Ökonomie-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom : "Baut mehr Radwege!"

Ökonomie-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom : "Baut mehr Radwege!"

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Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom

von Andreas Henry

Ökonomie-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom über die Vertrauenskrise in der Ökonomie und alternative Ansätze im globalen Klimaschutz.

WirtschaftsWoche: Frau Ostrom, Sie haben in Ihren Veröffentlichungen Vertrauen als besonders wichtiges Gut für eine funktionierende Gesellschaft hervorgehoben. Wie steht es gegenwärtig um das Vertrauen im Finanzbereich?

Elinor Ostrom: Als Fundament ist Vertrauen sehr wichtig, jeder muss darauf vertrauen können, dass legitime Regeln eingehalten werden, dass ihre Befolgung irgendwie kontrolliert und Verstöße auch angemessen sanktioniert werden, dass es für alle fair zugeht. Aber im Finanzbereich gibt es keine einzelne Institution, die uns garantiert, dass jeder seine Versprechen auch einhält. Wege zu finden, die sicherstellen, dass andere vertrauenswürdig sind, das ist einer der Schlüsselfaktoren für Zusammenarbeit.

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Kann man den ökonomischen Modellen noch trauen – keines davon hat die aktuelle Krise vorausgesagt?

Viele der Modelle, die sich mit globalen Veränderungen befassen, beruhen sehr stark auf einer statischen Analyse und nicht auf einer dynamischen. Mit solchen statischen Analysen können wir große Veränderungen und Störungen nicht erfassen. Aber das Problem betrifft nicht allein die Ökonomie.

Es gab die weitverbreitete Auffassung, wir brauchen nur die Kräfte des freien Marktes wirken lassen und möglichst wenig Regulierung, und dann würde in der Wirtschaft schon alles wie von selbst laufen.

Wenn wir nur an die Kräfte des freien Markts glauben, dann haben wir nicht verstanden, dass man keinen freien Markt haben kann ohne gutes Rechtssystem, ohne Gesetze für Unternehmen mit guten Bilanzprüfungsregeln und vieles mehr. Insofern ist der Begriff freier Markt genauso wenig sinnvoll wie die Idee eines monozentrischen Staates, der sich um alles kümmert. Es gibt nicht die eine klare Option.

Selbstregulierung spielt in Ihren ökonomischen Modellen eine wichtige Rolle. In der Finanzwirtschaft ist diese Idee fatal gescheitert.

Selbstregulierung kann eine große Rolle spielen, aber sie muss in ein breiteres Regelsystem eingebunden werden. Freie Bürger haben die Fähigkeit, sich untereinander auf bestimmte Regeln zu einigen, die von allen als legitim angesehen werden. Jetzt gehen wir davon aus, dass zu große Unternehmen nicht ausreichend überwacht worden sind.

Ich glaube darum, unbürokratische Kontrolle ist unverzichtbar. Manche Kontrollsysteme sind aber sehr bürokratisch und tragen daher möglicherweise noch zusätzlich zu den Problemen bei. Wir müssen deshalb bessere Kontrollsysteme finden, die zudem sicherstellen, dass Sanktionen greifen, wenn jemand ein Versprechen oder eine Verpflichtung nicht erfüllt.

Reicht die Drohung von Sanktionen denn aus, damit sich alle fair verhalten?

Nein. Zum einen ist es denkbar, dass Sanktionen nicht durchgesetzt werden. Zum anderen könnten sie unterschiedlich angewandt werden. Wer ganz dicke mit der Elite ist, kommt vielleicht darum herum. Das würde das Vertrauen der Leute nicht stärken, sondern schwächen.

Erleben wir neben der viel-zitierten Kapitalismus-Krise derzeit auch eine Krise der Wissenschaft der Ökonomie?

Es ist eine Krise für jene, die versucht haben, ein Allheilmittel anzuwenden. Wer denkt, Wissenschaft erschöpfe sich in der Forderung nach einem freien Markt, und diesen nicht einmal gut definiert, steht auf keinem festen Fundament. Beim Austausch privater Güter auf Märkten mit guter Information und fairen Verhandlungen liefert der freie Markt wunderbare Ergebnisse.

Aber der Finanzmarkt ist kein Gemüsemarkt. Wir sollten nicht die naive Vorstellung haben, da gibt es immer eine Angebots- und eine Nachfragekurve, und das wird immer funktionieren. Die Wissenschaft kann mit Komplexität umgehen, aber wenn wir versuchen, komplexe Zusammenhänge mit einfachen Modellen zu erklären, dann können wir mehr Schaden anrichten als Gutes tun.

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