Ökonomie Russland: Russland will seine Pazifikregion aufwerten

Ökonomie Russland: Russland will seine Pazifikregion aufwerten

Mit einem Wirtschaftsgipfel an der Pazifikküste will der Kreml die entlegene Region aufwerten. Eine neue Strategie soll vor allem das Abwandern junger Menschen aus dem Fernen Osten Russlands stoppen.

Riesige Flächen, viele Rohstoffe - aber kaum Menschen: Russlands einzigartige Pazifikregion führt seit Jahrzehnten ein Dasein im Schatten der Glitzermetropolen Moskau und St. Petersburg. Nun will Präsident Wladimir Putin mit einem großen Wirtschaftsgipfel die Entwicklung des Gebiets mit Macht vorantreiben. Hunderte Manager und Experten werden Anfang September in Wladiwostok erwartet. Die größte Delegation stellt das Nachbarland China.

„Von der Konferenz sollen wichtige Impulse ausgehen“, betont der russische Vizeregierungschef Jiri Trutnew. Russlands Ferner Osten ist doppelt so groß wie Indien - und benötigt dringend eine Strategie. Für den Kreml ist die Entwicklung der Grenzregion im Spannungsfeld zwischen China, Japan und den USA nicht nur eine Frage der nationalen Sicherheit. Wegen der Nähe zum Wachstumsmarkt Asien hat das Gebiet auch großes wirtschaftsstrategisches Gewicht.

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Fünf Folgen der Wirtschaftskrise in Russland

  • Rezession

    Das von den Einnahmen aus dem Geschäft mit Öl und Gas abhängige Russland steckt in einer Rezession. Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew erwartet einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um drei Prozent. Im Staatshaushalt klafft eine Finanzlücke.

  • Rubelschwäche

    Wegen des starken Ölpreisverfalls ist der Rubelkurs im vergangenen Jahr im Vergleich zum Dollar und Euro massiv eingebrochen. Den Höhepunkt erreichte der Wertverfall Mitte Dezember, als ein Euro vorübergehend fast 100 Rubel kostete - das entspricht einem Absturz von 90 Prozentpunkten seit Januar 2014. In den vergangenen Wochen erholte sich der Rubel ein wenig. Anfang März mussten Russen für einen Euro noch rund 66 Rubel bezahlen, fast doppelt so viel wie ein Jahr zuvor.

  • Devisen

    Um den schwächelnden Rubel zu stützen, verkauft die russische Zentralbank im großen Stil Devisen, die die Rohstoffmacht mit dem Verkauf von Öl und Gas angespart hat. Die internationalen Währungsreserven schrumpften nach Angaben der Notenbank seit März 2014 um mehr als ein Viertel von fast 500 Milliarden Dollar (etwa 460 Mrd Euro) auf 360 Milliarden Dollar.

  • Inflation

    Das Leben in Russland wird rasant teurer. Das merken die Menschen vor allem an der Miete und an der Kasse im Supermarkt. Das Wirtschaftsministerium erwartet für dieses Jahr eine Inflation von rund 12 Prozent. Die Preise für Lebensmittel stiegen in den vergangenen Monaten aber im Durchschnitt sogar um rund 20 Prozent. Experten warnen wegen der Krise in Russland vor einer deutlich höheren Inflation. Manche gehen von bis zu 17 Prozent aus.

  • Kapitalflucht

    Der massive Abzug von Kapital aus Russland ist nach Meinung von Ex-Finanzminister Alexej Kudrin ein schwerer Schlag für die heimische Wirtschaft. 2014 wurden nach Angaben der Zentralbank Vermögenswerte im Wert von mehr als 150 Milliarden Dollar (140 Mrd Euro) aus Russland verlegt, fast zweieinhalb Mal so viel wie im Vorjahr. Für 2015 erwarten die Behörden eine Kapitalflucht von bis zu 100 Milliarden Dollar. Wegen der Senkung der Kreditwürdigkeit Russlands durch internationale Ratingagenturen warnen Experten sogar vor Kapitalflucht von bis zu 135 Milliarden Dollar.

„Russlands Ökonomie ist zu stark auf das stagnierende Europa ausgerichtet“, sagt Artjom Lukin von der Universität Wladiwostok in einem Interview russischer Medien. „Will Russland an der blühenden asiatischen Wirtschaft teilhaben, muss es seine pazifischen Gebiete entwickeln“, meint er. Wie unterentwickelt der Ferne Osten derzeit ist, verdeutlichen die Zahlen: Zwar macht die Region immerhin ein Drittel von Russlands Staatsgebiet aus, sie steuert aber nur knapp sechs Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Dabei besitzt sie fruchtbares Land, große Wälder und Ressourcen wie Erdöl und Erze.

Doch seit Jahren entvölkert sich das Gebiet, das mit sechs Millionen Menschen ohnehin dünn besiedelt ist. Zum Vergleich: Allein Moskau hat mehr als doppelt so viele Einwohner. Schätzungen zufolge sind in den vergangenen gut 20 Jahren etwa 1,5 Millionen Menschen aus Fernost abgewandert. Im europäischen Teil des Riesenreichs lässt es sich leichter leben - die Aussichten auf Arbeit etwa gelten als besser, auch die Infrastruktur ist deutlich entwickelter.

Bisherige Regierungsprogramme konnten diese Entwicklung kaum bremsen. Noch mehr Gutausgebildete könnten wegziehen, sollte der Kreml nicht nachhaltig mit einer auf die Region ausgerichteten Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik gegensteuern, meint der Soziologe Juri Sedow. „Geschieht dies nicht, spricht der Ferne Osten irgendwann kein Russisch mehr.“ Immer mehr Chinesen würden dann über die Grenze kommen. Bereits heute gibt es in einigen russischen Städten der Region chinesische Viertel mit zweisprachigen Verkehrsschildern.

Russland "Putin ist eine PR-Figur"

Seit 15 Jahren lenkt Wladimir Putin die Geschicke in Russland. Seine Macht ist ungebrochen - aber nur scheinbar. Es gibt Kräfte, die stärker werden und seinen Einfluss einschränken wollen.

Putin vor Kreml in Moskau Quelle: imago, Montage

Gegen Investoren aus dem Reich der Mitte - immerhin die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt - hat der Kreml nichts. Aber Moskau will in dem strategisch wichtigen Gebiet rund 6000 Kilometer östlich der Machtzentrale nicht zu viel Einfluss Pekings. Jahrzehntelang war Wladiwostok als Sitz der sowjetischen Pazifikflotte eine geschlossene Stadt. Nun plant Putin Milliardeninvestitionen. Denn angesichts des Nachholbedarfs ist offenbar, dass der Staat als Vorleistung viel investieren muss, bevor Privatkapital spürbar in die Region strömt.

Für einen Asien-Pazifik-Gipfel in Wladiwostok entstanden bereits vor drei Jahren für 16 Milliarden Euro bessere Straßen und eine neue Universität. Der Campus auf der vorgelagerten Insel Russki ist auch Tagungsort des jetzigen Wirtschaftsforums. Wladiwostok spielt eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Region. Nach St. Petersburg ist die Stadt mit rund 650.000 Einwohnern der wichtigste Hafen Russlands. Ende Juli unterzeichnete Putin ein Gesetz, das Wladiwostok den Status eines „Freien Hafens“ verschafft. Abgaben fallen nun weg.

Putin spricht...

  • über Krieg und Frieden

    „Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“
    am 4.3. in einer Pressekonferenz

    „Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“
    in einem am 01.09. bekanntgewordenen Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso

  • über Rüstung

    „Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“
    am 10.09. in einer Pressekonferenz

  • über die Zukunft der Ostukraine

    „Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“
    am 4. 3. in einer Pressekonferenz

    „Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“
    am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

    „Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“
    am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe

  • über die Führung der Ukraine

    „In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“
    am 18. 3. in der Rede an die Nation

    „Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?
    am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

  • über den Westen

    „In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“
    am 18.3. in der Rede an die Nation

    „Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“
    am 18.3. in der Rede an die Nation

  • über Russen im Ausland

    „Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“
    am 18.3. in der Rede an die Nation

    „Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“
    am 18.3. in der Rede an die Nation

Putin kündigte zudem die Bildung einer Sonderwirtschaftszone im Fernen Osten an. Niedrige Steuersätze sollen etwa Japans Autobauer zu einem Joint Venture bewegen. Dass schon bald alles gut ist - das will auch der Kremlchef nicht zusagen. Bis sich die Lage bessere, werde es Jahre dauern, räumt er vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und westlicher Sanktionen in der Ukrainekrise ein.

Im Werben um Investoren setzt der Kremlchef in Wladiwostok auch auf einen eher ungewöhnlichen Gast: Ex-„Baywatch“-Star Pamela Anderson. Was klingt wie ein lupenreiner PR-Gag Putins, wird von der US-Schauspielerin in einer Mitteilung bestätigt: An der stürmischen Pazifikküste wolle sie über Tierschutz und Fortschritt sprechen - und damit die Welt ein wenig besser machen.

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