Olympische Spiele: Der Aufräumer von China

Olympische Spiele: Der Aufräumer von China

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Xi Jinping ist Chefaufseher für Chinas Olympische Spiele

Chinas neuer Polit-Superstar Xi Jinping ist ein erfahrener Krisenmanager. Jetzt muss er die Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen retten.

Als Xi Jinping vor wenigen Tagen die Baustellen der Pekinger Olympiastätten besichtigte, war er begeistert. „Prächtig und spektakulär“ seien das Olympiastadion und die Schwimmarena, jubelte der Politiker. Gegen die Kälte eingehüllt in einen dicken Wintermantel dankte er Architekten und Arbeitern für „Weitsicht“ und „harte Arbeit“. Bis zum Beginn der Olympischen Spiele im August, mahnte Xi, sollten sie sich noch mehr anstrengen, um dem Sportereignis zum Erfolg zu verhelfen, von dem auch die Karriere des 54-Jährigen selbst abhängen könnte.

Xi Jinping ist Chinas neuer politischer Superstar. Während des Parteikongresses der Kommunisten im vergangenen Oktober schaffte er es in das höchste Parteiorgan, den neunköpfigen Ständigen Ausschuss des Politbüros. Seither gilt er als aussichtsreichster Nachfolgekandidat für Staats- und Parteichef Hu Jintao, der 2012 abtreten wird. Schon zum alljährlichen Plenum des Nationalen Volkskongresses, das diese Woche in Peking beginnt, könnte er zum stellvertretenden Staatspräsidenten gewählt werden, glauben politische Beobachter in Peking.

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Vorerst aber ist er Chefaufseher der Vorbereitungen für die Olympischen Spiele. Einen wie ihn braucht man da wohl. Gut fünf Monate vor Beginn der Spiele laufen die Vorbereitungen, gesteuert vom gut 2500-köpfigen Organisationskomitee Bocog, alles andere als rund. Zwar sind sämtliche Sportstätten bis auf das Olympiastadion fertig. Ebenso hat das neue Flughafenterminal, entworfen vom Stararchitekten Norman Foster, inzwischen den Probebetrieb aufgenommen. Doch an anderen Stellen hakt es noch gewaltig.

„Grüne Spiele“ versprechen riesige Plakatwände überall in der Stadt. Während der Wettkämpfe sollen zahlreiche Fabriken in und um Peking geschlossen bleiben; gut die Hälfte der drei Millionen Autos soll von den Straßen der Hauptstadt verbannt werden. Doch nicht nur viele Umweltexperten, sondern auch immer mehr Sportler zweifeln daran, dass es die von der staatlichen Propaganda beschworenen „grünen Spiele“ mit klarer Luft und sauberen Flüssen auch tatsächlich geben wird. Viele Athleten wollen wegen der extremen Luftverschmutzung erst unmittelbar vor den Wettkämpfen einfliegen. Der Weltrekordhalter im Marathonlauf, Haile Gebrselassie, denkt sogar daran, in Peking gar nicht erst anzutreten. „Wenn die Umweltverschmutzung ein ernstes Problem ist, werde ich nicht laufen“, sagt der 34-jährige Äthiopier, denn „am wichtigsten sind meine Gesundheit und mein Leben“. Auch Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, will Ausdauerwettbewerbe wie den Marathon- oder 10 000-Meter-Lauf kurzfristig verschieben, falls die Schadstoffbelastung in der Olympiastadt zu hoch ist.

Antworten muss Xi auch auf die immer lautere Kritik an Chinas Menschenrechtspolitik finden. Pro-Tibet-Gruppen und die in China verbotene Falun-Gong-Bewegung wollen bis zum Beginn der Spiele den Druck erhöhen und noch vernehmlicher protestieren. Spätestens nachdem der Hollywood-Regisseur Steven Spielberg als künstlerischer Berater für die Eröffnungs- und Schlussfeier zurückgetreten ist, weil Chinas Regierung im Sudan ihren Einfluss nicht nutze, die Darfur-Krise zu beenden, geht eine zentrale Erwartung der Chinesen nicht auf: Sie wollten sich mit den Spielen als moderne, weltoffene High-Tech-Nation präsentieren, aber was um die Welt geht, sind Bilder von inhaftierten Regimekritikern und Journalisten. Die große Propagandashow könnte zum PR-Debakel werden. Schon werden auch die ersten Sponsoren nervös. Sie fürchten um ihr Markenimage, sollte das Gastland der Spiele in erster Linie mit Menschenrechtsverletzungen und seiner Rolle im Sudan-Konflikt in Verbindung gebracht werden.

Es ist nun an Xi Jinping, die Stimmung zu drehen sowie für bessere Luft und weniger Staus in Peking zu sorgen. Erfahrungen als Krisenmanager bringt der Politiker mit. 1999 profilierte er sich als dynamischer und pragmatischer Gouverneur der Ostküstenprovinz Fujian. Er räumte mit mehreren Korruptionsfällen auf, die seine Vorgänger hinterlassen hatten und holte mit einer wirtschaftsfreundlichen Politik Tausende Unternehmen und etliche Milliarden Investitionen aus dem nahe gelegenen Taiwan nach Fujian. Als „sehr klug“ und „wirtschaftsorientiert“ beschreibt der amerikanische Finanzminister Henry Paulson „seinen Freund“. „ Xi gehört zu der Art Menschen, die den Ball über die Torlinie bekommen und wissen, wie man Dinge bewegt.“ Der amerikanische China-Experte Sidney Rittenberg, der 35 Jahre in China gelebt hat, hält ihn für „einen der besten Politiker in der chinesischen Führung“.

Seine Macherqualitäten stellte der studierte Industriechemiker und promovierte Jurist auch in der Nachbarprovinz Zhejiang unter Beweis. Sie gilt als Wiege der chinesischen Privatwirtschaft. Ende 2002 wurde er dort Parteisekretär und machte Zhejiang zu einer der wirtschaftlich führenden Provinzen des Landes. Im März vergangenen Jahres wurde Xi überraschend aus Zhejiang abgezogen und zum Parteisekretär von Shanghai ernannt – die nächste Krise musste gelöst werden. Xis Vorgänger Chen Liangyu war mit der Rentenkasse der Stadt durchgebrannt. Etwa 320 Millionen Euro soll er aus dem städtischen Sozialfonds in Bauprojekte verschoben haben.

Hohe politische Ämter haben in Xis Familie Tradition. Sein Vater Xi Zhongxun war Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei, später Vizepremier und schon beim legendären Langen Marsch unter Mao Tse-tung dabei. Anfang der Sechzigerjahre bezichtigte ihn Mao der Illoyalität und stellte ihn kalt, 1978 wurde er rehabilitiert. Doch Xi Zhongxun und sein Sohn gelten in China auch als politisch eher liberal. So war der Senior Xi einer der wenigen Parteiveteranen, die den 1989 verstorbenen früheren KP-Generalsekretär Hu Yaobang verteidigten. Hu stand in China für eine liberale Politik, und mit seinem Tod begannen die Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die die Regierung am 4. Juni gewaltsam beendete. „Xi Jinping tickt ähnlich wie sein Vater“, sagt China-Experte Rittenberg.

Als sogenannter „Taizi“ – wie Kinder im Ruhestand lebender oder verstorbener Parteiführer genannt werden – hatte Xi Jinping es nicht immer leicht. Während der Kulturrevolution wurde er als „Jugendlicher mit Schulbildung“ in die arme Kohleprovinz Shaanxi verbannt. Dort ackerte er sechs Jahre lang auf dem Feld – das hat ihn hart gemacht. In den Monaten bis zum Beginn der Olympischen Spiele kann er diese Eigenschaft gut gebrauchen.

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