Politik-Skandal: Südkoreas gefallene Cinderella

Politik-Skandal: Südkoreas gefallene Cinderella

, aktualisiert 03. November 2016, 15:54 Uhr
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Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll Choi – ohne offizielle Funktion in der Regierung – bei Entscheidungen von nationaler Bedeutung im Hintergrund die Fäden gezogen haben.

Quelle:Handelsblatt Online

Choi Soon-sil ist eine enge Freundin der südkoreanischen Präsidentin Park. Doch offenbar war sie oft mehr als das: Wie ein weiblicher Rasputin soll sie unerlaubt Einfluss auf die Geschicke des Landes genommen haben.

SeoulEin Eimer voller Tierkot, ein verlorener Prada-Schuh und ein Angriff mit einem Bagger – kaum zu glauben, dass es um Politik geht. Doch Südkorea hat einen handfesten Skandal. Und auch wenn die Facetten der Bürgerproteste mitunter ungewöhnliche Züge annehmen, sind die Hintergründe geradezu klassisch: Der Vorwurf lautet Machtmissbrauch und Korruption. Die Abgründe sind so tief, dass die Präsidentin Park Geun-hye wohl um ihr Amt fürchten muss.

Im Mittelpunkt des Skandals steht jedoch eine andere Frau: Choi Soon-sil, auch bekannt unter dem Namen Choi Seo-won, Tochter eines religiösen Führers, der zugleich ein früher Förderer der heutigen Präsidentin war. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll Choi - ohne offizielle Funktion in der Regierung - bei Entscheidungen von nationaler Bedeutung im Hintergrund die Fäden gezogen haben. Nebenbei soll sie ihren Einfluss genutzt haben, um sich persönlich zu bereichern.

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Die beiden Frauen kennen sich seit den 70er Jahren. Park Geun-hye, Tochter des langjährigen Staatschefs Park Chung-hee, hatte damals die Rolle einer First Lady – stellvertretend für die Mutter, die 1974 bei einem Attentat ums Leben gekommen war. Die andere Frau war die Tochter eines etwas undurchsichtigen Mannes namens Choi Tae-min, der zu verschiedenen Zeiten unter anderem buddhistischer Mönch, christlicher Pfarrer und Führer von einer Art Sekte war.

Nun das Geständnis

Choi Tae-min wurde allmählich zum Mentor der damaligen Präsidententochter. Er setzte sie an die Spitze der von ihm gegründeten patriotischen Organisation „New Spirit“. Seine eigene Tochter war Leiterin einer Studentengruppe der Organisation. Ein Video der Regierung aus dem Jahr 1979 zeigt beide Frauen auf einer Veranstaltung von „New Spirit“. Gerüchten zufolge soll der Choi-Clan die durch die Organisation entstandenen Verbindungen zur mächtigen Familie Park genutzt haben, um über Bestechungsgelder ein Vermögen aufzubauen.

Die Verbindungen hielten ganz offensichtlich auch über die Ermordung des Präsidenten im Jahr 1979 hinaus. Park musste 1990 als Vorsitzende einer anderen Stiftung zurücktreten, weil der Verdacht aufgekommen war, dass sie der Familie Choi erlaubt hätte, diese im eigenen Sinne zu manipulieren. Choi, deren Ex-Mann ein enger Berater der Park-Familie war, soll in den 80er und 90er Jahren vor allem mit Immobiliengeschäften zu großem Reichtum gekommen sein.

Nach wochenlangen Spekulationen räumte Park vor wenigen Tagen nun ein, dass Choi auch einige ihrer Reden als Präsidentin redigiert und ihr darüber hinaus bei der „Öffentlichkeitsarbeit“ geholfen habe. Laut nationalen Medien ging der Einfluss aber noch deutlich weiter. Die liberale Tageszeitung „Hankyoreh“ berichtete, Choi habe aus dem Büro der Präsidentin täglich einen dicken Stapel mit Entwürfen von Regierungsdokumenten erhalten. Diese habe die Papiere mit Freunden besprochen und dann mit Empfehlungen zurückgegeben, hieß es unter Berufung auf einen früheren Mitarbeiter Chois.


Der Skandal löst Wut aus

Aus Protest gegen die dubiosen Machenschaften gingen dieser Tage tausende Südkoreaner auf die Straße und forderten den Rücktritt Parks – die Beliebtheitswerte der Präsidentin sind auf ein Rekordtief gesunken. Als die 60-jährige Choi am Montag das Gebäude der Staatsanwaltschaft für eine Befragung in Seoul betreten wollte, wurde sie von etwa 300 Journalisten und unzähligen Demonstranten derart belagert, dass sie mehrfach fast zu Boden fiel. Im Getümmel verlor sie – fast wie ein modernes Aschenputtel – einen schwarzen Schuh von Prada. Fotos des Schuhs wurden später in den Sozialen Netzwerken mit „Soonderella“ betitelt – in Anspielung auf den Vornamen Chois und auf die Märchengestalt Cinderella, die bei einem Ball einen gläsernen Schuh verliert.

Berichten zufolge soll die Polizei bei dem Tumult einen Demonstranten daran gehindert haben, Choi mit einem Eimer voller Tier-Exkremente zu konfrontieren. Einen Tag danach gab die Polizei zudem bekannt, dass ein 45-Jähriger nicht weit von dem Raum, in dem Choi später verhört worden sei, mit einem gelben Bagger die Wand des Gebäudes gerammt habe.

Wie nur die Gemüter besänftigen?

Dass der Skandal so viel Wut auslöst, dürfte vor allem mit der jüngeren Geschichte Südkoreas zu tun haben. Aber auch damit, dass ausgerechnet jemand mit einer so zwielichtigen Vergangenheit wie Choi nicht nur mutmaßlich in die Geschicke des Staates eingreift, sondern sich zugleich in überwunden geglaubter Manier persönlich bereichert: Mithilfe ihrer Verbindungen zu Park soll sie unter anderem Unternehmen dazu genötigt haben, Geld an vermeintlich gemeinnützige Stiftungen zu überweisen, die sie dann zu ihrem eigenen Vorteil einsetzte.

Bis heute ist kaum eine Person in Südkorea so umstritten wie Parks Vater, der das Land von 1961 bis 1979 als Präsident leitete. Von vielen wird er verehrt, weil er Südkorea nach den Jahren des Krieges wirtschaftlich wieder aufblühen ließ. Dabei regierte er jedoch in diktatorischer Weise, mit zahlreichen Verstößen gegen die Menschenrechte. Zugleich ermöglichte er massive Korruption, von der vor allem persönliche Freunde profitierten.

Um die Gemüter zu besänftigen, ließ Park Geun-hye nun ihren Ministerpräsidenten und mehrere Minister austauschen. Bisher hat dies aber wenig bewirkt. In einem Leitartikel in der konservativen Tageszeitung „JoongAng Ilbo“ wurde die Stimmung auf den Punkt gebracht: „Wenn wir uns nicht erneut von einer Politik auf der Basis von Schamanismus blenden lassen wollen, dann brauchen wir eine genaueste Überprüfung dieses Machtsystems, das sich nicht an die Gesetze hält.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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