Paris: Im Schatten des Terrors

Paris: Im Schatten des Terrors

, aktualisiert 12. November 2016, 13:50 Uhr
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Auch ein Jahr nach der Bluttat von Paris gelingt es nicht, das Geschehene zu verstehen.

Quelle:Handelsblatt Online

Vor einem Jahr töteten drei Terrorkommandos in Paris 130 Menschen. Der traurige Höhepunkt einer für Frankreich beispiellosen Anschlagsserie. Die Nacht der Gewalt prägt Gesellschaft und Politik bis heute.

Reggae und Soul dröhnen aus den Lautsprechern, die Terrasse und der Innenraum des Restaurants sind voll besetzt. Burger und Bier stehen auf den Tischen, die Gäste schreien gegen die Dezibel der Musik an: das pralle Leben. Die Wände des „La Belle Equipe“ sind frisch gestrichen und tapeziert, an einer hängen zwei Metalltafeln mit eingravierten Sinnsprüchen: „Bloß weil man nichts zu melden hat, muss man nicht die Klappe halten“ und „Nur die Liebe rächt uns für die Tiefschläge des Lebens“.

Wer es nicht weiß, käme nicht auf die Idee, dass genau hier vor einem Jahr 20 Menschen starben. Etwas mehr als eine Minute genügte drei jungen Terroristen, um 20 meist Gleichaltrige mit gezielten Schüssen aus Kalaschnikows aus dem Leben zu reißen. Eine andere Gruppe stürmte gleichzeitig in den Musikclub Bataclan, wo 90 Menschen starben. Das Le Belle Equipe hat im März dieses Jahres wieder eröffnet, das Bataclan nimmt am Samstagabend mit einem Konzert von Sting wieder den Betrieb auf. Am Sonntag wird Präsident François Hollande an allen Anschlagsorten Gedenktafeln enthüllen.

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Für die allermeisten Franzosen hat die Historisierung der Anschläge begonnen, die vor einem Jahr 130 Tote gefordert und das ganze Land in Entsetzen versetzt haben. Ein routinierter Medienbetrieb trägt dazu bei. Seit einem Jahr wird praktisch ohne Unterbrechung über die Ermittlungen und neue Erkenntnisse berichtet. Vor einigen Tagen hat eine weitere Welle begonnen, laufen ausführliche Dokumentationen im TV und Internet, drucken die Magazine und Zeitungen zahllose Reportagen und Analysen der Attacken.

Am Freitagmorgen saß Grégory Reibenberg, einer der Eigentümer des La Belle Equipe, im Fernsehstudio, stellte sein neues Buch vor und berichtete von der Nacht, in der Djamila, die Mutter seiner Tochter, in seinen Armen starb. Grégory wollte eigentlich zu Hause bleiben, aber Hodda Saadi, aus Tunesien stammend und Teil des Teams von La Belle Equipe, feierte mit ihren Geschwistern ihren 35. Geburtstag und bat Grégory, dazu zu kommen. Ein Jude, eine Muslima, Christen – wie ganz Paris war und ist das Café-Restaurant ein Symbol für das, was die Totalitären hassen, was sie versuchten und versuchen, in Paris auszulöschen, von den Nazis bis zu den islamistischen Terroristen: das friedliche Zusammenleben verschiedener Ethnien und Religionen.

„Als geschossen wurde, habe ich nur daran gedacht, irgendwie meine Haut zu retten, ich hatte Angst, sie kämen ins Restaurant rein und würden alle erschießen.“ sagte Grégory am Freitag. Hodda starb sofort durch einen Kopfschuss, ihre Schwester Halima wurde schwer verletzt. Ihre beiden Brüder versuchten, sie zu retten, doch sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Djamila, Grégorys Ex-Frau und die Mutter seiner Tochter, lebte nach schweren Schussverletzungen nur noch wenige Minuten.

Grégory hat „keinerlei Hass“, wie er sagt. Die polizeilichen Untersuchungen verfolge er nicht, er wolle nur nach vorne schauen. Zwei Dinge interessieren ihn: „Wie gelingt es den Planern von Anschlägen, anderen in den Kopf zu setzen, sie würden die Welt verbessern, indem sie Unbeteiligte und sich selber umbringen?“ Und außerdem: „Was tun wir dafür, damit sich das nicht wiederholt?“ Grégory hat sich Formeln zurecht gelegt, die ihm helfen: „Man kann auch mit Narben im Gesicht lächeln.“

Im La Belle Equipe gibt es am Sonntag keine Feier. „Wir schließen, das ist das beste“, sagt eine junge amerikanische Bedienung, die vergangenes Jahr noch nicht dabei war. Die Gäste von früher kämen wieder ins Restaurant, „jedenfalls die meisten, jeder verarbeitet das auf seine Art, nicht alle kommen darüber hinweg.“ Im Gastraum hebt niemand den Kopf, wenn draußen ein Polizeiwagen mit Sirene vorbeifährt. Wo sich vor einem Jahr die Blumen und Gedenkkarten drei Meter tief staffelten, erinnert heute nichts mehr an die Blutnacht. Hat die Normalität gesiegt?


Politisches Kalkül statt ehrlicher Bestandsaufnahme

Für die meisten Franzosen gilt das wohl, aber nicht für alle. Für einige ist das Grauen nicht zu Ende: 20 Menschen sind noch immer in Krankenhäusern in Behandlung. Weit über 100 sind noch auf psychologische Betreuung angewiesen. Es gibt Überlebende, die reden und andere, die das nicht können, die sich nicht äußern wollen, die allein sind mit ihrem Schmerz. Man spricht oft von 130 Opfern dieses Freitags, dem 13. Das ist aber nur die Zahl der Toten. Insgesamt gab es mehr als 1950 Opfer, viele bleiben für immer gezeichnet, an Leib oder Seele.

Am Wochenende richten sich die Blicke auf das Bataclan und auf die offiziellen Feierlichkeiten. Mehr als 1000 Anfragen von Journalisten hat der Musikclub abgelehnt. Nur wenige Karten wurden verkauft, die Mehrzahl an geladene Gäste vergeben. Schon am Abend vorher hängen Blumensträuße an den Absperrgittern, zum Teil mit Fotos von Opfern. An zwei Sträußen hängen Karten: „Für alle, die das Leben verloren haben“ und „Rosen für alle Brüder, mit denen wir dieselbe Leidenschaft geteilt haben“ steht darauf.

Auch ein Jahr nach der Bluttat gelingt es nicht, das Geschehene zu verstehen. Die Feierlichkeiten werden nichts daran ändern. Die Brüder Abdeslam aus Molenbeek, zwei chronische Kiffer und Säufer, haben sich zu Gotteskriegern erklärt und sind mit anderen Abgedrehten über Paris hergefallen. Das ergab vor einem Jahr keinen tieferen Sinn und heute auch nicht. Salah Abdeslam, der einzige Überlebende, sitzt in Haft und schweigt.

Viele Überlebende wollen nie wieder den Club aufsuchen, in dem sie Stunden des Grauens erlebt haben. Hier und da gibt es Kritik an der Wahl von Sting: Der sei zu glatt, zu politisch korrekt. Aber auch die „Eagles of Death Metal“, die am 13. November vergangenen Jahres spielten, als die drei Mörder in das Bataclan eindrangen, sind trotz ihres Namens keine Hard-Metal-Rocker. Mit dem Bataclan haben sie sich überworfen: Der Club ist empört darüber, dass der Eagles-Chef mehrfach behauptet hat, Bataclan-Mitarbeiter seien Komplizen der Terroristen gewesen.

Hollande wird am Sonntag in einer minutiös geplanten stundenlangen Zeremonie alle Anschlagsorte aufsuchen, vom Stade de France bis zum „Comptoir Voltaire“, wo sich Brahim Abdeslam, einer der drei Terrassen-Mörder, in die Luft sprengte, ohne dass sein letzter grausamer Wunsch in Erfüllung ging: Er zerfetzte nur sich alleine. Unmittelbar vor dem Jahrestag herrscht auch hier wieder der Normalbetrieb.

Ihr politisches Ziel haben die Attentäter nicht erreicht: Die Franzosen sind nicht übereinander hergefallen, es gibt keinen Bürgerkrieg zwischen muslimischen und anderen Bürgern. Aber die Franzosen sind auch nicht zusammen gerückt und die Politik findet keinen gemeinsamen Ansatz bei der Terrorbekämpfung. Hollande stellt den Militäreinsatz im Irak und in Syrien als wichtigste Aufgabe dar. Die extreme Rechte und manche Konservative reden dagegen so, als schlummere in jedem Muslim ein potenzieller Terrorist. Sie ignorieren einfach die Tatsache, dass im Belle Equipe wie andernorts Muslime genauso Opfer wurden wie Christen oder Juden und die gut integrierten Muslime den besonderen Hass der Terroristen auf sich ziehen. Politisches Kalkül gewinnt die Oberhand gegenüber einer ehrlichen Bestandsaufnahme.

In der Banlieue, dort wo der Kampf zwischen Integration und Fundamentalismus Tag für Tag ausgetragen wird, haben die Dinge sich eher zum Schlechten verändert. Viele Bewohner der Vororte hatten gehofft, die Regierung würde den zahlreichen Analysen über Diskriminierung endlich Taten folgen lassen. Doch das ist nicht geschehen. Die gemäßigten Muslime geraten in die Zange: Die Mehrzahl der französischen Politiker verlangt von ihnen stets weitere Beweise dafür, dass sie nichts mit Fundamentalisten zu tun haben, während die radikalen Islamisten triumphieren: Seht Ihr, vom französischen Staat haben wir nichts zu erwarten, uns bleibt nur die Religion!

Grégory Reibenberg hat gesagt, was es zu sagen gibt: „Die Republik ermöglicht es uns, unsere Religionen und Ethnien zu addieren, statt sie gegeneinander zu stellen.“ Er, der allen Grund zum Hass hätte, plädiert für das, was Frankreich auszeichnet: Zusammenleben. Nicht alle in seinem Land folgen ihm.

Quelle:  Handelsblatt Online
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