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Rebellen in Syrien: Geeint nur im Hass auf Assad

Quelle: Handelsblatt Online

Für die Rebellen in Syrien kämpfen längst nicht mehr nur Syrer. Sunnitische Islamisten aus den Nachbarländern bringen viel Erfahrung im Guerilla-Krieg gegen Armeen mit – gesammelt haben sie diese im Irak und Afghanistan.

An der Seite der Rebellen kämpfen inzwischen auch viele Muslime aus anderen Ländern. Quelle: dapd
An der Seite der Rebellen kämpfen inzwischen auch viele Muslime aus anderen Ländern. Quelle: dapd

AleppoAbu Bakr, einer der Kommandanten der Aufständischen in Syrien, ist ein bekennender Islamist. Er ist entschlossen, Staatschef Baschar al-Assad zu stürzen. Aber die Radikalen, die sich den Rebellen mittlerweile angeschlossen haben, versetzen selbst ihn in Alarmstimmung. "Ich bin Islamist, meine Kämpfer sind Islamisten", bekennt er. Doch Islamisten seien nicht immer gleich Islamisten. "Diese Männer haben im Irak gekämpft, sie sind zu extrem, sie wollen alle Symbole unseres Landes zertrümmern, auch die Schulen."

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Seit 17 Monaten tobt der Kampf zwischen den Rebellen und der Staatsmacht. Den Aufständischen ist jede Unterstützung willkommen, auch von Kämpfern aus dem Ausland. Sie bringen Waffen, Expertise und Geld und sind zum Kampf entschlossen. Doch mittlerweile steigt bei den einheimischen Kämpfern das Unbehagen, wenn sie an die Zeit nach Assad denken. Welche Ziele verfolgen die Ausländer, die aus den Golfstaaten, Libyen, mitunter aus Osteuropa und dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet kommen?

"Unser Ziel ist, eine Zukunft aufzubauen, und nicht alles zu zerstören", sagt Abu Bakr. "So blutig es derzeit auch ist, diese Phase ist im Prinzip übersichtlich. Wir verfolgen mit dem Sturz des Regimes alle dasselbe Ziel. Wenn Baschar weg ist, könnten wir uns aber in einem neuen Krieg gegen unsere früheren Verbündeten wiederfinden." Abu Bakr und seine Kämpfer wollen in Syrien eine Art konservative Türkei aufbauen, eine islamisch geprägte Demokratie, und keine autokratische Theokratie. Vehement lehnen sie daher Aktionen wie die Entführung von Journalisten oder die Zerstörung der Infrastruktur im Land ab.

Auch der Westen beobachtet die zunehmende Präsenz sunnitisch geprägter Islamisten aus dem Ausland mit Skepsis. Die Erfahrungen aus dem Irak lassen das Schlimmste befürchten. Im Nachbarland haben sunnitische Islamisten mit Unterstützung von Al-Kaida-Kämpfern auch zu Zeiten der US-Besatzung unzählige Anschläge verübt mit Tausenden Toten.

Nach Syrien kommen nun Kämpfer, die einen "Heiligen Krieg" im Sinne des Dschihad unterstützen und nach einem Sieg in ihre Heimat zurückkehren wollen. Andere aber haben Verbindungen zu Al-Kaida und verfolgen das Ziel, in Syrien eine neue Sektion der Extremistengruppe aufzubauen.


„Die haben viel Expertise aus dem Irak mitgebracht“

Abu Bakr räumt ein, derzeit hätten die Rebellen keine Wahl und müssten die Hilfe der Ausländer annehmen. Wo immer moderne Raketen und Sprengsätze auftauchen, sind die ausländischen Kämpfer nicht weit, wie ein Aufständischer namens Mohammed erzählt. "Die haben viel Expertise aus dem Irak über das Bombenbauen mitgebracht", sagt er. "Mit ihrer Hilfe haben unsere Bomben eine Reichweite von bis zu sieben Kilometern, und wir können sie mit Mobiltelefonen zünden." Eine direkte Zusammenarbeit mit Kräften aus dem Ausland will Mohammed aber nicht einräumen.

Dabei fällt deren Präsenz vielerorts ins Auge. In Aleppo etwa, der seit Tagen heftig umkämpften Millionenmetropole im Norden, kauern zwischen zerstörten Gebäuden Männer gekleidet in Gewändern, die in Afghanistan und Pakistan üblich sind, in Syrien aber nicht. Sie tragen gewissenhaft bis zum Kinn rasierte Bärte, die auf die Glaubensgemeinschaft der Salafisten hindeuten. Die sunnitische Gruppe, die auch in Deutschland aktiv ist, verfolgt das Ziel einer Lebensform, wie es sie zu Zeiten des Propheten Mohammed gab - also im sechsten und siebten Jahrhundert nach Christus. Versuche, sich ihnen für ein Gespräch zu nähern, scheitern.

Die größte Gruppe in Aleppo, die etwa 2000 Mann starke Tawheed Brigade, akzeptiert nach eigenen Angaben ausländische Kämpfer unter der Voraussetzung, dass sie sich an bestimmte Regeln halten. "Es gibt einige extremistische Einheiten, die nicht gut mit uns zusammenarbeiten", sagt ein Tawheed-Kämpfer. "Die bleiben unter sich." Ziel der Tawheed sei aber, Dschihadisten zu integrieren, um sie von einer zu aggressiven Taktik abzubringen. "Das heißt aber nicht, dass wir nicht nervös sind. Die können sich immer noch gegen uns wenden."

Skepsis bei den Rebellen provozieren aber nicht nur die Kämpfer aus dem Ausland. Auch untereinander gibt es Misstrauen. Die Tawheed-Kommandanten, von denen kaum einer über Erfahrungen als Offizier verfügt, versuchen, den Kampf in Aleppo besser zu organisieren als frühere Schlachten. Kommandant Abdulqader Salheen erklärt, Ziel sei, die Stadt in neun Verwaltungsdistrikte mit eigener Führung aufzuteilen, um dadurch die Kommunikation effizienter zu gestalten. Aber die Tawheed sind eben nicht die einzigen, die in Aleppo kämpfen. Versuche, die Aufständischen unter ihrem Dach zu einen, scheiterten, weil sich kleinere Gruppen darüber beklagten, bei der Aufteilung von der Polizei erbeuteter Waffen nicht angemessen berücksichtigt worden zu sein.

Einige Gruppen haben sich deshalb sogar aus der Stadt zurückgezogen. Die Nerven liegen vielfach blank. Die meisten der Kämpfer sind jung, 15-Jährige keine Seltenheit. Jeder von ihnen hat einen Bruder, einen Cousin, einen Freund im Kampf verloren - und sie sind mitten in einem der brutalsten Konflikte der Region. Die Verwirrung regiert. An einem verlassen wirkendem Kontrollpunkt in Aleppo steht ein junger Mann mit einer Kalaschnikow im Anschlag. Die Frage, zu welcher Einheit er gehört, kann er zunächst nicht beantworten. Er wendet sich hilfesuchend an einen Gefährten. Der sagt ihm, sie gehörten dem neu gegründeten "Siegreichen Bataillon" an.


„Extrem effektiv und verschlossen“

Eine der schlagkräftigsten Gruppen in Aleppo ist die Ahrar al-Scham. "Sie sind extrem effektiv und verschlossen", sagt ein Kämpfer namens Anwar über die "Freien Männer Syriens". "Sie kooperieren mit uns, um das Regime anzugreifen, aber sie nehmen keine Befehle entgegen, von niemandem." Ausländische Kämpfer nimmt die Ahrar al-Scham offenbar mit offenen Armen auf. Die Schlagkraft der Gruppe gründet vor allem auf dem Nachschub aus dem Ausland. "Sie bekommen Waffen und Bomben, die viel besser sind", sagt Anwar.

Ein syrischer Oppositioneller berichtet, dass Ahrar al-Scham nicht nur Waffen, sondern auch Geld von Islamisten aus Kuwait und Saudi Arabien erhält. "Über mehrere Monate, die ich das beobachtet habe, wurden rund drei Millionen kuwaitische Dinar (rund 10,6 Millionen Dollar) an Extremisten überwiesen", erzählt der Mann, der namentlich nicht genannt werden will. Die Bereitschaft, viel Geld und auch ihr Leben zu riskieren, zeigt, wie ernst es der Bewegung aus dem Ausland ist. Vorboten sind in Syrien auch an den Wänden zu finden: "Das Islamistische Syrien kommt" oder "Das Volk verlangt die Scharia" ist dort zu lesen.

Doch die meisten aufständischen Syrer haben keine klare Antwort auf die Frage, was sie unter "islamistisch" verstehen. "Wir wollen einen Staat aufbauen, in dem die Menschen gleichberechtigt sind, Muslime und Minderheiten", sagt der junge Kämpfer Anwar. "Wir wollen in der Lage sein, unsere Zukunft zu bestimmen, und sie nicht beherrschen zu lassen von Armut oder unserer Religion." Die gegen das Regime kämpfenden Syrer sind überwiegend arme, ungebildete Männer vom Land. Jahrzehnte der Unterdrückung bestimmen ihre Ideen und Gedanken. Die meisten sind als Mitglieder der sunnitischen Mehrheit in Syrien über Jahre von den Sicherheitskräften und der Regierung unterdrückt worden.

Die Elite des Landes, dominiert vom Assad-Clan, gehört zur schiitisch geprägten Minderheit der Alawiten. In den 1980er Jahren hatten sich die Sunniten schon einmal aufgelehnt. Das Assad-Regime schlug brutal zurück, Zehntausende Menschen starben. "Mein Bruder wurde 2008 verhaftet und gefoltert, weil er das Regime in einem Cafe kritisiert hat", erzählt Anwar. "Ich habe Nachbarn, die wurden verhaftet, weil sie sich einen Bart haben wachsen gelassen und öfter zum Beten gegangen sind."

Wie die meisten Aufständischen, hat sich auch Anwar einen langen Bart wachsen lassen, den sie als Symbol des Widerstands sehen. "Vor der Rebellion konnten wir den niemals wachsen lassen", betont ein Freund Anwars und fügt schmunzelnd hinzu: "Das ist der harte Rebellen-Look."

Auch Kommandant Abu Bakr hofft auf einen islamisch geprägten Staat, obwohl er die Radikalen ablehnt. "Zuerst müssen wir das Regime loswerden, die Stabilität wiederherstellen und einen nationalen Dialog beginnen", sagt er hoffnungsfroh. "Und dann müssen wir langsam versuchen, einen islamischen Staat aufzubauen und den Menschen die Zeit geben, sich daran zu gewöhnen." Das islamische Recht der Scharia sofort einzuführen und Leuten wegen Diebstahls die Hand abzuhacken, sei keine gute Idee. "Ich glaube an die Scharia, aber wenn wir sie den Menschen aufzwingen, schüren wir nur ihre Ängste."

Bevor Bakrs Traum sich erfüllen kann, müssen die Aufständischen aber zunächst siegen. "Wir haben einfach keine Zeit, uns mit diesen Extremisten zu befassen", sagt Amr, ein 20-jähriger Kämpfer. "Aber der Tag wird kommen."

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