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Olympische Spiele: China steht an der Schwelle zu einer neuen Epoche

Die Olympischen Spiele markieren eine Zeitenwende in der Geschichte des Landes: Chefreporter Dieter Schnaas über ein Land, das nach drei Jahrzehnten Hochbetrieb vor allem mit den Kosten seines atemlosen Aufstiegs beschäftigt sein wird.

Hässlicher grauer Alltag: Der Quelle: dpa
Hässlicher grauer Alltag: Der Smog gefährdet die Gesundheit der Einwohner Quelle: dpa

Bis zum 7. Juli 2008 kam auch bei Dior, Gucci, Dolce & Gabbana kein Chinese an Mao vorbei. Wann immer es etwas zu handeln, bezahlen, einzukaufen gab in China – der große Steuermann hatte ein Auge drauf. Nicht wegzudenken sein gütiges Gesicht auf sämtlichen Geldscheinen, grün, lila, blau, braun, rot, der Blick in die Ferne, leicht verklärt, der Mund beinahe lächelnd, der Blaumann hochgeschlossen. Dann aber, vier Wochen vor den Olympischen Spielen, gab die Notenbank Bekanntmachung 11/2008 heraus und mit ihr sechs Millionen neue 10-Yuan-Scheine: ohne Mao, mit Olympiastadion – eine monetäre Kulturrevolution. Chinas Identität, so die Botschaft, verlegt sich von der wüst-düsteren Vergangenheit nationaler Selbstzerstörung auf eine wolkenlos-polierte Zukunft internationaler Harmonie.

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Die Olympischen Spiele sind für China weit mehr als nur ein Sportereignis. Sie sind organisatorische Beweisführung, wirtschaftliche Demonstration, politisches Zeugnis – und globales Zeitzeichen. Mehr als zwei Jahrhunderte nach der Selbstabschließung Chinas und Punkt 30 Jahre nach Beginn der Wirtschaftsreformen stellt sich das Land der Welt offiziell als ihr Partner, Teilhaber, Sozius vor. Wer diese historische Bedeutung der Spiele für China nicht begreifen will, wird in den nächsten Wochen mit eingeübter Ironie über den sportlichen Drill, die choreografierte Perfektion und den orchestrierten Jubel hinweglächeln. Er wird sich lustig machen über die gefegten Straßen, die gewässerten Rabatte, die geschorenen Hecken – und natürlich über die Versuche der kommunistischen Wettermacher, den Sonnenschein über Peking mit Silberjodid herbeizuzaubern. Verstehen aber wird er China nicht.

Verstehen Chinas mit Interesse an Geschichte und Kultur

Verstehen wird China nur, wer wenigstens ein bisschen Interesse aufbringt für die Geschichte des Landes und seine Kultur, wer die Perspektive zu ermessen sucht, aus der heraus China auf die Welt blickt – und wer sich für einen Moment zurück ins Jahr 1793 entführen lässt, in eine Zeit, in der Europa seine demokratischen Kräfte entfesselte und China sich in Selbstgenügsamkeit verlor.

Damals sprach Lord George Macartney als Gesandter des britischen Königs George III. am Hof von Kaiser Qianlong vor, suchte diesen mit allerlei Himmels- und Erdkugeln, Teleskopen, Linsen und Barometern zu beeindrucken – und mit dem „Sapere aude!“ des aufgeklärten Fortschritts zu infizieren. Der Kaiser war von der Begeisterung des Gesandten wenig beeindruckt und befahl seinen Mandarinen, ihm die sofortige Heimreise anzuraten: China habe nicht den „geringsten Bedarf an den Erzeugnissen ihres Landes“. Auf dem Rückweg vertraute Macartney seinem Tagebuch an, dass er kein Verständnis für den Kaiser aufbringe: Es sei völlig „zwecklos“, sich nicht dem Handel zu öffnen – man könne ja schließlich auch nicht „den Fortschritt menschlichen Wissens anhalten“.

Was folgte, ist bekannt: England zwang China den Handel auf und diktierte dabei die Bedingungen, das Reich der Mitte verlor seine Unabhängigkeit, hochsymbolisch: dem Opium verfallen. China hat in den 150 Jahren danach seine Kolonialisierung verhindern können, nicht aber seine Knechtschaft, es hat sein kulturelles Selbstverständnis bewahrt, aber den Anschluss an die Moderne verloren. Und es sollte noch schlimmer kommen. Der Kommunistischen Revolution 1949 folgten drei Jahrzehnte innerer Querelen, Kriege und Qualen, die mit eng dem Namen Mao verbunden sind – und mit einer Wirtschaftspolitik, die den Sozialismus aufs Land tragen und ihm im „Großen Sprung nach vorn“ ein industriell gestähltes Gesicht verpassen sollte. Es waren nicht nur drei verlorene Jahrzehnte – es waren drei grausame.

8 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 02.08.2008, 11:30 UhrAnonymer Benutzer: Thomas Müller - 3. Teil

    Die Zeichen sind überdeutlich und wie Kutter die sich neben der Titanic aufhalten, versuche wir Europäer/Asiaten/Amerikaner so viel wie möglich rauszuholen solange der Pott noch schwimmt. Und gleichzeitig den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, wann man besser dort ist wo der Untergangssog einem nicht mehr all zuviel an die eigene Substanz geht, dürfte die Kunst der Stunde sein.

    Ein Wort noch zu den anderen Entwicklungs/Schwellen - Gegenden oder wie immer man das bezeichnet.

    Afrika:

    Wer sinnlos drauflosf... der holt sich Krankheiten und Kinder ins Haus mit denen er die Gesamtsituation verschlimmert und wer Passivität und Abhängigkeit als Existenzmittelpunkt versteht, der wird den irgend wann unausweichlichen Entzug auch nicht überleben.
    Ansonsten gilt der emotionslose Ausblick: AiDS will do the job.

    brasilien:

    Aus den Erfahrungen mit einer einseitigen Nutzung von Ressourcen (Kautschuk) nichts gelernt, wiederholt man nun wohl die eigenen Fehler. Holz, Soja, Zucker und im weiteren Verlauf Gold um die nachhaltige Zerstörung perfekt zu machen. Das entdecken von Erdölvorkommen wird diese Situation und Entwicklung nicht wie vermutet abmildern sondern die Welle für den unausweichlichen Kollaps nur noch besser aufschaukeln.

  • 02.08.2008, 11:29 UhrAnonymer Benutzer: Thomas Müller - 2. Teil

    Wie stellt sich die Situation des modernen Chinesen dar? Er versucht hoch zu kommen und Wohlstand zu erreichen und sieht das Ausland als Vorbild, gleichsam aber die eigne Tradition als Verpflichtung. Großfamilien als funktionierende soziale Kompensation und Selbstversorgungszentren wurden in den letzen Jahrzehnten stringent gegeißelt und unterdrückt ohne adäquate Alternativen zu bieten. Das Wanderarbeiterphänomen mit seinen prekären Exzessen machte das heutige nur auf den ersten blick prosperierende China erst möglich - was, wenn dieses Heer an Ausgebeuteten sich verweigert und auf die Scholle zurückkehrt?
    Die im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung immer noch kleine Gruppe an gesellschaftlichen Aufsteigern muss sich wie auf einem iCE mit Höchsttempo und gebrochenen Radreifen fühlen - und es gibt keine bremse oder Möglichkeit abzuspringen. Das Geld auf die bank zu tragen, hieße der inflation beim Fressen zuzusehen - es in Aktien zu investieren bedeutet an ein immer weiter laufendes Wachstum um jeden Preis zu vertrauen. Der chinesische Anleger hat keine Alternative, er muss auf das Unmögliche hoffen weil es ihm nicht möglich ist sein Geld außerchinesische Werte zu investieren oder es gar nur als Devisen aus dem Land zu bringen. Wie ein Süchtiger hofft der zu bescheidenem Wohlstand Gekommene, auf einen sanften Entzug und bis dahin noch etwas vom Gift abzubekommen.
    Wir wissen wie das endet - wie es enden muss.

  • 02.08.2008, 11:28 UhrAnonymer Benutzer: Thomas Müller - 1. Teil

    Ein umfassender, schnörkelloser Artikel der die Vielschichtigkeit dieses Landes bzw. seiner Gesellschaft in all ihrer Widersprüchlichkeit gelungen aufbereitet. Danke dafür!
    Für mich stellt sich seit Jahren die Frage WANN die blase China kollabiert und mit welchen Folgen und nie Ob. ich kann auch nicht verstehen, warum immer wieder Meinungen auftauchen, die versuchen die völlig unvergleichbare Situation in indien als Parallele zu konstruieren. Wer sich näher mit indien befasst hat dem bleibt nach anfänglichen Unfassbarkeiten vor allem ein begriff dauerhaft im Gedächtnis - völliger Fatalismus.
    Der indische Underdog geht nahezu in seiner gottgegebenen Rolle auf - indische bauern revoltieren nicht gegen Korruption, Preisdiktate, betrug, sie flüchten in den Suizid! indien kompensiert über den Tod seit Jahrtausenden gleichsam jede gesellschaftliche Veränderung und der in England geborene Akademiker wird nach Rückkehr in seine indische Familie gleichsam zum genetisch motivierten Fatalisten, dem der Gleichmut mit dem auf dem bürgersteig jemand verhungert in jeder Faser seines Körpers bewusst ist.
    China funktioniert anders, dort gab es immer Aufstände und Umstürze und die Jahrtausende alte Geschichte war ein permanentes Wechseln von herrschenden Ethnien und Paradigmen auch wenn wir bei den Söhnen des Himmels gerne an zumindest optische Stringenz glauben wollen.

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