
Und was für einen Erfolg. Mit dieser Botschaft hat Barack Obama in South Carolina mehr Wähler an die Urne gelockt als alle demokratischen Kandidaten zusammen bei den jüngsten Vorwahlen 2004. Er mobilisiert die Unabhängigen, Demokratiemüden und Politikfernen, seine Biografie restauriert das Idealbild eines Landes, das Amerika wieder von sich haben will, seine Kandidatur an sich erscheint wie eine Aufforderung und Chance, die ameri- kanische Demokratie zu vollenden, sein Aufstieg erfüllt die Schwarzen mit Stolz und gibt den Weißen die Möglichkeit, Absolution von historischer Schuld zu empfinden. Kurzum: Barack Obama beschenkt mit seinem Dasein, seinem Leben und seinen spirituellen Reinigungsversprechen alle Amerikaner – mit Selbstversöhnung. Und so hat seine optimistische Inspirationsoffensive im Laufe der Monate eine Eigendynamik entwickelt, die das Risiko für die Demokraten, ihn nicht zum Kandidaten auszurufen, mit jedem Tag erhöht. Als die „New York Times“ kürzlich Hillary Clinton zur Wunschkandidatin erklärte, erntete sie wütende Leserbriefe: „Wenn ihr am Morgen nach dem entscheidenden Wahltag im November aufwacht und euch wundert, warum alle unabhängigen Wähler für John McCain (den aussichtsreichsten und moderatesten Kandidaten der Republikaner) gestimmt haben und warum alle jungen Wähler zu Hause geblieben sind – dann schiebt bitte nicht uns Anhängern von Barack Obama die Schuld in die Schuhe.“
Barack Obama hat die Werbeoffensive um Amerikas Herzen zum zentralen Bestandteil des Vorwahlkampfes gemacht, seinen Wettbewerbern das Vokabular diktiert – und Hillary Clinton zur Epigonin und Plagiatorin seines apolitisch-bekenntnishaften Grundsatzprogramms degradiert. Kein anderer hat die Redefinition der USA nach acht Bush-Jahren so zuversichtlich zum Programm erhoben wie Barack Obama, niemand pathosfröhlicher den „Wandel“ transzendiert zur politischen Metaphysik der Stunde. Obama war der Erste, der von der Notwendigkeit eines tiefgreifenden Umbruchs sprach, der die Rückbesinnung der Nation auf das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ beschwor, der die „Kühnheit der Hoffnung“ pries und den „amerikanischen Traum“ aus seinem Tiefschlaf in den Geschichtsbüchern riss, der an die emotionalsten Augenblicke und strahlendsten Figuren der amerikanischen Geschichte erinnerte, an die Einigungsformel Abraham Lincolns („Ein in sich gespaltenes Haus kann keinen Bestand haben“), an die Mondlandung, an John F. Kennedy und Martin Luther Kings „fierce urgency of now“, die Dringlichkeit des Augenblicks, das Schicksal der Nation hier und heute beherzt in die Hand zu nehmen. Und alle, wirklich alle, sind sie seiner sogkräftigen Formel vom „Wandel“ gefolgt, nicht nur Hillary Clinton („cleverer Wandel“) und – bis zu seinem Ausscheiden – John Edwards („wirklicher Wandel“), sondern auch die republikanische Kandidaten-Riege, die zusehends weniger Skrupel zeigt, sich von ihrem Präsidenten zu distanzieren – fast tut er einem leid, der einsame Amtsinhaber im Weißen Haus.
Und so geht es letztlich in diesem Vorwahlkampf der Demokraten nur noch um eine Frage: Welchen Präsidenten möchten die Amerikaner in den nächsten vier Jahren zu Gast in ihrem Wohnzimmer haben? Einen Visionär – oder eine Realistin? Einen Schlichter – oder eine Kämpferin? Einen Mann, der eine Nation mitreißen kann – oder eine Frau, die ihre Administration im Griff hat? „Politisch nehmen sich die beiden nichts“, sagt Ryan Hickmann, 21, am Rande einer Wahlveranstaltung von Hillary Clinton, „das ist wie mit einem grünen und einem roten Apfel: gleicher Geschmack, gleiche Vitamine – aber in den einen beißt man eben lieber als in den anderen.“ Welchem der beiden er den Vorzug gibt, darüber will Hickmann vorerst kein Wort verlieren. Nur so viel: „Dass Obama es überhaupt geschafft hat, Amerika vor diese Wahl zu stellen, grenzt an ein Wunder.“
Es spricht einiges dafür, dass sich dieses Wunder bereits an diesem Dienstag in nichts auflöst. Die Umfragen sehen Hillary Clinton in den wichtigsten Bundesstaaten klar vorn; in Kalifornien führt sie mit zwölf Prozentpunkten, in New Jersey mit 18, in New York mit 22. Obamas kühne Projektionen kommen bei denen an, die allen Grund haben, von der Zukunft etwas zu erwarten: bei den Jungen, den Absolventen, den Gutverdienenden. Die Älteren und Arbeitslosen mögen es hingegen etwas handfester – und ankern mehrheitlich bei Clinton. Hinzu kommt, dass die ökonomischen Probleme in den vergangenen Wochen noch einmal näher an die Amerikaner herangerückt sind. Steigende Benzinpreise, hohe Hypothekenzinsen, zunehmende Arbeitslosigkeit – je konkreter die Fragen, desto weniger ziehen Obamas ideelle Zauberformeln, desto mehr drängt sich die Frage seiner mangelnden Erfahrung in den Vordergrund. Sicher, John F. Kennedy war erst 43, als er ins Weiße Haus einzog – Obama würde 47 sein. Aber Kennedy war zuvor sechs Jahre Abgeordneter und acht Jahre Senator, während sich Obama erst seit knapp drei Jahren auf der nationalpolitischen Bühne tummelt.
Noch schwerer wiegt, dass Obama seine Anhänger überwältigt, nicht überzeugt. Seine Reden sind wie ein Stück Schwarzwälder Kirsch: vielversprechend, himmlisch süß, unglaublich mächtig – aber nach der Hälfte will man was Herzhaftes. Und schließlich: Wie lange will Obama die immergleiche Platte noch auflegen? Bis November, zum Showdown mit den Republikanern, ist es noch weit – und selbst der beste Song der Beatles hat sich irgendwann nicht mehr in den Top Ten halten können.
Keine Frage, es wäre schade um Barack Obama. Im Gegensatz zu den Clintons führt er einen absolut integren Wahlkampf. Er erhebt die Rassenfrage nicht zum bestimmenden Thema, bindet sie stets ein in seine große Erzählung der amerikanischen Erfolgsgeschichte. Er idealisiert nicht die schwarze Befreiungsbewegung, sondern verknüpft ihre Darstellung mit der Sozialgeschichte des Landes und einer allgemeinen Aufforderung zum Kampf gegen Armut und Benachteiligung. Barack Obama will kein Nischenpolitiker sein wie Jesse Jackson. Damit riskiert er die Ablehnung eines Teils der schwarzen Bevölkerung, damit handelt er sich den Vorwurf ein, seine Identität mit den Weißen zu verhandeln – vor allem aber bleibt Obama dabei höchst authentisch der, der er ist: „Weil sie marschiert sind“, hat er eine gute Ausbildung bekommen. „Weil sie marschiert sind“, kann er sich heute um den Job als 44. Präsident der Vereinigten Staaten bewerben. In die Sprache der Bibel übersetzt, bedeutet das: Nachdem Moses das Volk aus der Wüste geführt hat, musste Joshua es aus seiner Lethargie befreien und zu neuen Ufern führen. Und dieser Joshua – das ist er.
Michelle Obama versteht sich glänzend darauf, ihren Mann auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, wenn der mal wieder nicht von einem seiner Höhenflüge zurückkehren will. Im Interview mit einer Frauenzeitschrift plauderte Michelle, dass ihr Barack morgens so verschnarcht und geruchsintensiv sei, dass ihre beiden Töchter es vorzögen, erst später mit dem Papa zu schmusen. Auch weiß die Öffentlichkeit längst von Obamas Gewohnheit, seine Socken herumliegen zu lassen – und dass er es stets versäumt, die Butter wieder in den Kühlschrank zu stellen, sobald er sich einen Toast geschmiert hat. Die Selbstironie, mit der Michelle die kleinen Schwächen ihres Mannes darstellt, hat die Wahlkampfmanager zunächst schockiert; Michelle indes besteht darauf, sie selbst zu sein – und glaubt, dass die Öffentlichkeit ihre Offenheit nicht nur akzeptiert, sondern begrüßt. Selbst ihre Eheprobleme sind für die Obamas nicht tabu: In seinem zweiten Buch berichtet Barack ausführlich über private Spannungen – aber auch sehr liebenswert darüber, wie seine Frau von ihm verlangt, auf dem Nachhauseweg noch einige Besorgungen zu erledigen: „Ich legte auf und fragte mich, ob Ted Kennedy oder John McCain auf dem Heimweg von der Arbeit auch Ameisenfallen kauften.“
Das Einzige, was einen an Barack Obamas lebensfroher Geschichte, an seinem optimistischen Lebensroman, an seiner stilsicher erzählten Autobiografie stört: dass einen nichts stört. Seinen offensichtlich einzigen Fehler, ein krummes Grundstücksgeschäft mit einem zwielichtigen Geschäftsmann, hat er öffentlich bereut und damit bereinigt. Barack Obama hat sich bereits 2002 gegen den Irak-Krieg ausgesprochen, er arbeitet im Ethik-Ausschuss des Senats, er musste noch keine politische Entscheidung wirklich zurücknehmen. Barack Obama hat eine weiße Weste – und ist ein unbeschriebenes Blatt. Er ist ein großer Stilist, ein begnadeter Redner, ein herausragender Schriftsteller. Nur, was für einPolitiker er ist, das weiß man noch nicht.














- als Spam melden
- antworten
- als Spam melden
- antworten
- als Spam melden
- antworten
Alle Kommentare lesen05.11.2008, 10:13 UhrAnonymer Benutzer: örbs
poltisches Programm??
16.10.2008, 17:08 UhrAnonymer Benutzer: Puschelkuschel
Alles richtig alles schön.
So schön kann farbig sein.
Es wird Zeit für ein Wechsel.
Yes we can.
lles richtig alles schön.
26.02.2008, 12:13 UhrAnonymer Benutzer: Peter Schmidtbauer
"Er ist ein großer Stilist, ein begnadeter Redner, ein herausragender Schriftsteller. Nur, was für ein Politiker er ist, das weiß man noch nicht."
Genau! Und weil die Amerikaner sich so leicht blenden lassen, konnte man ihnen die Marionette der Waffen und Öl-Lobby George W. bush verkaufen. Oder gefälschte Satellitenbilder. Oder angeblich Massenvernichtungswaffen. Und und und... Während wir hier in Europa nur mit dem Kopf schüttelten.
Das wird uns alle global noch ganz schön reinreiten...
Obama oder Hillary werden's richten und dann kommt die nächste rebublikanische Welle und der Tanz beginnt von vorne...