Paul Krugman: „Die EZB muss sehr radikale Dinge tun“

Paul Krugman: „Die EZB muss sehr radikale Dinge tun“

, aktualisiert 11. November 2011, 08:14 Uhr
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Paul Krugman.

von Ingo NaratQuelle:Handelsblatt Online

Die Euro-Krise ist eine "Extremlage", der sich auch die EZB nicht entziehen kann, ist Nobelpreisträger Krugman überzeugt. Deshalb muss sie sich vom Primat der Preisstabilität lösen und Staatsfinanzierer werden.

Handelsblatt: Wir haben einen neuen Krisenherd in der Euro-Zone: Italien. Was wird dort passieren?

Paul Krugman: Das hängt in erster Linie von der EZB ab. Ich glaube, die Notenbank wird alles tun, um eine italienische Kernschmelze zu verhindern. Wenn Italien im Härtefall einen Schuldenschnitt machen müsste, würde der Euro zerbrechen.

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Was die EZB um jeden Preis verhindern will?

Am Ende wird die EZB in den Abgrund blicken und sagen: „Vergessen wir alle Regeln, wir müssen die Anleihen kaufen. Der Ansturm auf Italien muss gestoppt werden. Sonst scheitert das ganze Euro-Projekt.“ Die politischen Folgen eines Scheiterns wären enorm.

Gescheitert war das Projekt schon am Anfang, was auch einige Ökonomen sofort erkannt hatten.

Ja, es gibt keinen gemeinsamen homogenen Wirtschaftsraum. Damit fehlte auch die Voraussetzung für eine gemeinsame Währung. Deshalb war das Euro-Projekt ein schrecklicher Fehler.

Der Fehler hat uns über Griechenland nach Italien geführt. Aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB die Währungsunion tatsächlich mit einem massiven Aufkauf von Staatsanleihen retten wird?

Das ist schwer zu sagen. Die Notenbank muss ja außerdem noch die Märkte davon überzeugen, dass sie deren Angriffen auf jeden Fall standhalten wird. Anders gesagt muss die EZB klarmachen: „Wir kaufen so viel, wie eben nötig ist.“

Gibt es ein Szenario, in dem die Politiker oder die Notenbanker sagen würden: „Lasst uns das Projekt Euro aufgeben?“

Das höre ich von niemandem.

Aber Deutschland als stärkstes Land könnte irgendwann sagen: „Wir wollen nicht mehr zahlen.“

Nehmen wir an, man würde sich gegen die Anleihekäufe der EZB wehren. Was würde dann passieren? Es gäbe einen Run auf die italienischen Banken. Institute müssten geschlossen werden. Die Renditen der Staatsanleihen würden nach oben schießen. Kaum vorstellbar, dass sich Kanzlerin Angela Merkel bei diesem Ausblick gegen den Euro wendet.


„Es bleibt ein hoher Schuldenberg“

In Griechenland und in anderen Problemländern haben wir bereits erlebt, dass Bankkunden ihre Einlagen abheben.

Griechenland ist einfach fundamental insolvent.

Der letzte Vorschlag für einen Schuldenschnitt waren 50 Prozent. Reicht das?

Sogar mit 50 Prozent senkt man die Schuldenquote im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung nur sehr moderat. Es bleibt also noch ein hoher Schuldenberg für eine längere Zeit. Man kann deshalb gute Argumente für einen höheren Schnitt von etwa 70 Prozent finden. Aber eine dezidierte Meinung habe ich dazu nicht.

Griechenland ist klein. Was ist mit anderen Wackelkandidaten?

Auch Portugal ist fundamental insolvent, eventuell auch Irland. Aber das gilt nicht für Italien und Spanien. Wenn beide Länder nicht unter einer spekulativen Attacke der Märkte zusammenbrechen, können sie es schaffen. Sowohl Spanien als auch Italien haben bei Anleiherenditen von bis zu vier Prozent eine gute Überlebenschance. Bei sieben Prozent allerdings funktioniert das nicht. Da kommt dann eben die EZB ins Spiel.

Was wäre der Worst Case für die kommenden Jahre?

Italien verlässt den Euro. Kunden ziehen ihre Einlagen ab. Banken schließen. Spanien wird mit nach unten gezogen. Wahrscheinlich fällt dann auch Frankreich. Die Konsequenz: Der Euro mutiert zu einer erweiterten Deutschen Mark. Ich kann kaum glauben, was ich da sage. Auch wenn es schwerfällt: Das hat eine Wahrscheinlichkeit von bis zu 40 Prozent.

Wie wäre das zu verhindern?

Die EZB müsste eben sehr radikale Dinge tun. Sie müsste großflächig Staatsanleihen aufkaufen. Der Rettungsschirm ist im Vergleich dazu weniger wichtig. Und die EZB müsste glaubhaft machen, dass sie mit ihrem Inflationsziel nicht mehr so strikt umgeht.


„Wir stehen nicht vor dem deutschen Hyperinflationsjahr 1923“

Regeln brechen, im Widerspruch zu geltenden Verträgen Anleihen kaufen, Inflation vernachlässigen – ist jetzt alles erlaubt?

Wir sind eben in einer ganz entscheidenden Phase. Und das Inflationsthema darf man nicht überstrapazieren. Fallende Rohstoffpreise werden die Geldentwertung in Schach halten. Vielleicht kommen wir dann auf drei Prozent jährlich. Das wäre keine echte Gefahr. Wir stehen nicht vor dem deutschen Hyperinflationsjahr 1923.

Dennoch: Verträge brechen? Es regt sich Widerstand, auch innerhalb der Bundesbank.

Regeln werden gebrochen. Aus historischer Sicht ist es nicht neu. Das haben Zentralbanken schon oft getan. Ein Beispiel: die Bank von England im 19. Jahrhundert in ähnlicher Lage mit Genehmigung der Regierung. Da haben viele einfach weggeschaut.

Als Amerikaner kommen Sie aus einem Land mit einer anderen Notenbanktradition als in Deutschland.

In den USA oder Großbritannien war immer klar, dass die Notenbanken bei Extremlagen als letzter Retter bei der Finanzierung einspringen. Noch einmal: In Extremlagen bricht man eben die Regeln. Aus EZB-Sicht heißt es: Entweder das oder wir lassen den Euro auseinanderbrechen – dann können wir die Gemeinschaftswährung vergessen.

Spielt es da überhaupt noch eine Rolle, ob die EZB Anleihen direkt vom Staat oder an den Finanzmärkten kauft?

Das spielt eigentlich keine maßgebliche Rolle, das sind eher technische Feinheiten. Die EZB würde ganz einfach eine Untergrenze für die Preise der Anleihen setzen beziehungsweise spiegelbildlich die Renditen deckeln. Wenn man das dem Markt glaubhaft macht, wären möglicherweise gar keine so umfassenden Bondkäufe nötig.

Wird die EZB auch einmal deutsche Bundesanleihen aufkaufen müssen?

Das halte ich für unwahrscheinlich.

Herr Krugman, vielen Dank für das Interview.


Die Person Paul Krugman

Paul Krugman wurde vor 58 Jahren im Bundesstaat New York geboren. Er kommt aus der Mittelschicht, sein Vater war Versicherungsmanager. Krugman ist verheiratet und Professor für Volkswirtschaft an der Princeton University. Insgesamt hat er 23 Bücher geschrieben beziehungsweise herausgegeben. Hinzu kommen mehr als 200 Fachaufsätze.

Die Karriere Krugman erhielt 2008 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Analyse der Außenhandelstheorie. Mit seiner Frau Robin Wells, die ebenfalls in Princeton lehrt, hat er 2005 ein Wirtschafts-Lehrbuch publiziert. Krugman war auch Berater des US-Präsidenten Bill Clinton.

Quelle:  Handelsblatt Online
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