Opec-Tagung: Die Ölscheichs verteidigen ihre Vormacht

Opec-Tagung: Die Ölscheichs verteidigen ihre Vormacht

von Hans Jakob Ginsburg

Bei der Ministertagung des Produzentenkartells Opec wird es kaum um Förderquoten gehen. Den Saudis und ihren Verbündeten ist der niedrige Ölpreis ganz recht. Ihre größte Angst ist eine Abkehr vom Ölkonsum.

Wozu ist ein Produzentenkartell gut, dass nicht für hohe Preise sorgt? Das mögen sich die Regierungen von Ländern wie Iran, Algerien und Venezuela fragen, wenn sie ihre Ölminister diese Woche nach Wien zur planmäßigen Tagung der Opec schicken. Der Ölpreis ist in den vergangenen zwölf Monaten um ungefähr 70 Prozent zurück gegangen, und derzeit spricht wenig dafür, dass die alten Preise von mehr als 100 US-Dollar wieder erreicht werden könnten. Gewiss, von März bis Anfang Mai gab es einen beachtlichen Aufschwung des Preises, von 52 auf 68 Dollar, aber seitdem geht es wieder sanft bergab, in Regionen um die 65 Dollar. Bei einem Ölpreis unter 80 Dollar können Venezuela und der Iran ihre Staatshaushalte nicht mehr finanzieren, auch in weiteren der zwölf Opec-Staaten wird es schwierig.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

  • Beginne der Ölförderung

    Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

  • Vollgas mit Benzin

    Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 19. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

  • Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

    In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

  • Goldene Zeitalter des billigen Öls

    Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

  • Erste Ölkrise

    In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

  • Preisexplosion während des Golfkriegs

    Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

  • Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

    Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

  • Ein rasanter Anstieg

    Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg war der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt. Die Finanzkrise ließ den Preis Ende 2008 allerdings wieder abstürzen.

  • Ölpreis heute

    Ein weltweites Überangebot hält die Preise weiterhin auf niedrigem Niveau. Aktuell kostet ein Barrel Brent rund 30 US-Dollar.

Aber das wird in Wien kaum eine Rolle spielen: Solange die in der Opec übermächtigen Saudis zusammen mit ihren gleich gesinnten Verbündeten aus den Arabischen Emiraten und aus Kuwait jede Produktionskürzung ablehnen, haben die relativ armen Opec-Länder keine Chance. Würden sie im Alleingang ohne die arabischen Ölförderer die eigene Produktion senken, hätte das praktisch keine Auswirkung auf die internationalen Preise und würde ihre eigenen Einnahmen nur noch mehr verringern – die Iraner, die wegen der internationalen politischen Sanktionen seit Jahren zu Produktionskürzungen gezwungen sind, wissen ein Lied davon zu singen. Und darum tut die Opec, was Saudi-Arabien möchte.

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Und das sind Produktionssteigerungen ohne Einschränkung. Seit vergangenem Sommer ist die saudische Taktik voll aufgegangen: Mit immer neuen Exportrekorden zu relativ günstigen Preisen zwingen die Ölproduzenten die nordamerikanische Ölindustrie in die Knie. Kanadas Ölsände werden langsamer erschlossen als bis vor ein, zwei Jahren geplant, und in den USA starten nur noch wenige neue Fracking-Projekte. Genau das haben die Ölscheichs gewollt, und jetzt wegen der stotternden amerikanischen Produktion die Preise sanft steigen, sehen sie sich in ihrem Kalkül bestätigt.

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Was nicht heißt, dass sie die Opec nicht mehr brauchen. Abdalla Salem El-Badri, der langjährige Opec-Generalsekretär, hat vor kurzem öffentlich klar gemacht, worin er seine Rolle sieht – und der Libyer El-Badri ist hier das getreue Sprachrohr seiner saudischen Sponsoren. Vom Ölpreis spricht er wenig, das würde die klammen nicht-arabischen Opec-Minister vor den Kopf stoßen. Statt dessen spricht er von Stabilität: „Auf dem weltweiten Ölmarkt“, heißt das in seiner Sprache, „ist die Sicherheit der Nachfrage so wichtig wie die Sicherheit des Angebots“. Will heißen: Die Saudis und ihre ölreichen Nachbarn am Golf bangen um ihre Absatzmärkte, weil die Weltkonjunktur einbrechen könnte und vor allem, weil Erdöl als Energieträger auch in ihrer Sicht die besten Tage hinter sich haben könnte. Möglich darum, dass die Opec-Minister in Wien den Industriestaaten oder auch ihren großen Kunden China und Indien ein System sehr langfristiger Lieferverträge vorschlagen werden – unwahrscheinlich allerdings, dass aus dieser Idee viel wird.

Jedenfalls ist für den Ölgiganten Saudi-Arabien nach dem erfolgreichen Preisfeldzug der vergangenen Monate nicht mehr die amerikanische Fracking-Industrie die größte Gefahr. Der neue Hauptfeind, so will es scheinen, ist das Elektroauto.

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