"Occupy"-Bewegung: Demonstranten ohne Argumente

"Occupy"-Bewegung: Demonstranten ohne Argumente

Bild vergrößern

Spekulieren auf Populistenart. Demonstranten vor der EZB in Frankfurt.

von Dieter Schnaas

Die Bankenkritiker machen Stimmung – ohne konkret zu werden. Dennoch stoßen sie auf politisches Verständnis.

Natürlich liegt Beinahe-Bundespräsident Joachim Gauck mit seiner Einschätzung gründlich daneben. Das Problem der „Besetzt Frankfurt“-Bewegung besteht nicht darin, dass sie samt ihrer Bankenkritik „unsäglich albern“ ist – sondern darin, dass keine Bankenkritik in Deutschland mehr albern genug ist, um nicht sofort auf politisches Verständnis und Interesse zu stoßen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterstützt das „berechtigte Gerechtigkeitsverlangen“ der Demonstranten, SPD-Chef Sigmar Gabriel fordert die Kampierenden auf, noch mehr Rummel gegen Banker und Börsianer zu veranstalten – und Cem Özdemir, der Grünen-Vorsitzende, schmeißt sich den Protestlern gar mit einem persönlichen Angriff auf Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann an den Hals.

Das alles ist nicht nur peinlich, sondern auch ein wenig gefährlich, weil der Gegenstand des politischen Diskurses, die Irrationalität der Finanzmärkte, seinerseits völlig irrational geworden ist. Offenbar reicht es heute bereits, glaubhaft zu versichern, unter der „Herrschaft des Geldes“ zu leiden, sich „den Finanzmärkten ausgeliefert“ zu fühlen oder wenigstens ein „diffuses Unbehagen“ am Kapitalismus zu verspüren, um von einer breiten Phalanx bekennender Mitmachtloser in Politik und Medien als nachdenkbereit, kritisch, engagiert und politisch sensibel gewürdigt zu werden.

Anzeige

Schmückende Entrüstung?

So kommt es, dass Angst- und Ohnmachtsbekenntnisse in der tagespolitischen Arena zu bevorzugten Kommunikationstechniken aufsteigen, dass bereits das Eingeständnis von Ratlosigkeit und Beklemmung als Persönlichkeitswert schätzbar wird – und dass demonstrative Argumentationsnot in der täglichen Talkshow als eine Art Auszeichnung die Runde macht. Man braucht die Unbestimmtheit seines Missfallens an der globalen (Un-)Ordnung nicht mehr als intellektuellen Mangel zu begreifen, seit es genügt, ihr nachzugeben, ja: Man kann sich seiner Entrüstung förmlich schmücken, seit sie authentisch genug ist, um ein politisches Argument zu simulieren.

Es war der französische Ex-Diplomat Stéphane Hessel, der vor einem Jahr mit der Autorität seiner 93 Lebensjahre in einem kommerziell so erfolgreichen wie wirren Pamphlet („Empört Euch!“) eine Wut respektabel gemacht hat, die keiner weiteren Begründung als den Hinweis auf das „System“ bedarf. Seither ist in Deutschland ein politisches Klima entstanden, in dem „Moral ist, wenn man moralisch ist“ – eine Moral, die sich nicht an einer zunehmend komplexen Realität zu bewähren hätte, sondern die, ganz im Gegenteil, ihre Legitimität aus der Hilflosigkeit bezieht, mit der sie gegen eine als übermächtig empfundene Realität in Stellung gebracht wird. Es ist eine Moral ohne Absender und Adressat; in ihr kommt ein gestaltloser Kritikwille an anonymen Kräften, wirtschaftlichen Zwängen und politischen Alternativlosigkeiten zum Ausdruck.

Kritik an Banken ist falsch

Dass die Banken derzeit im Fokus dieser Kritik stehen, ist aus vielen Gründen falsch, aber nicht dramatisch, weil naheliegend, also nachvollziehbar. Man spricht von Banken und meint alles Mögliche: den Geldbetrieb, den Materialismus, den internationalen Spekulationszirkus, die Gier, die Ratingagenten, die Fondsmanager, die Wachstumsprediger, die Geldregenmacher in Washington und die Euro-Dilettanten in Brüssel. Ausgelieferte aller Länder, vereinigt Euch! – das ist der hidden soundtrack der „Occupy“-Bewegung, und das ist zugleich ihr dialektisches Dilemma: Die Demonstranten müssen an der Totalität ihres Opferstatus festhalten, wollen sie ihrem Lieblingsgedanken von der anonymen Monströsität des Kapitalismus treu bleiben – und sie müssen in ihrer Kritik zugleich viel spezifischer und konkreter werden, wenn sie mit ihrem Anspruch auf Mitsprache und Co-Autorschaft im Geld-Welt-Geschehen wirklich ernst genommen werden wollen. Beides zugleich geht nicht.

Vorläufig üben sich die Bewegten in ihrer Opferrolle – und begnügen sich mit dem Hinweis, „die Faxen dicke“ zu haben. Das verspricht Aufmerksamkeit und politische Honorierung – und das infantilisiert ihren Protest. Wenn sie es mit ihrer Finanzmarktkritik wirklichernst meinten: Warum stimmen sie dann nicht mit den Füßen ab? Warum rufen sie nicht zum Boykott der Deutschen Bank auf? Warum gibt es kein Manifest, das den Aufstand der Einleger prophezeit, warum keine Flugblätter, die Kunden den massenhaften Übertritt zu den braven Genossenschaftsbanken ans Herz legen? Warum storniert niemand seine Riester-Rente oder das Fondssparen für seine Kinder? Warum kündigt keiner seine Lebensversicherung, die mit ihrem Renditeversprechen (vier Prozent!) doch genau das Risiko in den Markt trägt, zu dessen Vermeidung sie eigentlich abgeschlossen wird?

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%