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Regulierung der Finanzmärkte: Neue Regeln für die Finanzbranche werden weltweit zerrieben

von Silke Wettach (Brüssel), Melanie Bergermann (Frankfurt), Mark Böschen (Frankfurt), Yvonne Esterházy (London) und Christian Ramthun (Berlin)

Trotz aller heiligen Schwüre, die Finanzmärkte zu zähmen – die Reformen kommen kaum voran. In den USA trumpfen die Banken gegenüber Präsident Barack Obama auf, die Europäer sind zerstritten. Die Branche macht sich Hoffnungen auf geringe Einschnitte.

Gipfelpartner Sarkozy, Brown, Quelle: AP
Gipfelpartner Sarkozy, Brown, Merkel (v links). Bei EU-Treffen ist es üblich, dass sich hinterher alle zu Siegern erklären. Einig sind sie sich deswegen noch lange nicht Quelle: AP
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Es klang gerade so, als seien die beiden auf unterschiedlichen Veranstaltungen gewesen. Der britische Premierminister Gordon Brown brüstete sich nach dem jüngsten EU-Gipfel in Brüssel, er habe die Unabhängigkeit des Finanzplatzes London erfolgreich verteidigt. In wichtigen Bereichen, so Brown, habe er den europäischen Partnern Kompromisse abgerungen.

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy interpretierte das Treffen der europäischen Staats- und Regierungschefs dagegen völlig anders. Brown habe „seine Verantwortung übernommen“ und eine Europäisierung der Bankenaufsicht befürwortet. Der Druck der europäischen Partner habe zu einer „kompletten Kehrtwende in der angelsächsischen Herangehensweise“ geführt. Bundeskanzlerin Angela Merkel dachte ähnlich, behielt das aber für sich.

Der Konflikt schwelt

Bei EU-Gipfeln gehört es durchaus dazu, dass sich hinterher alle Beteiligten zu Siegern erklären. Die Politiker möchten den Eindruck vermitteln, sie hätten erfolgreich für die nationalen Interessen gekämpft. Diametral entgegengesetzte Wahrnehmungen wie nach dem EU-Gipfel Mitte Juni lassen dagegen ahnen, dass der Konflikt zwischen Kontinentaleuropäern und Großbritannien um die Kontrolle der Finanzbranche weiter schwelt und jederzeit offen ausbrechen kann. Torpediert Brown bei nächster Gelegenheit den Plan, steht es schlecht um die noch im April beim G20-Gipfel in London einmütig beschworene Reform der Finanzmarktregulierung.

„Wir müssen das Undenkbare denken, das Unmachbare machen“, hatte damals Gordon Brown voller Pathos angekündigt. Bundeskanzlerin Merkel hatte davon gesprochen, „dem Kapitalismus ein Gewissen“ zu geben.

Beim G8-Treffen ab dem 8. Juli im italienischen L’Aquila dürfte offenkundig werden, wie weit die Politik davon entfernt ist, die Kapitalmärkte tatsächlich radikal umzukrempeln. Selbst in den USA, wo Präsident Barack Obama Mitte Juni ein ambitioniertes Programm vorlegte, wird eine neue Finanzarchitektur wegen des massiven Widerstands der Wall Street unwahrscheinlich. Auch im Kongress findet Obama für seine Regulierungspläne nur wenige Freunde. Denn es sind nicht nur Republikaner, die gegen stärkere Finanzmarktkontrollen votieren. Henry Aaron vom Brookings Institution, einem den Demokraten von Obama nahestehenden Thinktank, weiß: „Die große Mehrheit im Kongress, auch viele Demokraten, ist gegen Regulierung.“

Finanzkrise gerät schnell in Vergessenheit

Die Regierungen in Europa und den USA haben zwar den Banken in nie gekanntem Umfang finanziell geholfen, sich dadurch aber nicht das Wohlverhalten der Branche erkauft. Die wehrt sich entschlossen gegen mehr Regulierung. „Ich denke, dass die Finanzkrise vorerst vorüber ist“, erklärt beispielsweise Wayne Abernathy, Cheflobbyist der American Bankers Association, die wenige Blocks vom Weißen Haus in Washington residiert. Die nonchalante Botschaft: Die Branche braucht keine neuen Regeln.

Gute Geschäftszahlen machen die Banken übermütig. Goldman Sachs rechnet in diesem Jahr mit dem besten Ergebnis in der 140-jährigen Geschichte der Investmentbank. Das Haus profitierte vom Niedergang der Konkurrenz und von aktuell satten Gewinnen im Devisen-, Anleihen- und Rentenhandel. Da gerät die Finanzkrise in Vergessenheit. Adair Turner, Chef der britischen Aufsichtsbehörde Financial Services Authority, beklagte vergangene Woche, dass die Banken bereits „business as usual“ betrieben.

14 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 20.11.2009, 12:14 UhrAnonymer Benutzer: Reiner Tiroch

    Für jede Regel setzen die sauberen Herren natürlich eine ihrer eigenen dagegen denn Sie wollen ja nicht in ihren Kreisen gestört werden. Für die Krise können sie natürlich ebenfalls nichts. Das ist doch alleinige Sache der braven Sparer.

  • 01.07.2009, 08:03 UhrAnonymer Benutzer: Tralala

    @ bewian: Kann ihnen nur zustimmen.
    Die Geld-Lobbys werden sich nichts nehmen lassen bzw. alles tun, um ihr Macht zu erhalten und - so schlimm es ist - das Ganz noch zu forcieren. Die Spirale dreht sich immer weiter und schneller... die "normal" arbeitende bevölkerung ist nicht nur deren Geisel, sondern wird vermutlich auch bald die bitteren Konsequenzen dafür tragen/zahlen müssen.

  • 30.06.2009, 19:38 UhrAnonymer Benutzer: bewian

    Natürlich hat die Finanzbranche keinerlei interesse an "seriöser und nachhaltiger" Finanzpolitik. Nirgendwo kann man so schnell soviel Geld mit Spekulation verdienen, dagegen ist die Realwirtschaft ein "Minenfeld mit investitionsrisiken". Man hat das Gefühl, die Realwirtschaft wird nur noch gebraucht um überhaupt das Gezocke realisieren zu können. Wenn es dann schief geht, was so wie es läuft unausweichlich ist, werden die Steuerzahler gezwungen die Kosten zu tragen, da die Finanzwirtschaft "systemkritisch ist". Wenn sich nichts wesentliches ändert, und danach sieht es aus, bleiben die Steuerzahler, bzw. die Mehrheit der arbeitenden bevölkerung dieses Planeten, Geiseln der Finanzwirtschaft. ich fürchte, die relativ kleine "Gruppe weltweiter Geldbesitzer" wird sich die bisherige Möglichkeit, ohne reale Wirtschaftsleistung und den daraus verbundenen Risiken, leicht massenhaft Wohlstand und Reichtum zu erwerben nicht nehmen lassen. Es geht nicht nur um eine Kontrolle der Finanzmärkte, es geht auch um eine grundsätzliche Machtverschiebung bei der Verteilung und Nachhaltigkeit von Währungssystemen. Die "Geldelite" wird mit allen Mitteln, und dazu gehört auch wenn nötig Gewalt, den Staus Quo verteidigen.

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