Papst lobt schlagenden Vater: Vergebung für würdelose Eltern

KommentarPapst lobt schlagenden Vater: Vergebung für würdelose Eltern

von Ferdinand Knauß

Papst Franziskus lobt Eltern, die ihre Kinder mit "Würde" schlagen. Das ist natürlich Unsinn. Doch genauso unsinnig ist die pauschale Gleichsetzung einer Ohrfeige mit Kindesmisshandlung.

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Papst Franziskus äußert sich zum Schlagen von Kindern - dies entsetzt.

Um es gleich vorweg zu sagen: Sein Kind zu schlagen, ist keine gute Erziehungsmethode. Und auch wenn ein Vater sein Kind nicht ins Gesicht, sondern auf den Hintern schlägt, ist das nicht „würdevoll“, wie Papst Franziskus verkündet.

Apropos Würde. Papst Franziskus, das erfährt die Welt nun in kürzester Zeit zum wiederholten Male, schert sich offenbar wenig um die Würde seines Amtes. Des ältesten im christlichen Abendland. Ein Papst ist nicht Don Camillo. Und darum schadet er vor allem dem Papsttum selbst, wenn er demjenigen, der seine Mama beleidigt, mit der päpstlichen Faust begegnen will.

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Nun hat er den Bericht eines Vaters, der zugab, seine Kinder „ein bisschen schlagen“ zu müssen, „aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen“, mit den Worten „wie schön!“ kommentiert. Eine bessere Vorlage könnte er den Kritikern und Feinden seiner Kirche nicht geben.

Bei den Leserkommentaren unter den Meldungen in Internetportalen ist „Einfach nur abartig!“ noch einer der freundlichsten. Ein anderer Leser weist darauf hin, dass es im Vatikanstaat erlaubt sei, mit Kindern ab 12 Sex zu haben – was formal richtig ist. Natürlich nutzt manch einer die Gelegenheit auch, um an die zahlreichen Fälle abscheulicher sexueller Misshandlungen von schutzbefohlenen Kindern durch katholische Priester zu erinnern.

Doch das ist unangebracht. Statt genüsslich Papst-Bashing zu betreiben, könnten Eltern und eine an Erziehungsfragen interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit nutzen, endlich eine ehrlichere Diskussion zu führen über die Diskrepanz zwischen dem absoluten Anspruch neuerer pädagogischer Dogmen und der allzu menschlichen Lebenswirklichkeit in Kinderzimmern – egal ob katholisch, evangelisch, muslimisch oder areligiös.

Die meisten Eltern werden aus eigener Erfahrung wissen, dass Kinder nicht immer nur durch das eigene Vorbild und liebevolle Worte zu erziehen sind. Sie werden wissen, dass Kinder ihre Eltern buchstäblich zur Weißglut bringen können. Zum Beispiel wenn sie ohne erkennbaren Anlass andere Kinder oder die Eltern selbst schlagen, Gegenstände mutwillig zerstören, Anweisungen nicht nur nicht befolgen, sondern mit Frechheiten quittieren.

Dann müssen auch vorbildhafte Eltern Sanktionen durchsetzen. Da ist die Grenze zur körperlichen Gewalt fließend. Ist Anschreien Gewalt? Ist es Gewalt, sein Kind ins Zimmer zu schleifen und einzusperren? Oder einem sich mit Händen und Füßen wehrenden Kind eine Strumpfhose anzuziehen?

Viele ältere Menschen haben in ihrer eigenen Kindheit noch erlebt, wie Eltern und Lehrer früherer Generationen in solchen Situationen oder auch bei viel harmloseren Anlässen oft reagierten. „An der Rute sparen rächt sich nach Jahren“, galt als pädagogische Weisheit. Der Film „Das weiße Band“ gibt einen besonders finsteren, aber leider wohl nicht unrealistischen Eindruck davon.

Am zweiten Tag seiner einwöchigen Reise gibt sich das Oberhaupt der katholischen Kirche volksnah und humorvoll.

Seit der Nachkriegszeit setzte zumindest in der westlichen Welt die Abkehr von der körperlichen Züchtigung ein. Seit den 1960er Jahren gibt es in Grundschulen keine Prügelstrafe mehr. In den meisten westlichen Ländern, Deutschland inbegriffen, sind körperliche Strafen auch im Elternhaus gesetzlich verboten. Und, was noch viel entscheidender ist, gesellschaftlich streng stigmatisiert. Die Körperstrafe gilt in Europa als „schwarze Pädagogik“, also als barbarisches Relikt vergangener Zeiten.

Doch wie so oft beim Abräumen alter moralisch verwerflicher Praktiken verleitet der Eifer zu neuem Dogmatismus und Pauschalisierungen. Die Gefahr ist, dass durch das Tieferlegen der öffentlichen Empörungsschwellen in den vergangenen Jahrzehnten die Maßstäbe verloren gehen.

Die Gefahr ist vor allem, dass sexuelle Misshandlungen – vermutlich das Schlimmste, was man einer Kinderseele antun kann – und sadistische Quälerei dadurch auf eine Stufe gestellt werden mit der Ohrfeige, die eine überforderte Mutter ihrem Kind in einem verzweifelten Moment der Schwäche gibt. Die Gefahr ist, dass Millionen ganz normaler Eltern mit ganz normalen Schwächen grundlegend verunsichert werden, und darüber auf Grund der totalen Stigmatisierung jeglicher Gewalt (zu der für manch einen angeblichen Experten auch Worte gehören) sich nicht mehr zu sprechen wagen. 

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Kindererziehung ist wie alle existentiellen Fragen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens ein komplexes Feld, das nicht mit pauschalen Dogmen und erst Recht nicht mit Gesetzen widerspruchsfrei eingehegt werden kann. Sein Kind zu schlagen, ist nicht würdevoll und daher nicht gutzuheißen.

Es ist ein zivilisatorischer Fortschritt, dass körperliche Züchtigung nicht mehr als opportune Methode der Erziehung gilt. Aber auch liebevolle Eltern verhalten sich manchmal aus purer Verzweiflung würdelos. Zu loben gibt es da nichts. Aber man sollte ihnen Fehltritte, wenn sie nicht maßlos sind, genauso nachsehen wie einem Papst.

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