Post aus Harvard: Japan steckt in einem Dilemma

kolumnePost aus Harvard: Japan steckt in einem Dilemma

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Japans Wirtschaft ist voller Widersprüche. Großem Wohlstand stehen niedriges Wachstum und hohe Staatsschulden gegenüber.

Kolumne

Die gefeierten „Abenomics“ haben Japans Wirtschaftsprobleme nicht beseitigt. Wegen des demografischen Wandels braucht das Land dringend mehr berufstätige Frauen und ausländische Arbeitnehmer.

Japans Reichtum fällt jedem ins Auge, der nach Tokio kommt. Der hohe Lebensstandard lässt sich mit einem Pro-Kopf-Einkommen von kaufkraftbereinigt 38.000 Dollar (2015) statistisch beziffern, das ist nicht viel weniger als in Westeuropa. Deutschland kommt auf 47.000 Dollar, Frankreich auf 41.000 Dollar. Die japanische Arbeitslosenquote ist aber mit 3,3 Prozent viel niedriger als in der Euro-Zone mit ihren rund zehn Prozent – und auch niedriger bei in den USA (fünf Prozent).

Zum Autor

  • Martin Feldstein

    Martin Feldstein, Ökonomieprofessor in Harvard, war unter dem Präsidenten Ronald Reagan Vorsitzender des wirtschaftlichen Sachverständigenrats der US-Regierung.

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Andererseits ist Japan derzeit wieder in die Deflation abgerutscht: Die Verbraucherpreise waren im März niedriger als ein Jahr zuvor, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist real gesunken. Die Zinsen liegen annähernd bei Null, trotzdem beträgt das Haushaltsdefizit sieben Prozent des BIP, und die Staatsverschuldung erreicht über 230 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Gleichzeitig sinkt die Einwohnerzahl und die Zahl der Berufstätigen - was die Schuldenquote weiter in die Höhe treiben wird.

Als Ministerpräsident Shinzo Abe im Dezember 2012 sein Amt antrat, verkündete er eine neue Wirtschaftsstrategie mit drei zentralen Pfeilern. Dies sind erstens eine sehr lockere Geldpolitik, zweitens ein kurzfristiges staatliches Ausgabenprogramm und drittens Strukturreformen auf den Arbeits- und Produktmärkten. Ziel war, aus dem Dauerzustand von schwachem Wachstum und niedriger Inflation herauszukommen. Nach fast dreieinhalb Jahren „Abenomics“ lässt sich feststellen: Diese Politik hat Japans Probleme bisher nicht beseitigt.

Staatsschulden und Notenbanken Japan droht Vorreiter beim Helikoptergeld zu werden

Die japanische Notenbank hat in der vergangenen Woche die Märkte kalt erwischt und die Negativzinsen nicht ausgeweitet. Aber das ist kein Rückzug, sondern eher ein Hinweis auf bevorstehende, noch radikalere Maßnahmen.

Japan droht Vorreiter beim Helikoptergeld zu werden. Quelle: REUTERS

Abe hat mit Haruhiko Kuroda einen neuen Mann an die Spitze der Notenbank gesetzt und ihm die Weisung gegeben, für zwei Prozent Inflation zu sorgen. Unter Kuroda ergriff die Bank of Japan dramatische Schritte, ließ die Zinssätze abstürzen und begann damit, für viel Geld langfristige Staatsanleihen aufzukaufen. Ergebnis war ein Absturz des Yen und der Fall der Rendite für zehnjährige Anleihen auf nahezu null. Der günstige Wechselkurs ließ zwar die Gewinne der japanischen Exportwirtschaft steigen, aber nicht ihre Produktionszahlen. Der schwache Yen führte gleichzeitig zu höheren Importpreisen, wodurch die Realeinkommen der meisten japanischen Haushalte sanken. 

Anfang dieses Jahres radikalisierte die Notenbank ihren Kurs. Sie beschloss die Einführung von Negativzinsen auf die Pflichtreserven der Geschäftsbanken in ihrem Bestand. Die Märkte sahen darin eine Verzweiflungstat, und im Ergebnis trat das Gegenteil des erstrebten Ziels ein: Privatleute und Unternehmen schränkten Konsum und Nachfrage ein. Und trotz der geldpolitischen Schritte der  Notenbank führten globale Veränderungen zu einem plötzlichen Anstieg des Außenwerts der Währung: Der Yen gewann fast zehn Prozent im Vergleich zum Dollar.

In diesem Frühjahr überraschte die Bank of Japan die Märkte schon wieder. Ganz einfach, indem sie an ihrer Politik nichts änderte, obwohl alle Welt mit einer weiteren spürbaren geldpolitischen Lockerung gerechnet hatte. Der Yen gewann daraufhin weitere zwei Prozent gegenüber dem Dollar, während die Aktienkurse um drei Prozent nach unten rutschten.

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