Protest erlahmt: Schock im Hauptquartier von Occupy Wall Street

Protest erlahmt: Schock im Hauptquartier von Occupy Wall Street

, aktualisiert 16. November 2011, 09:41 Uhr
Bild vergrößern

Polizist vor dem Zuccotti Park: „Die Gesundheits- und Sicherheitszustände waren unzumutbar geworden“

von Nils RüdelQuelle:Handelsblatt Online

Schwerer Rückschlag für Occupy Wall Street: Nach der nächtlichen Räumaktion der Polizei ist das Dauercamp auf dem Zuccotti Park in Manhattan nun verschwunden. Ist das der Anfang vom Ende der Bewegung?  

WashingtonBefürchtet hatten sie es ja schon lange. „Die Räumungsaktion heute ist sicher nur verschoben“, hatte Anne Shiraz damals schon geahnt. Bald, wenn auf dem Platz mal nicht so viel los sein sollte, sagte die 66-jährige „Occupy Wall Street“-Aktivistin mit dem gelben Plastikumhang („Friedensbrigade der Omis“), „dann kommen sie zurück - und dann ist es hier vorbei“.

Das war am 14. Oktober. Gut einen Monat später, am Dienstag in den frühen Morgenstunden, wurde die Befürchtung der Rentnerin wahr.

Anzeige

Die New Yorker Polizei kam tatsächlich zurück, und zwar überraschend und mit einem massiven Aufgebot. Sie räumte den zu einer Zeltstadt ausgebauten Zuccotti Park in Lower Manhattan, um Reinigungskommandos Platz zu machen. Sie zog diesmal durch, was sie sich im Oktober in letzter Sekunde doch nicht getraut hatte. Auch in Seattle, Oakland und anderen amerikanischen Städten räumten Beamte besetzte Plätze.

Nach rund zwei Monaten Dauerprotest sieht die Lage für die Protestler in der Keimzelle der weltweiten Occupy-Bewegung in New York nun so aus: Sie dürfen zurück auf den Platz, aber ohne Zelte, Schlafsäcke und allem, was sie zum campen brauchen. Gleichzeitig rückt der Winter an, und so ist die Lebensgrundlage der Demonstranten praktisch dahin.

Und ihre Zukunft damit völlig offen.

Der Tag, der alles veränderte, begann mit einer Überrumplungsaktion. Gegen 1 Uhr morgens am Dienstag rückten mit Helm und Kampfmontur geschützte Polizisten auf den Platz ein. Sie rissen Zelte ein, konfiszierten Lebensmittel und die Bibliothek und trieben die aus dem Schlaf geschreckten Aktivisten auseinander. Einige hatten sich festgekettet, 200 Protestler wurden bei Rangeleien festgenommen. Um 4.30 Uhr rückten schließlich die Reinigungstrupps an – und ihre Wasserstrahler verwandelten den Platz zurück in seinen ursprünglichen Zustand.

Die in die Seitenstraßen getriebenen Demonstranten konnten da nur zuschauen. Ihre spontan angestimmten Lieder („We Shall Overcome“) und Sprechchöre („Wessen Park? Unser Park!”) klangen hilflos.

Dabei wurde es am Nachmittag noch einmal spannend. Nur ein paar Blocks weiter, im New York Supreme Court, beugte sich Richter Michael Stallman über einen Eilantrag, der die Räumung doch noch verhindern sollte. Doch Stallman hatte keine gute Nachrichten: Die Demonstranten hätten ihn nicht darin überzeugen können, „dass sie das verfassungsmäßige Recht haben, mit ihren Zelten, Strukturen, Generatoren und anderen Installationen auf dem Zuccotti Park zu bleiben“.


Die Protestler fangen von von vorne an

Bürgermeister Michael Bloomberg rechtfertigte den Zugriff. „Die Gesundheits- und Sicherheitszustände waren unzumutbar geworden“, sagte er später auf einer Pressekonferenz. Zwar respektiere die Stadt die Meinungsfreiheit, „doch was auf dem Zuccotti Park geschah, hat damit nichts zu tun.“ Der Platz, obwohl in privater Hand, sei für die Öffentlichkeit da, doch die habe in den vergangenen Wochen keinen Zutritt gehabt. „Zwei Monate lang haben die Protestler den Park mit Zelten und Schlafsäcken besetzt“, sagte Bloomberg. Sie seien nun eingeladen, zurückzukommen. Doch „künftig müssen sie ihn ausschließlich mit ihren Argumenten besetzen“.

Die Demonstranten glauben dagegen, Bloomberg schiebe das Hygiene-Argument nur vor, um ihnen die Lebensgrundlage zu entziehen. Immerhin hatte er nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm die Aktivisten da unten auf einem der erlesensten Plätze Manhattans auf die Nerven gehen.  

Am Abend dann quetschten sich rund 750 Protestler zurück auf den blitzblanken Platz – vorbei an einem Spalier aus Polizisten. Nach dem Schock versuchen sie nun, trotz allem weiterzumachen. „Dies wird die Bewegung nicht stoppen“, sagte die Anwältin Yetta Kurland, die Occupy Wall Street vertritt. „Die ,99 Prozent‘ werden sich weiter zeigen und sich Gehör verschaffen“.

Und so versammelten sich die Demonstranten auch am Dienstagabend wieder zu ihrer täglichen Generalversammlung. Sie müssen nun logistisch wieder ganz von vorne anfangen: Wo bekommen wir Essen her? Wo sollen wir schlafen? Gibt es einen anderen Platz in Manhattan? Am Donnerstag wollen sie sich neu formieren und zurückschlagen: Sie planen, die Wall Street lahmzulegen. So hatte am 17. September alles begonnen.

Viele befürchten nun, andere hoffen, die Räumungsaktionen in New York und anderen Städten könnten der Anfang vom Ende der Bewegung sein. Robert Reich, Politik-Professor und Ex-Arbeitsminister unter Bill Clinton, glaubt das Gegenteil. „Ein solch hartes Vorgehen wird die Bewegung nur noch stärken“, sagte er am Abend in der MSNBC-Sendung „Rachel Maddow Show“. „Das ist fast unvermeidlich“.

Immerhin habe Occupy Wall Street viel erreicht. „Davor hat man doch auf den Titelseiten kaum etwas über die wachsende Ungleichheit im Land gelesen“, sagte Reich. „Jetzt können Sie selbst in einer Bank über so etwas sprechen, ohne für einen Klassenkämpfer gehalten zu werden“. Egal, wie es mit der Bewegung nun weitergehe: Dieser Erfolg sei ihr nicht mehr zu nehmen.

Der Aktivist Jerry Letto sagte es im Magazin „Politico“ so: „Die Bewegung hat in Zuccotti begonnen. Aber sie ist größer als Zuccotti“.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%