Rainer Brüderle: "Wir brauchen etwas europäischen Patriotismus"

Rainer Brüderle: "Wir brauchen etwas europäischen Patriotismus"

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Rainer Brüderle

von Henning Krumrey und Roland Tichy

Der Bundeswirtschaftsminister über nachbarschaftlichen Neid und Nutzen, deutsch-französische Unternehmen und die Sehnsucht nach Pathos und Patriotismus.

WirtschaftsWoche: Herr Minister, hat Ihnen Ihre französische Amtskollegin Christine Lagarde schon zu den jüngsten Exporterfolgen Deutschlands gratuliert?

Brüderle: Ich habe Frau Lagarde als sehr kluge, pragmatische Frau kennengelernt. Sie weiß, dass über 60 Prozent der deutschen Exporte in unsere EU-Nachbarländer gehen. Gleichzeitig steigen aber auch unsere Importe und sorgen für Wachstum bei unseren europäischen Nachbarn. Im Jahr 2010 wurden noch zwei Drittel unseres Wachstums von der deutschen Binnennachfrage getrieben. In diesem Jahr sind es sogar drei Viertel. Also haben wir einen klassischen Aufschwung – fast wie aus dem Bilderbuch: Der Export gibt den Anstoß, anschließend springt dann auch der Binnenmarkt an. Europa kann sich über den deutschen Partner als Konjunkturlokomotive freuen.

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Die Kritik von Frau Lagarde sehen Sie eher als innenpolitisch motiviert?

Ich glaube, sie freut sich mit uns. Unsere Länder sind eng miteinander verflochten. Frankreich hat mehr davon, wenn ein Auftrag nach Deutschland geht anstatt nach China, Amerika oder Indien. Ich freue mich umgekehrt über jeden Auftrag, den die französische Industrie hereinholt, denn wir profitieren auch davon. Wir müssen in größeren Dimensionen denken. Die politischen Entscheidungen fallen in den nationalen Parlamenten, aber im Bereich der Ökonomie und der Währung sind wir schon erheblich weiter vernetzt.

Auf der Unternehmensebene gibt es noch wesentliche Diskrepanzen. Liegt das an der Mentalität?

Vor rund 20 Jahren habe ich in einem der ersten Konversionsprojekte Deutschlands in Rheinland-Pfalz versucht, ein mittelgroßes französisches Unternehmen anzusiedeln. Seit damals ist mir klar, dass unsere Länder teilweise eine unterschiedliche Unternehmenskultur haben. Diese muss man berücksichtigen, wenn man in deutsch-französischen Gemeinschaftsunternehmen erfolgreich sein möchte.

Die Deutschen haben Angst vor einer elitären Riege von Enarchen, die uns mit Staatswirtschaft überrollt. Die Franzosen fürchten, dass deutsche Großkonzerne sich am Biertisch verabreden und die französischen Individualisten zur Seite räumen. Sie als Pfälzer sind ja ein halber Franzose – tun sich da eventuell leichter?

Vorurteile gibt es doch innerhalb Deutschlands genauso. Denken Sie beispielsweise an die Ost-West-Debatte zwischen neuen und alten Bundesländern. Oder zwischen Bayern und Norddeutschen. Das ist nicht so dramatisch. Wenn man sich trifft, ist man häufig positiv überrascht und vergisst über gemeinsamen Projekten schnell die Vorurteile.

Die Deutschen argwöhnen stets, der Partner habe das bessere Ende für sich. Bei EADS scheint es, Frankreich trifft die Entscheidungen und bearbeitet die technisch anspruchsvolleren Bauteile, während die Deutschen bloß die Blechdose liefern.

Auf den ersten Blick entsteht dieser Eindruck möglicherweise, weil wir in Hamburg den Rumpf des Airbus bauen, während in Toulouse das Cockpit produziert wird. Auf den zweiten Blick wird aber schnell klar, dass auch im Rumpf enorm viel High Tech steckt. Trotz aller Herausforderungen ist das Unternehmen Airbus eine Erfolgsstory und im Endeffekt erfolgreicher als sein schärfster Konkurrent Boeing. Sie sehen also, die Vielfalt ist manchmal kompliziert, aber sie macht auch stark.

Wenn es so gut läuft, kann man doch auch den EADS-Anteil, den Daimler verkaufen will, den Franzosen überlassen.

Ich bin dazu mit Frau Lagarde im Gespräch. Wir sind uns einig im Ziel des deutsch-französischen Gleichgewichts. Für die genaue Struktur lassen sich immer verschiedene Modelle finden. Gleichklang kann beispielsweise auch heißen, dass sich beide Seiten etwas weniger engagieren.

Seit 20 Jahren beklagt Deutschland, dass Frankreich seinen Strommarkt nicht öffnet. Wie lange will sich die Bundesregierung das noch anschauen?

Der deutsche Energiekommissar Günther Oettinger hat sich dieses Themas angenommen. Derzeit ist der Austausch auch aus technischen Gründen begrenzt, weil Kupplungsstellen fehlen. Da sollte umstrukturiert werden. Ich glaube, der Druck der aktuellen Entwicklungen führt auch hier zu Veränderungen. Wenn wir einen einheitlichen europäischen Energiemarkt haben, können Anlagen für erneuerbare Energien dort gebaut werden, wo es am sinnvollsten ist: In Spanien lässt sich Sonnenenergie beispielsweise viel günstiger erzeugen als in Deutschland, weil es dort viel mehr Sonnenstunden gibt. Im vergangenen Jahr stand aber noch die Hälfte aller europäischen Fotovoltaikanlagen in Deutschland.

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