Großbritannien fortgesetzt wird?

Man hätte sich von Anfang an viel stärker auf eine Weiterentwicklung des Binnenmarktes konzentrieren sollen. Stattdessen haben die Franzosen geglaubt, sie könnten die Stärke Deutschlands und der Bundesbank mit einer einheitlichen Währung begrenzen.


Das Sterben der Europäischen Union

Was wird also passieren?

Der Euro wird überleben, aber die Europäische Union nicht.

Wie meinen Sie das?

Es ist extrem schwer, aus der Währungsunion auszuscheren, aber vergleichsweise einfach, die EU zu verlassen. Warum sollten die Länder außerhalb der Euro-Zone dabeibleiben? Diese Zweifel wachsen, wie man an der Rebellion der Konservativen Partei in Großbritannien sehen kann. Der Euro könnte also die EU zerstören.

Fallen wir damit zurück in die Welt von Thomas Hobbes, wo Nationalstaaten nur im Eigeninteresse handeln, statt wie von Kant gefordert, eine Staatengemeinschaft aufzubauen?

Wir haben die Welt von Hobbes nie verlassen, sondern immer nur wie Kant geredet, aber nie so gehandelt.

Was ist Ihr Rat an Mario Draghi, den neuen Präsidenten der Europäischen Zentralbank?

Es ist die Tragik von Draghi, dass er alle nationalen Stereotypen erfüllen muss. So wird der Euro nur überleben, wenn die EZB viel mehr Geld druckt als unter Trichet. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ein Italiener diese Entscheidung treffen muss. Mir wäre ein Deutscher lieber gewesen, aber die treten ja alle zurück.

Ist das Erbe der Bundesbank damit verspielt?

Ich glaube, dass die alte Bundesbank im abgelaufenen Jahr ihren letzten Versuch unternommen hat, ihr Erbe in der EZB zu bewahren. Die Rücktritte haben Trichet zwar beschränkt, waren am Ende aber erfolglos.

Ist das ein Verlust?

Die Vertreter der Bundesbank waren wie Generäle, die einen anachronistischen Krieg ausgefochten haben.


"Demokratie ist keine Killer-Applikation"

Durch die aktuelle Kritik am Finanzkapitalismus wächst weltweit der Zweifel an der Überlegenheit der westlichen Demokratie und Marktwirtschaft. Ist der Westen im Systemwettbewerb unterlegen?

Ich glaube nicht, dass wir uns einfach zwischen liberaler Marktwirtschaft und einem autoritären Staatskapitalismus wie in China entscheiden müssen. Die Demokratie gehört nicht zu den Killer-Applikationen, die den Westen in den letzten 200 Jahren so erfolgreich gemacht haben. Es waren vielmehr der Rechtsstaat und die Eigentumsrechte. Länder mit diesen Merkmalen sind wirtschaftlich am erfolgreichsten. Das Problem Chinas ist es, dass es dort diese Killer-Apps nicht gibt. Ihr Rechtssystem ist fast gänzlich willkürlich, und das ist ihre größte Schwäche.

Warum schaffen es die Chinesen nicht, einen autoritären Staat mit einem Rechtsstaat zu vereinbaren?

Das ist sehr schwierig. Die Chinesen glauben nicht, dass eine repräsentative Demokratie mit mehreren Parteien in einem Land funktioniert, in dem 20 Prozent der Weltbevölkerung leben. Deshalb befürchten sie, dass ihnen das Schicksal Russlands mit all dem Chaos drohen könnte, wenn sie sich politisch falsch entscheiden.

Welche Bedeutung hat es, dass die Europäer beim einstigen Entwicklungsland China jetzt um Hilfe betteln müssen?

Genau darum geht es in meinem Buch „Der Westen und der Rest der Welt“. Auch Barack Obama hat sich vor Chinas Premier Wen Jiabao verbeugt. Das zeigt, dass China seine alte Stellung als Reich der Mitte wieder beansprucht. Mit seinen Währungsreserven von rund drei Billionen Dollar hat China heute die Macht einer großen Gläubigernation.


Zur Person

Der 1964 in Glasgow geborene Wirtschaftshistoriker Ferguson ist Professor an der US-Eliteuniversität Harvard. Er verbrachte als junger Forscher zwei Jahre in Hamburg und Berlin. Sein erstes Buch hat den Titel „Paper and Iron: Hamburg Business and German Politics in the Era of Inflation 1897-1927“.

Weit über Fachkreise hinaus berühmt wurde der Schotte jedoch mit seinem Werk „Der Aufstieg des Geldes“. In Deutschland ist gerade sein Buch „Der Westen und der Rest der Welt“ erschienen. Darin beschäftigt er sich mit dem beispiellosen Aufstieg der westlichen Zivilisation und der neuen Konkurrenz in China. Zurzeit arbeitet er an einer Biografie über Henry Kissinger.

Quelle:  Handelsblatt Online
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