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Porträt: Hillary Clinton will mit Erfahrung punkten

von Dieter Schnaas (Washington)

Von Hillary Clinton erwartet die Nation Führung, Leistung, Resultate – sie wäre die sicherste Staatsanleihe, in die die Amerikaner je investiert haben.

Hillary Clinton: 42,5 Prozent Quelle: rtr
Hillary Clinton: 42,5 Prozent der Anhänger der Demokraten wollen, dass Clinton für die Präsidentschaft kandidiert. In einem Duell mit dem aussichtsreichsten Republikaner John McCain würden 46,2 Prozent der Wähler für Clinton stimmen, 46,3 Prozent für McCain. Quelle: rtr

Für einen klitzekleinen Moment fällt die Maske ab, lugt hinter dem Make-up ein Gesicht hervor. Es ist der Moment ihres Comebacks. Die Fernsehanstalten berichten darüber als Sensation, ihre journalistischen Anhänger deuten den Augenblick als Himmelszeichen – und die Wähler in New Hampshire bedanken sich bei Hillary Clinton für ihre Andeutung von Menschlichkeit. Was hält sie nach der überraschenden Auftaktniederlage bei den Vorwahlen der Demokraten gegen Barack Obama in Iowa noch aufrecht? Bei dieser Frage schnürt sich Hillary Clintons Kehle zu. Sie holt tief Luft, ihre Mundwinkel zittern, ihre Stimme bricht: „Ich möchte einfach nicht, dass unser Land zurückfällt.“

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48 Stunden später hat Hillary Clinton New Hampshire gewonnen und mal wieder alles richtig gemacht. Ihre Berater hatten ihr zugeflüstert, den Frontalwahlkampf von Bühne zu Tribüne fortzusetzen, aber Hillary Clinton entschied sich für den Dialog, suchte den Austausch – und ließ die Frage zu, die sie öffentlich rührte. Sie selbst hatte noch vor einer Woche geglaubt, es sei schon so viel über sie geschrieben, gesprochen, gesendet worden, dass ihre Person im Wahlkampf erklärungsunbedürftig sei, aber Hillary Clinton belehrte sich eines Besseren, änderte ihre Strategie, erwog Vertrautheit, berechnete Bürgernähe, kalkulierte Intimität, erlaubte ein persönliches Wort – und verkündete am Wahlabend strahlend ihren Evolutionsschritt: „Ich habe euch zugehört und dabei meine eigene Stimme gefunden.“

Es ist nicht das erste Mal. Als Hillary Clinton im Frühjahr 1994, sie ist First Lady im Weißen Haus, wegen eines Grundstücksgeschäfts und windiger Warentermingeschäfte, vor allem aber wegen ihrer mauernden Informationspolitik unter Druck steht, entschließt sie sich endlich, eine Pressekonferenz einzuberufen. Sie erzählt von ihrer Kindheit, von ihren Eltern und davon, was ihre Mutter ihr stets einschärfte: „Hör nicht auf das, was andere Leute sagen. Richte dich nicht nach der Meinung der anderen. Du musst mit dir selbst leben können.“ Nun, sagt Hillary Clinton, das sei damals sicher ein guter Rat gewesen. Aber jetzt, das wisse sie genau, sei es eben an der Zeit, sich zu öffnen und „neu ausgerichtet zu werden“.

In ihrer Studentenzeit am Wellesley College ist das Suchen und Finden der eigenen Stimme noch halbwüchsiges Spiel: Mein Name sei Hillary Rodham. Mal will sie „Bildungs- und Sozialreformerin“ sein, dann „verschrobene Akademikerin“, bald „aktiver Pseudohippie“, schließlich „mitfühlende Menschenfeindin“, zuletzt einfach nur: „Politikerin“. Hillary probiert sich aus, selbstbezogen, ichzentriert, erhitzt von Identitätsproblemen, wie sie junge Menschen ohne Sorgen zuweilen haben. Sie war erzogen worden von einem strengen, manchmal groben Vater, der „nicht wusste, was er mit einem Mädchen anfangen sollte“, ein strammer Republikaner mit einem sportlichem Weltbild, der „mich gelehrt hat, was es bedeutet, zu gewinnen oder zu verlieren“. Zu ihm sucht Hillary nun Distanz. Sie testet sich akademisch, mit einer dreimonatigen Klausur, sie besucht eine Beatnik-Hochzeit, sie überlässt ihr Äußeres der Hippie-Bewegung ohne innerlich beteiligt zu sein, sie hört Martin Luther King zu, hält dennoch vorerst Barry Goldwater die Treue, dem harten Hund der Konservativen, sie geht „ganz bewusst“ an der Seite einer schwarzen Freundin über den Campus, sie wird 1968 zur Vorsitzenden der studentischen Selbstverwaltung gewählt – und sie hält ein Jahr später eine Rede, wie sie Barack Obama nicht besser hätte halten können: „Wir haben eine Kluft zwischen unseren Erwartungen und der Realität festgestellt“, sagt Hillary, aber diese Kluft habe sie nicht etwa schon mit 18 zu Zynikern gemacht, „sondern diese Kluft hat uns inspiriert“, an ein „direkteres, ekstatisches, emphatisches Leben“ zu glauben.

So viel Passion wird sich Hillary Rodham nicht noch einmal erlauben. Schon wenige Minuten später zwingt sie ihren ideellen Überschwang ins Korsett der politischen Pragmatik. Ihre Rede endet mit der Aufforderung, „mit all unseren Fähigkeiten die Kunst zu praktizieren, das unmöglich Scheinende möglich zu machen“. Es ist eine Aufforderung, die sie vor allem an sich selbst richtet, an sich und ihren gesellschaftlichen Aufstieg. Hillary Rodham will verändern. Sie will Einfluss. Sie sucht die Macht. Es ist der Anfang ihrer steilen Karriere – und das Ende ihrer offenen Biografie. Fortan wird sich Hillary Rodham das Skript ihres Lebens vorschreiben, ihren Lebenslauf fabrizieren, ihre Zukunft errechnen. Die Autobiografie, die sie später veröffentlichen wird, soll keine Nacherzählung sein, sondern ein Geschäftsbericht in eigener Sache, inklusive der üblichen Schönrechnerei, gemessen an den aktuellen Erwartungen der Politanalysten, mit dem klaren Ziel, den Wert der eigenen Aktie zu heben. Über die Geschehnisse des 4. Mai 1970, ihre Rede liegt gerade mal ein Jahr zurück, die Nationalgarde hat soeben protestierende Studenten erschossen, berichtet Hillary: „Getreu meinem Motto, Engagement ja, Revolution nein, erfüllte ich… eine lange zuvor eingegangene Verpflichtung und hielt in Washington eine Rede… Zum Gedenken an die getöteten Studenten trug ich einen Trauerflor um den Arm.“ Fünf Monate später trifft sie Bill Clinton. Die beiden verlieben sich, ketten ihren Leben aneinander, schließen einen Pakt: In 20 Jahren sind wir Präsident der Vereinigten Staaten. Erst waren’s Bill und Hillary. Jetzt sind Hillary und Bill an der Reihe. So jedenfalls steht es in Hillarys Lebenslauf.

Der Jamil Temple in Columbia, South Carolina, ist in Wahrheit kein Tempel, sondern eine Turnhalle mit Betonboden, Spanplattendecke, Neonlicht und ausziehbaren Holztribünen. Die demokratische Partei gibt sich hier einen Tag vor der Abstimmung friedlich und geeint, die Anhänger von Hillary Clinton und Barack Obama sind zum gemeinsamen Bürgerfest geladen, an weiß eingedeckten Tapeziertischen werden Hotdogs gereicht mit Ketchup, Senf und Gurkenwürfel, dazu eine Cola, eine Handvoll Chips und zum Nachtisch, so man will, drei Schoko-Kekse. Tonlos betet ein eifriges Parteimitglied das demokratische Politik-Programm von der Bühne, Gesundheit für alle, grüne Jobs für Millionen, endlich Privatleben für George W. Bush.

Dann springt Hillary Clinton auf die Bühne, ja, tatsächlich, sie springt, 60 Jahre und kein bisschen greise, gut zu erkennen in ihrem zitronengelben Blazer, im Halbkreis umjubelt von 300 Anhängern, ein breites „Hellooooo“ in die Runde, ein breites „Helloooo“ zurück, doch dann, pssst, pssst, ermahnt die Kandidatin: „Lasst uns zur Sache reden, es ist Zeit für ein paar ernste Gedanken.“ Die Wirtschaft spiele den Reichen in die Hände und benachteilige die hart arbeitende Mittelklasse, sagt Clinton und lässt nun ihre Stimme wieder langsam anschwellen, die Bush-Regierung sei eine Geisel der Konzerne, die Studenten müssten dem Zugriff privater Kreditanbieter entzogen werden, die Ölindustrie notfalls mit Strafsteuern gezwungen werden, in erneuerbare Energien zu investieren. Hillary Clinton gibt sich immer neue Stichworte, pflügt durch die Themen, redet sich in Rage, es ist eine furiose, schnelle, freihändige Rede, die sie da hält, ein atemloses Stakkato von Wünschen und Forderungen, ein rhetorischer Sturm, der schwindlig macht, weil er alles miteinander verwirbelt, Guantanomo, die Energiekrise, kaputte Schulen, das Ansehen Amerikas, fehlende Kindergärten und den Truppenabzug aus dem Irak.

Nur warum muss sie immer wieder sticheln und stänkern gegen Barack Obama und seine Kampagne? „Ein neuer Präsident muss bereit sein für den Job – vom ersten Tag an“, sagt Clinton – und spielt damit auf Obamas Unerfahrenheit an. „Der Kandidat der Demokraten muss wissen, was im Wahlkampf gegen die Republikaner auf ihn zukommt“, sagt Hillary Clinton – sie stehe seit 16 Jahren im Feuer und immer noch. „Wandel ist schön und gut“, sagt Hillary Clinton – aber es brauche auch einen, der ihn durchsetzen kann. „Im Wahlkampf lässt sich gut dichten“, sagt Hillary Clinton – regieren aber müsse man in Prosa. Ganz klar: Hillary Clinton möchte Barack Obama als Windbeutel erscheinen lassen, als Naivling und substanzlosen Traumtänzer, dem man einen Saal zur Erbauung, nicht aber den Schlüssel zum Weißen Haus überlassen kann. Hinzu kommt, dass ihr Obama als willkommene Kontrastfolie dient: Neben einem wie ihm, meint Hillary Clinton – gerühmt für ihren scharfen Verstand, ihre harte Arbeit und ihre Detailkenntnis –, sieht sie ganz von selbst wie der ideale Chief Executive Officer der Vereinigten Staaten aus.

Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Zur ganzen gehört, dass Hillary Clinton Feinde braucht. Sie muss die Welt scheiden können in Gut und Böse, Für und Wider, sie braucht Gegner, an denen sie sich reiben kann. Als sie die ersten Vorwahlen in Iowa verlor, setzte sie ihr Pokerface auf, lachte in die Kameras und sagte: „Wie schön, jetzt geht der Spaß erst richtig los.“ Es dauerte nicht lange, bis klar war, was genau Clinton damit meinte: einen Wahlkampf der Tricks und Täuschungen, der Andeutungen und Halbwahrheiten – und einen Wahlkampf mit Kampfhund Bill an ihrer Seite. Tatsächlich wurde Bill in den vergangenen Wochen so oft von der Leine gelassen, dass man fast stündlich damit rechnen musste, er habe sich schon wieder in Obamas Wade verbissen. Erst suggerierte er, Obama habe die Politik Ronald Reagans gelobt – obwohl er dem konservativen Reformer nur attestiert hatte, seine Ideen in den Achtzigerjahren konsequent umgesetzt zu haben. Dann brachte er die Geschichte von Obamas Grundstücksgeschäft mit einem Miethai aus Chicago wieder auf die Tagesordnung – eine Dummheit, für die sich Obama längst entschuldigt hat. Gleich darauf fragten sich die Clintons, warum Obama im Landesparlament so oft mit „Enthaltung“ gestimmt habe – ganz offensichtlich, um Obamas Entschlusskraft in- frage zu stellen. Schließlich stellten sie Verbindungen zwischen Obama und dem dezidiert „schwarzen“ Politiker Jesse Jackson her – natürlich, um Obamas überparteilichen Ansatz zu diskreditieren. Am Ende schämten sie sich nicht einmal, Gerüchte über Obamas Zeit in einer muslimischen Schule in Indonesien zu streuen und sein frühes „Nein“ zum Irak-Krieg in Zweifel zu ziehen.

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3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 08.03.2008, 20:27 UhrAnonymer Benutzer: Helmut Reismann

    Mit der Erfahrung der Hillary Clinton scheint es doch nicht so weit her zu sein. Hierzu dieser aufschlußreiche Artikel:

    http://www.algore2008.de/blog/index.php/2008/03/08/die-behauptete-erfahrung-der-hillary-clinton/

  • 05.02.2008, 16:48 UhrAnonymer Benutzer: V. Riem

    Lieber Herr Steinmann,
    ich verstehe ihre Schlussfolgerung aus der Clinton Lewinsky Affaire nicht ganz...sind Sie wirklich der Meinung, dass die USA dadurch "8 Jahre zurückgeworfen" wurden? Und nicht etwa durch die Regierung bush selbst? Schließlich ist es sie, die den irak Krieg angezettelt hat (den es übrigens hin oder her NiE "gebraucht" hätte) und auch sie, die das Klimaproblem ignoriert.
    Darüber, dass die Demokraten an die Regierung gehoeren, sind wir uns einig. Und da ich der Meinung bin, dass sie mit Obama bessere Chancen haben, gewählt zu werden, hoffe ich auch, dass er das Rennen macht. Obwohl ich Frau Clinton durchaus glaubwürdig finde (Sie glauben doch nicht im Ernst, dass es auf der Welt auch nur einen im Wahlkampf ehrlichen Politiker gibt. Da wird immer dick aufgetragen und als Wähler muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Wenn Ehrlichkeit die Mindestvoraussetzung für den Presidentenjob ist, wünsche ich ihnen viel Spaß beim suchen). Letztendlich ändert sich durch den Spitzenkandidaten doch lediglich die Außenwirkung, wenig aber die Politik an sich.

  • 05.02.2008, 14:50 UhrAnonymer Benutzer: A. Steinmann

    Es wäre tragisch für Amerika das Clinton-System weitere jahre haben zu müssen. Es wäre zwar möglich, dass falls b. Obama antritt die republikaner am Ende geewinnen. Aber dadurch dass ihr Mann bill sienen Sc... nicht bei sich lassen konnte, wurden die USA 8 jahre zurückgeworfen mit herrn bush -Junior. Al Gore hätte normalerweise die wahlen gewonne. die Welt sähe heute besser aus. Das Klimaproblem wäre vor Jahren von den USA mit angegengen worden und einen irak-Krieg hätte es nicht gebraucht. insoweit haben die Clintons so viel DRECK üpber die USA + die Welt gebracht: Es wird nun endlich Zeit , dass deren Zeit abläuft. im übrigen ist Hillary clinton in keienr Weise ehrlich. Und das ist die Minumumvoraussetzung für den Präsidentenjob. Lasst barack Obama mal machen!

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