Online-Wahlkampf: "Das Rückgrat von Obamas Erfolg war eine E-Mail-Beziehung"

Online-Wahlkampf: "Das Rückgrat von Obamas Erfolg war eine E-Mail-Beziehung"

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Thomas Gensemer, Managing Partner bei Blue State Digital

US-Präsident Barack Obama gewann seinen Wahlkampf auch durch seine perfekt orchestrierten Internet-Aktivitäten. Thomas Gensemer von Blue State Digital, der Agentur hinter der Website BarackObama.com, sprach mit wiwo.de über das Geheimnis von Obamas Online-Erfolg.

wiwo.de: Herr Gensemer, was machte Obama bei seinen Internet-Aktivitäten anders als seine Konkurrenten?

Es ging bei Obama nicht um die Online-Beziehung zu Menschen. Die Online-Aktivitäten dienten als Wegbereiter für Offline-Aktionen. Wir hörten den Leuten zu. Es war kein Modell, in dem sich ein einziger an viele wendete. Es ging immer darum, zuzuhören, was die Leute sagten, und diesen Aktivismus zu verzahnen.

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Der Großteil unseres Online-Inhalts bestand daraus, was Leute für den Wahlkampf taten. Das wurde zu einem integralen Teil des Wahlkampfs selbst. Es ging nicht um einen Kandidat im Elfenbeinturm, der von der Unterstützung der Leute redete – die Unterstützung der Leute selbst war die Story.

Ab wann begann Obamas Internet-Strategie wirklich zu greifen?

Es wurde uns von Anfang an klar gemacht, dass unsere Arbeit für den Wahlkampf zentral sein würde. Wenn man auf die Organigramme schaute, berichtete unsere Abteilung direkt an David Plouffe, den Wahlkampfmanager. Wir waren nicht unterhalb von Fundraising, von der Kommunikation oder anderen angesiedelt. Wir waren parallel mit all dem aufgestellt. Das war eine wichtige Entscheidung -  die ganz am Anfang getroffen wurde - um einen dynamische Online-Auftritt zu haben.

Wie funktionierte das Einbinden von Leuten in den Wahlkampf genau?

Wenn Leute etwa zu einem unserer Live-Events kamen und uns per SMS ihre E-Mail-Adresse schickten, bekamen sie am nächsten Tag eine E-Mail, die sie willkommen hieß. Und der Inhalt des Mails bezog sich auf den Event, den sie am Tag zuvor besucht hatten. Wenn sie eine Petition über ein bestimmtes Thema unterzeichneten, kanalisierten wir die Nachrichten, die sie danach erhielten, zu diesem Thema.

Was passierte noch?

Sie wurden rasch Leuten in ihrer Heimatstadt vorgestellt, die bereits im Wahlkampf involviert waren. Wenn ich etwa an einem Tag in meiner Heimatstadt mich als Obama-Fan anmeldete, wurde ich in der Woche darauf über eine Reihe von Hausparties in meiner Nachbarschaft informiert.

Der Wahlkampf passierte also nicht weit entfernt in Washington, sondern es ging immer um lokale Ereignisse. Das machte das ganze sehr unmittelbar. Das Ziel war, Leute offline in den Wahlkampf einzubeziehen – von Angesicht zu Angesicht, von Nachbar zu Nachbar. Das Sammeln von E-Mailadressen war nur Mittel zu diesem Zweck.

Konnten ihre Anhänger wirklich Einfluss nehmen auf einige Entscheidungen des Wahlkampf-Teams – oder war das nur ein schlauer Marketing-Trick?

Bei Wahlkämpfen funktioniert das so: Es gibt einen Berater-Pool für die Politik, für die Richtung der Kampagne und alles andere. Aber wir informierten die Leute etwa darüber, dass ihre gespendeten 25 Dollar für einen bestimmten Zweck verwendet wurden. Dadurch gaben wir unseren Fans (Unterstützern?) die Möglichkeit, zu verstehen, wie die inneren Mechanismen unseres Wahlkampfteams funktionierten.

Die wöchentlichen Videos von Wahlkampfmanager David Plouffe funktionierten so: Plouffe saß an seinem Tisch, öffnete seinen Laptop, schaltete die Kamera ein und redete über unsere Strategie.

Das ergab eine Transparenz zwischen den Wahlkämpfern, die Entscheidungen fällten, und den Unterstützern. Die Leute fühlten sich informiert. Sie konnten den Prozess zwar nicht steuern, aber sie waren Teil davon. Der Zugang zur Wahlkampf-Führung war leicht  - und das galt nicht nur für Präsident Obama, sondern für alle Mitglieder des Wahlkampf-Teams. Die wurden alle nach und nach vorgestellt.

Warum entschlossen Sie zu dem ungewöhnlichen Schritt, Joe Bidens Kandidatur als Vizepräsident per SMS bekanntzugeben, statt den üblichen Weg per Pressekonferenz zu wählen?

Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigten uns, dass es schwer ist, Geschichten via Kurznachricht zu erzählen. Bei anderen Gelegenheiten hatten wir jedoch gelernt, dass sich die Beteiligung an Wahlgängen deutlich erhöht hatte, wenn wir am Tag davor Anhängern die Adresse ihrer Wahlbüros per SMS mitgeteilt hatten.

Lesen Sie auf Seite 2, was deutsche Politiker von der Obama-Strategie lernen können - und welche Fehler sie gerne machen

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