Osteuropa: Großeinsatz im Osten

Osteuropa: Großeinsatz im Osten

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Sichtbarer Abstieg in der Ukraine: Die vom IWF erhoffte Hilfe kam noch immer nicht an

Der Internationale Währungsfonds hilft Osteuropa mit Milliardenkrediten durch die Krise. Und verzichtet erstmals auf harte wirtschaftspolitische Auflagen.

Letztlich ist vieles beim Alten geblieben in Jucu, dem 5.000-Seelen-Dorf im rumänischen Siebenbürgen. Wie eh und je kutschieren Bauern mit klapprigen Pferdegespannen durchs Dorf und wirbeln dabei jede Menge Staub auf. Eine Herde Schafe weidet am Ortsrand auf einer saftigen Wiese, nur dahinter steht eine nagelneue Handyfabrik. Ein Symbol des Aufschwungs mit 5.000 Arbeitsplätzen wollte Nokia hier im vergangenen Jahr errichten. Deswegen haben die Finnen das Werk in Bochum dichtgemacht.

Der Aufschwung ist Staub von gestern. Nokia hat kaum mehr als die Hälfte der einst geplanten Mitarbeiter eingestellt, und selbst diese bangen jetzt um ihre Jobs. Bauprojekte von Zulieferunternehmen, die sich in unmittelbarer Nähe niederlassen wollten, liegen auf Eis. Im ganzen Land kommt es zu Entlassungswellen, gefolgt von Massenprotesten. Konzerne, die Rumänien erst vor Kurzem als letztes Billiglohnland der EU entdeckt hatten, machen ihre verlängerten Werkbänke dicht – fast über Nacht, das liberale Arbeitsrecht macht’s möglich.

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Geplatzte Träume wie der von Jucu landen irgendwann auf dem Schreibtisch von Dominique Strauss-Kahn, dem Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF). Versteckt zwischen makroökonomischen Daten dokumentieren sie einen tiefen Fall: Ungarn, Serbien, Lettland, Weißrussland, die Ukraine, nun auch Rumänien und Polen – jede zweite Regierung im Osten hat beim Fonds um Milliarden gebettelt.

Strauss-Kahn, der 58-jährige Sozialist aus Frankreich, lehnte bis dato nicht einen einzigen Antrag ab. So großzügig wie keiner seiner Vorgänger macht er Kredite locker, die Auflagen sind so sanft wie nie zuvor in der 64-jährigen Geschichte der Finanz-Feuerwehr. Fürs Erste gilt es, Osteuropa durch die Krise zu schleppen. Ob es danach zu stabilem Wachstum imstande ist oder ob die zusätzlichen Milliarden die Inflation anheizen, wird sich später zeigen.

Teils zweistellig wuchsen die Ost-Ökonomien in den vergangenen Jahren. Doch das war ein Boom auf Pump. Getrieben vom immensen Aufholbedarf nach jahrzehntelanger Mangelwirtschaft, konsumierten die Verbraucher wie die Weltmeister – und errichteten ein riesiges Kartenhaus. Es brach in dem Moment zusammen, als die Financiers in Gestalt westlicher Banken nach dem Kollaps der US-Bank Lehman Brothers im vorigen September selbst in Engpässe kamen, die Konditionen verschärften und Mittel abzogen.

Westliche Banken sind mitverantwortlich

Beispiellose Überschuldung und niedrige Sparquoten sind für Anne-Marie Gulde der Grund für den Crash. Die Ökonomin, beim IWF für Osteuropa zuständig, analysiert: „Die Schwäche all dieser Länder war der Kreditboom, der zu einer Überhitzung geführt hat.“ Mitverantwortlich sind westliche Banken, die in der Vergangenheit leichtfertig Kredite an die konsumhungrigen Ostler ausgegeben haben. „Die Gier nach Fremdwährungskrediten war so groß, dass die Kunden nicht einmal über die Risiken aufgeklärt werden wollten“, sagt ein Banker, der dabei war. In jedem Kiewer Technik-Markt konnten Einkäufer neben der Kasse Billigkredite ohne Bonitätsprüfung abschließen, damit sie den neuen Wäschetrockner gleich mit nach Hause nahmen.

IWF-Helferin Gulde muss wegen dieser laxen Kreditvergabe immer neue Rettungspakete für Osteuropa schnüren. Mit knapp 100 Milliarden Dollar munitionierte sie Notenbanken, damit diese ihre Währungen gegen allzu massive Abwertungen durch Spekulanten verteidigen können. Banken machte sie mit Krediten flüssig, um diese gegen Kreditausfälle zu wappnen – und um zu verhindern, dass panische Anleger ihre Konten plündern.

Das erste große Rettungspaket schnürte der IWF gemeinsam mit EU und Weltbank im November für Ungarn. Rund 25 Milliarden Dollar flossen an die Donau – ohne die Soforthilfe wäre die Regierung in Budapest wohl schnurstracks in den Staatsbankrott marschiert. Privatleute und Firmen hatten im großen Stil Auslandskredite aufgenommen. Anders als im übrigen Osteuropa steht auch der Staat bei Gläubigern tief in der Kreide: Allein dessen Auslandsschulden machen ein Drittel des BIPs aus, was die Politik lähmt. Für Konjunkturpakete und Sozialausgaben, die die Folgen der Rezession abfedern könnten, bleibt kein Geld. Stattdessen will der neue Premier Gordon Bajnai eine Milliarde Dollar einsparen. Kein Wunder, dass Budapest beinahe wöchentlich Proteste der Rentner, Beamten oder entlassenen Arbeitern erlebt.

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