Osteuropa: Slowakei geht mit dem Euro ins Ungewisse

Osteuropa: Slowakei geht mit dem Euro ins Ungewisse

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Ab dem 1. Januar 2009 gilt in der Slowakei der Euro, die slowakische Krone wird abgelöst. Zum Kennenlernen erhalten die Bürger ein Starter-Kit mit Euro-Münzen.

Mitten in der internationalen Wirtschaftskrise führt die Slowakei den Euro ein. Misslingt das Experiment, verliert die Währung das Vertrauen Osteuropas.

Die höfliche, aber bestimmte Art des Wachmanns verrät Routine. „Tut mir leid, heute gibt’s keine Euro-Päcken mehr.“ Der Hüter der neuen Währung hat sich vor einer gläsernen Schranke im hellen, weitläufigen Foyer der slowakischen Nationalbank aufgebaut. Keine Euro mehr, und dabei ist es noch nicht einmal Mittag. Hunderte Bewohner der Hauptstadt Bratislava stehen hier Tag für Tag Schlange, um Sets mit 16,60 Euro in frisch geprägten Münzen zu erwerben. Mehr als eine Million solcher Päckchen hatten Banken und Postämter schon Wochen vor der Einführung der Gemeinschaftswährung zum Jahreswechsel unter die Leute gebracht. Schon Anfang Dezember wurden die Bankschalter von den Euro-Fans geradezu überrannt.

Die meisten Slowaken sind stolz, in die elitäre Währungsgemeinschaft aufgenommen zu werden. Gehören sie damit doch zu den Vorreitern unter den östlichen Neumitgliedern der Europäischen Union – nach Slowenien, das den Euro bereits Anfang 2007 eingeführt hat. Doch inmitten der Wirtschaftskrise birgt der Währungswechsel für die 5,4 Millionen Einwohner des Landes auch ein Risiko. „Die Krise macht die Folgen kaum vorhersehbar“, sagt Juraj Karpis, Ökonom des slowakischen Instituts für Ökonomische und Soziale Studien (INESS). „Für so etwas gibt es keine Erfahrungswerte.“

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Zwar bietet der Euro der kleinen slowakischen Volkswirtschaft Schutz vor Währungsspekulationen wie jenen, die unlängst zum Absturz der ungarischen Währung Forint beitrugen. Doch schon wenige Monate nach dem slowakischen Eintritt in die Euro-Zone könnte sich die Inflation beschleunigen, fürchtet Karpis. Grund dafür ist das starke Entwicklungsgefälle zwischen der Slowakei und den anderen Euro-Ländern – pro Kopf erwirtschaften die Slowaken nur 67 Prozent des durchschnittlichen EU-Bruttoinlandsprodukts. Auch die Brüsseler Kommission nimmt diese Sorge ernst und ermahnt slowakische Regierungsbeamte, nur ja nichts zu unternehmen, was die Inflation anfachen könnte.

Standortvorteil niedrige Löhne in Gefahr

Steigende Euro-Preise würden eines der kostbarsten Güter des Landes bedrohen: die niedrigen Löhne, die bisher ausländische Industrie-Investoren ins Land lockten. Nach INESS-Berechnungen führte schon die Teilnahme am Wechselkursmechanismus II vor der Einführung des Euro dazu, dass die slowakischen Arbeitskosten in jüngster Zeit schneller stiegen als etwa die tschechischen. Hält der Trend an, wird die Slowakei in den Augen ausländischer Investoren weniger interessant.

Deutsche Unternehmen, die in der Slowakei fertigen, rechnen auch mit steigenden Energiekosten nach der Euro-Einführung. Lange federte der Wechselkurs der starken Krone zum schwachen Euro Preissteigerungen bei Sprit, Strom und Gas einigermaßen ab. „Mit dem Euro wird die Slowakei Schwankungen an den Rohstoffmärkten nun viel stärker ausgesetzt sein“, sagt Volker Mackert, Finanzdirektor des Chipkarten-Herstellers Giesecke & Devrient im westslowakischen Nitra.

Die meisten ausländischen Direktinvestitionen flossen in den Automobilsektor. In keinem anderen Land der Welt werden – gemessen an der Bevölkerungszahl – so viele Autos gebaut wie im sogenannten Detroit des Ostens. Doch die von den Herstellern erhofften Vorteile des Euro – wie das Ende der Wechselkursverluste und der Wegfall der doppelten Buchführung – gehen in den augenblicklichen Turbulenzen der Absatzkrise unter. Auf Gedeih und Verderb sind Hunderte Zulieferbetriebe auf Aufträge der drei großen Autowerke von Volkswagen, Peugeot-Citroën und Kia angewiesen. Wegen ihrer geringeren Margen können sie den Nachfrageeinbruch wesentlich schlechter abfedern als die Autohersteller. Die Branche bereitet sich auf eine Entlassungswelle vor. Einige Unternehmen haben schon jetzt nur noch für die Hälfte ihrer Mitarbeiter Arbeit. „Bis Weihnachten galt eine inoffizielle Schonfrist“, sagt ein deutscher Kenner der slowakischen Autobranche, „im neuen Jahr geht es los.“ Unternehmen mit lohnintensiven Tätigkeiten – etwa dem Binden von Kabelbäumen – vermag die Aussicht auf den Euro nicht zu beruhigen. Die slowakischen Löhne sind in den vergangenen Jahren so stark gestiegen, dass einige Autozulieferer erwägen, auf die Segnungen der Gemeinschaftswährung zu verzichten und ihre Produktion in die benachbarte, billigere Ukraine zu verlagern.

Garant für Haushaltsdisziplin

Im neunten Stock der slowakischen Zentralbank, hoch über den umlagerten Euro-Schaltern, sinkt Martin Barto in seinen edlen Ledersessel mit Aussicht auf die Silhouette von Bratislava. Der monatelange Dauerstress im Vorfeld der Euro-Einführung ist dem 50-jährigen Vizegouverneur der Nationalbank anzumerken. Doch seine Vorfreude auf die Gemeinschaftswährung Euro ist ungetrübt: „Der größte Nutzen ist die Disziplinierung unserer Haushaltspolitik“, sagt Barto. Ohne Regulierung von außen nämlich neigten die Regierenden in der Jahrhunderte lang von Budapest beherrschten Slowakei dazu, fiskalpolitisch den laxen ungarischen Traditionen zu folgen. „Hätten die slowakischen Regierungen in den vergangenen Jahren nicht den Beitritt zur Euro-Gemeinschaft vor Augen gehabt, wären wir heute in einer ähnlichen Lage wie das hoch verschuldete Ungarn“, ist Barto überzeugt.

Die imposante Abbildung einer Ein-Euro-Münze auf der halbrunden Glasfassade des 111 Meter hohen Zentralbank-Turms bedeckt ganze elf Stockwerke. Ihre Botschaft an die Bewohner Bratislavas ist eindeutig: Der Euro ist da, und er ist stark. Die schwebende Mega-Münze, die es einst leicht mit sozialistischer Brachialpropaganda hätte aufnehmen können, ist auch als Botschaft an die slowakische Regierung gedacht: Sie soll den sozialdemokratischen Premierminister Robert Fico und seinen unweit der Bank in einem bescheidenen grauen Büroklotz residierenden Finanzminister daran erinnern, beim Haushalten mit den Staatsfinanzen nicht über die Stränge zu schlagen.

Bisher scheint die Mahnung ihre Wirkung nicht zu verfehlen: Obwohl die Regierung Fico eine Reihe kostspieliger, von seinen Gegnern als populistisch verurteilter Wahlversprechen einlöste und großzügig die Sozialausgaben erhöhte, gelang es ihr, alle Euro-Konvergenzkriterien des Vertrages von Maastricht zu erfüllen. Während der entscheidenden Messung im März lag die slowakische Inflationsrate mit 2,2 Prozent deutlich unter dem damals erlaubten Höchstwert. Auch das Haushaltsdefizit und die Staatsverschuldung blieben unter den Maastricht-Grenzwerten.

Angst vor nachlassendem Wirtschaftswachstum

Aber das muss nicht so bleiben. Die slowakische Inflationsrate ist inzwischen wieder auf 4,2 Prozent geklettert. Und wegen der Krise auf den Absatzmärkten der exportabhängigen Wirtschaft des Landes drohen die Steuereinkünfte wegzubrechen, die Fico braucht, um den von neuen Ausgaben belasteten Staatshaushalt ausbalancieren zu können. Seine Freigiebigkeit nach der Wahl könnte sich nun rächen: Er hat versäumt, in guten Zeiten vorzusorgen. 2007 glänzte die slowakische Wirtschaft mit einem Rekordwachstum von 10,4 Prozent und 2008 mit immer noch stolzen sieben Prozent. Die Prognosen für 2009 aber werden laufend nach unten korrigiert. Derzeit rechnen die Ökonomen mit 4,6 Prozent. Sollte die Wachstumsrate auf zwei Prozent fallen, werde die Slowakei das Defizitkriterium verfehlen, befürchten Experten.

Utopisch ist das nicht: Die bisherige Finanzierung des slowakischen Wachstums durch ausländisches Kapital droht zu versiegen. Unter den Bedingungen der Krise dürften die hohen ausländischen Direktinvestitionen vor allem aus dem westeuropäischen und asiatischen Automobilsektor, die in den vergangenen Jahren den slowakischen Wirtschaftsboom vorantrieben, bis auf weiteres ausbleiben.

Auch aus der dringend nötigen Reform des beruflichen Bildungssystems, mit der Slowakei langfristig ihre Attraktivität für ausländische Investoren erhöhen will, dürfte vorerst nichts werden. Niemand in Bratislava erwartet Reformfortschritte vor den Parlamentswahlen im Jahre 2010. „Außerdem“, sagt Zentralbank-Vizegouverneur Barto, brauchen nach der Euro-Einführung alle erst einmal eine Pause, bevor sie neue Großprojekte in Angriff nehmen“.

Alle Augen auf Bratislava

Im Jahr des slowakischen Euro-Debüts – dessen ist sich Barto bewusst – sind alle Augen in Zentral- und Osteuropa auf sein Land gerichtet. Der polnische Premier Donald Tusk wünscht den Slowaken viel Erfolg, auf dass ihr Beispiel ihm Argumente für seine eigene Euro-Kampagne liefere. Tusk will den Polnischen Zloty 2012 durch den Euro ersetzen. Dem Staatsbankrott nahe und angewiesen auf Rettungskredite des Internationalen Währungsfonds und der EU will Ungarn sich durch eine baldige Euro-Einführung gegen weitere Schockwellen aus den Finanzmärkten schützen. Die tschechische Regierung dagegen betrachtet den Euro bisher eher als Risiko denn als Sicherheit und will sich auf kein Datum festlegen. Die Tschechen genießen den günstigen Wechselkurs der starken Tschechischen Krone. Das Klagen  ihrer Exporteure, die unter hohen Wechselkursverlusten leiden, verhallt ungehört.

Bange blicken die exportierenden tschechischen Autozulieferer deshalb über die Grenze zu ihren slowakischen Konkurrenten. „Die Slowakei ist jetzt das Versuchskaninchen Zentral- und Osteuropas“, sagt Ökonom Karpis. Misslinge das slowakische Experiment, werde sich auf absehbare Zeit niemand sonst auf den Euro einlassen. 

Für einige Slowaken immerhin hat sich die neue Währung schon vor dem offiziellen Beitrittstermin ausgezahlt: Sie deckten sich bei Banken üppig mit Euro-Münzsets ein ¬– dort kosteten sie jeweils 500 Slowakische Kronen – und vertickten sie für 700 Kronen im Internet.

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