Reportage: „Wir wollen keine Helden sein, bloß einen Job haben“

Reportage: „Wir wollen keine Helden sein, bloß einen Job haben“

, aktualisiert 25. November 2011, 14:20 Uhr
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Temple-Bar-District in Dublin, Irland: Nicht nur die Perspektivlosigkeit macht einigen zu schaffen.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Ein Jahr nach der Rettung durch die EU haben die Iren den ersten Sparschock verdaut - und gelten als stoische Haushaltssanierer. Doch die Unsicherheit und der Frust in der Bevölkerung sind höher denn je. Eine Nahaufnahme

DublinHinter hohen weißen Mauern haben sie ihr kleines Paradies versteckt. Wer es besuchen will, braucht einen Schlüssel, um ein massives zweiflügeliges Tor zu öffnen. Was sich dahinter verbirgt, ist jetzt im Herbst eher kärglich: Ein paar leere Gemüsebeete, einige Beete mit Wintersalat, dazwischen eine Bank, verblühte Lavendelsträucher und ganz hinten ein Gewächshaus mit Tomaten.

Für die Menschen, die hier drum herum wohnen, im Norden von Dublin, ist das dennoch so eine Art Garten Eden, ihr ganzer Stolz, ein preisgekröntes Vorzeigeprojekt.  „Einige Menschen sagen: Hierhin zu gehen ist so ähnlich wie eine Messe zu besuchen, denn es ist so ruhig hier, erholsam, man kann gut nachdenken“, erzählt Garvan Gallagher.

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Der 37-jährige Filmemacher und Fotograf wohnt ein paar Meter davon entfernt und gehört zu denen, die die Idee hatten, eine ehemalige Müll- und Geröllhalde in Dublin in einen Gemeinschaftsgarten für die Anwohner zu verwandeln. Vor drei Jahren machten sie sich an die Arbeit, als um sie herum die Finanz- und Immobilienblase platzte, die Wirtschaft zusammenbrach und das Land in eine tiefe Rezession stürzte.

Inzwischen haben er und seine Nachbarn schon zwei Sommer hintereinander Tomaten und Gurken, Zwiebeln und Broccoli in ihrem Garten geerntet – und Irland  hat den ersten Sparschock nach der Krise verdaut. Das Land wird als vorbildlicher Sanierer in der Eurozone gefeiert – die Iren erfüllen eisern und stoisch alle Vorgaben, um ihren Ruf wiederherzustellen. Das ist zumindest das Bild nach außen. Doch trotz der Fortschritte und des Lobs, das sie bekommen, die Menschen sind unsicherer und frustrierter denn je.

Vor acht Jahren ist Magda Brady aus Polen nach Irland gekommen – auf der Suche nach Arbeit. Sie hat einen Job gefunden, zunächst als Putzfrau, später an der Rezeption in einem Hotel in der Dubliner Innenstadt. „Es war am Anfang im Prinzip so eine Art amerikanischer Traum, der wahr wurde“, erzählt die 35-Jährige. Sie hat in Irland ihren Mann kennengelernt, gemeinsam haben sie ein Häuschen gekauft, in einem der Vororte von Dublin. Und gemeinsam wollten sie sich eigentlich selbständig machen. Ihr Mann, ein Heizungsbauer, wollte ein Unternehmen gründen, sie wollte mitmachen und die Büroarbeit übernehmen.

Heute ist ihr Mann arbeitslos und sie versucht mit drei Jobs gleichzeitig, ihren gemeinsamen Lebensunterhalt zu finanzieren und den Kredit für das Haus zurückzuzahlen. Tagsüber arbeitet sie an der Hotelrezeption, abends und am Wochenende geht sie putzen und bedient in einem Restaurant. „Ich hab grundsätzlich kein Problem mit den Jobs, wir kommen ja auch irgendwie über die Runden“, sagt Brady, „es ist aber fehlende Klarheit darüber, wie lange es so weitergehen wird, wann sich die Dinge wieder zum Besseren wenden, die einen mürbe macht.“

Derzeit befürchtet sie, dass es noch schlimmer werden könnte – dass das Restaurant, in dem sie kellnert, möglicherweise schließen  muss, dass das Hotel vielleicht einige Leute entlässt.


Einwanderungswelle verkehrt sich in ihr Gegenteil

Auf mehr als 14 Prozent ist die Arbeitslosigkeit  in Irland gestiegen. Bis Ende 2012 ist keine Besserung in Sicht, sagt die Zentralbank voraus. 2007 lag die Quote bei rund fünf Prozent, bevor die tiefste Rezession in der neueren irischen Geschichte ihren Lauf nahm. Die Arbeitslosigkeit wäre wohl noch höher, wenn nicht Woche für Woche etwa 1000 Menschen auswandern würden.

Irland wehrt sich dagegen, dass die Rezession jetzt erneut eine enorme Auswanderungswelle ausgelöst haben soll – wie sie das Land etwa in den 50er Jahren erlebte, als die Iren Glück und Wohlstand im Ausland suchten und ihre Insel in Massen verließen. Daher betonen Experten immer wieder: Inzwischen seien unter den Auswanderern auch viele Menschen, die in den Boomjahren aus Zentral- und Osteuropa eingewandert sind und jetzt in ihre Heimat zurück gehen.

So haben nach Angaben der Statistikämter 2010 gut 65 000 Menschen Irland verlassen. Nur knapp die Hälfte seien Iren gewesen. Doch möglicherweise steigt dieser Anteil, wenn es das Land nicht schaffe, den Universitätsabsolventen Jobs anzubieten, warnte James Wickham, Professor am Trinity College in Dublin und Arbeitsmarktexperte.

Auch Elisabeth Donnelly spielt mit dem Gedanken. Die 21-Jährige Dubliner Studentin wäre jetzt eigentlich schon in Großbritannien oder in den Vereinigten Staaten, wenn ihr Freund mitgegangen wäre und nicht kurzfristig einen Rückzieher gemacht hätte. „Es sah zunächst so aus, als ob er seinen Job verliert, dann hat er sich aber auf eine Gehaltskürzung eingelassen“, erzählt Donnelly. „Er will jetzt doch bleiben, obwohl er deutlich weniger verdient.“ Und sie? „Wenn ich nach der Uni keinen Job finde, dann versuch ich mein Glück erstmal in England, das ist nicht gar soweit weg von zu Hause.“


Sehnsucht nach der alten Normalität

Einige Experten sagen zwar voraus, die Insel werde sich von der Krise erholen und über kurz oder lang erneut als „keltischer Tiger“ dastehen. Das prognostiziert beispielsweise der US-Investor Wilbur Ross. Aber davon ist noch nichts zu sehen. Die Ruinen des irischen Baubooms, die vielen Geisterstädte, Siedlungen mit halbfertigen Häusern, stehen immer noch trostlos herum. Die Menschen hüten sich, Geld auszugeben. Die Binnennachfrage ist eingebrochen. Selbst der Bierdurst der Iren hat  gelitten - viele Pubs mussten schließen.

„Alle klopfen uns jetzt auf die Schulter und loben uns für unsere Sparfortschritte“, sagt Gervan Gallagher, „aber das wollen wir gar nicht. Wir wollen einfach eine Möglichkeit, um hier weiter unseren Lebensunterhalt zu verdienen und wir wollen eine Zukunftsperspektive.“

Auch Gallagher überlegt, ob er auswandern, sein Häuschen in der Nähe des Gemeinschaftsgartens, den er und seine Nachbarn aufgebaut haben, vermieten und nach London ziehen soll. „Auch wenn die Regierung enorme Fortschritte macht, wie lange wird es dauern, bis wieder Normalität eingekehrt, bis die Politik wieder in Ausbildung, Gesundheit und Infrastruktur investieren kann statt Geld in den Schuldenabbau und die Banken zu stecken?“

Es ist nicht allein die Perspektivlosigkeit, die ihm zu schaffen machen. „Es ist diese Art und Weise, wie sich die Menschen hier in ihr Schicksal fügen, die einen mächtig aufregen kann“, sagt Gallagher. Gemeinsam mit Freunden hat in den vergangenen Jahren ab und zu demonstriert – gegen das Spardiktat der Regierung, gegen die Milliardensummen, die die Regierung in die Bankenrettung demonstrierte. „Und jedes Mal war ich erstaunt, wie wenig Leute auf die Straßen zu gehen bereit waren.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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