
Die Tortur in der Zollstation Odinzowo vor den Toren Moskaus läuft in drei Schritten. Zuerst müssen Lkw-Fahrer ihre Fahrzeuge in einer Straße im Industriegebiet abstellen. Nach ein paar Stunden öffnet sich das rostige Schiebetor zu einem mit Stacheldraht umzäunten Schotterplatz, auf dem Hunderte Lastwagen stehen. Die Vorhänge hinter den Windschutzscheiben sind zugezogen, die Trucker dösen oder treffen sich zum Bier in einem schäbigen Café mit Namen „International“. Sie tun das heute, morgen, übermorgen, vielleicht auch nächste Woche – in der Hoffnung, dass sie irgendwann einmal drankommen.
Alexej Pawljuschin (* Name von der Redaktion geändert) sitzt am Steuer eines blauen Mercedes-Gespanns und zählt die Stempel im seinem Reisepass. Vielleicht kann er am Spätnachmittag noch in die Halle einfahren, um den dritten Akt des zähen Stücks, die Verzollung, hinter sich zu bringen. Auf Pawljuschins Bock liegen 25 Tonnen Autoteile, die er von Ungarn in die Autohochburg Kaluga südwestlich von Moskau transportieren soll. Wie lange es braucht, bis alles verzollt ist und er die Fahrt fortsetzen darf, kann der 36-Jährige nicht sagen. Er weiß nur: „Das hängt ganz davon ab, was der Kunde bereit ist zu zahlen.“
Anbieter von Außerhalb werden zunehmend diskriminiert
Die Kombination aus ungewissem Warten und unkalkulierbaren Zahlungen für Importeure sind Teil eines Systems, das immer mehr um sich greift im Russland zu Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise. Es sind nicht nur die vielen Tage und möglicherweise die paar Dollar-Scheine zwischen den Papieren zur Beschleunigung der Zollabfertigung, die ausländische Lieferanten vergrätzen. Anbieter von außerhalb werden zunehmend auf allen Ebenen diskriminiert. „Kauft russisch“- Klauseln bei der Vergabe von Staatsaufträgen schließen mehr oder weniger offen Anbieter jenseits der Grenze aus. Exporteure, vornehmlich aus westlichen Ländern, leiden zunehmend unter einer systematischen Verteuerung bestimmter ausländischer Waren, auf die sich die russische Regierung unter Regie von Premierminister Wladimir Putin gezielt eingeschossen hat. Seit Januar werden die Zölle in zahlreichen Branchen sukzessive hochgesetzt. Zudem erhöhen übereifrige Zöllner unter der Hand durch sogenannte Korrektirowkas den Wert der eingeführten Waren, um dadurch deren Preise nach oben zu schrauben und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Waren made in Russia zu schwächen.
6000 deutsche Unternehmen betroffen
Im Ausland hat der Zorn über Russlands Selbstabschottung vom Weltmarkt längst politische Höhen erreicht. Nach einem Treffen mit Putins Handelsminister Viktor Christenko drohte dessen deutscher Amtskollege Karl-Theodor zu Guttenberg kürzlich: „Bevor die Zollfragen nicht gelöst sind, brauchen wir über einen Beitritt zur Welthandelsorganisation gar nicht zu reden.“ Etwas vorsichtiger warnt Klaus Mangold, Vorsitzender des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, die Russen würden sich „mit jeglicher Art von Protektionismus ins eigene Fleisch schneiden, da dies die Modernisierung schwer belasten würde“.
Potenziell betroffen sind mehr als 6000 deutsche Unternehmen, die in Russland zumindest ein Vertriebsbüro haben registrieren lassen. Es handelt sich überwiegend um mittelständische Maschinen- und Anlagenbauer, die neben bekannten Konzernen um Aufträge buhlen. Sie alle spüren den raueren Wind, seitdem Premier Putin höchstselbst im vorigen November die inoffizielle Weisung ausgab, bei Ausschreibungen russische Anbieter zu bevorzugen.










