Ökonomin Renate Ohr: "Deutschland ist nicht Hauptprofiteur des Euro"

Ökonomin Renate Ohr: "Deutschland ist nicht Hauptprofiteur des Euro"

Der Europäische Binnenmarkt ist ein einzigartiges Projekt. Doch die ausufernde Krise der Währungsunion gefährdet diesen Erfolg. Schuldenstaaten wie Griechenland sollten die Euro-Zone verlassen – aus eigenem Interesse und um die europäische Integrationsbereitschaft nicht zu ruinieren, schreibt Renate Ohr.

Die Diskussion um den Euro ist in der Öffentlichkeit vielfach durch plakative Aussagen geprägt, die mit der Realität wenig zu tun haben. Dahinter versteckt sich oft eine weitgehende Unkenntnis der tatsächlichen Grundpfeiler des europäischen Íntegrationsprozesses. Insbesondere Äußerungen wie „Wenn der Euro scheitert, scheitert auch Europa“ oder die Aussage, dass Deutschland am meisten vom Euro profitiere, da es ohne ihn keinen EU-Binnenmarkt mehr gäbe, belegen solche gravierenden Fehlurteile.

Mit der Abschaffung der Grenzen und der Etablierung der vier großen Grundfreiheiten (freier Waren- und Dienstleistungshandel, freier Kapitalverkehr und Personenfreizügigkeit) für mittlerweile 27 Staaten ist der europäische Binnenmarkt ein weltweit einzigartiges Integrationsprojekt geworden. Er ist jedoch lange vor dem Euro entstanden. Er funktionierte somit ohne Euro, und er umfasst heute viele Länder, die zwar zur EU, aber nach wie vor nicht zum Euro-Raum gehören – zum Beispiel Großbritannien, Schweden, Dänemark und Polen. Diese Länder sind genauso in den Binnenmarkt integriert wie die Euro-Staaten und profitieren ebenso davon. Die Gemeinschaftswährung ist hierfür weder notwendig gewesen noch hat sie den Binnenmarkt nachträglich weiter begünstigt. Der Handel von Euro-Ländern mit Nicht-Euro-Staaten ist in den vergangenen zehn Jahren sogar stärker gewachsen als der Warenverkehr zwischen den Euro-Partnern.

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Letzteres liegt daran, dass viele aufstrebende Länder und dynamische Wachstumsmärkte wie China, Indien oder auch manch osteuropäischer Staat außerhalb der Euro-Zone liegen. Empirische Daten zeigen, dass für die meisten europäischen Staaten die Einkommensabhängigkeit ihrer Ausfuhren viel größer ist als die Preisabhängigkeit, sodass die wirtschaftliche Entwicklung bei den Handelspartnern das Exportgeschäft stärker prägt als preisliche Einflüsse. Der Vorteil des Euro, dass er zwischen den Mitgliedern der Währungsunion die Wechselkursschwankungen ausschaltet, scheint also für den Handel nicht von so entscheidender Bedeutung zu sein. Deutschland ist zudem keinesfalls Hauptprofiteur: Nur rund 41 Prozent unserer Ausfuhren werden im Euro-Raum verkauft – vor der Währungsunion gingen noch fast 46 Prozent der Exporte in diese Ländergruppe. Länder wie Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und die Niederlande liefern einen deutlich höheren Anteil ihrer Waren in die Euro-Zone.

Eine stabile Wirtschaftsgemeinschaft benötigt gesunde und stabile Volkswirtschaften als Integrationspartner. Doch hier hat der Euro manchen Ländern im Endeffekt eher geschadet als genützt: So sind die Probleme Griechenlands zum größten Teil erst durch den Euro entstanden. Durch die Währungsunion hatte Griechenland die Möglichkeit, billige Kredite aufzunehmen, die es sonst nicht bekommen hätte. Mit diesem Geld wurde ein Lebensstil finanziert, der das Land international nicht mehr wettbewerbsfähig macht. Und ein Ausgleich über eine Abwertung der Währung ist nicht mehr möglich.

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