Republikaner: Jetzt wird´s richtig schmutzig im US-Wahlkampf

Republikaner: Jetzt wird´s richtig schmutzig im US-Wahlkampf

, aktualisiert 11. November 2011, 12:23 Uhr
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Präsidentschaftskandidaten der Republikaner: Herman Cain (l.) und Rick Perry.

von Nils RüdelQuelle:Handelsblatt Online

Sie streiten, sie lästern, und jetzt auch noch eine Schlammschlacht: Die Präsidentschaftskandidaten der Republikaner geben derzeit ein katastrophales Bild ab. Gut für den angeschlagenen US-Präsidenten Obama. 

WashingtonEr ist zwar noch nicht ganz Präsident der Vereinigten Staaten, aber es fühlt sich schon ein bisschen so an. Das Publikum applaudiert, einige erheben sich, als Herman Cain den Raum betritt. Ihm zur Seite Bodyguards, groß wie Berge, und ein Moderator, der drei Mal betont, man möge sitzen bleiben, wenn der prominente Gast später wieder geht. Sicherheitsgründe.

Eingeladen nach Washington hat den derzeit schillerndsten Anwärter für die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner das American Enterprise Institut (AEI), ein konservativer Think Tank. Angespornt durch nette Fragen des Moderators und quietschvergnügt darf der Gründer der Kette „Godfather’s Pizza“, Motivationstrainer und Radiomoderator dann sein radikales Steuerprogramm „9-9-9“ erläutern. „Ja, ich bin ein unkonventioneller Typ“, sagt Cain mit Bassstimme und breitem Südstaatenakzent. „Aber ich bin ein Geschäftsmann, der weiß, wie man Probleme löst“. Applaus.

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Das war Montag vergangene Woche. Es sollte der vorerst letzte öffentliche Auftritt sein, bei dem Cain unbeschwert über sein Wahlprogramm plaudern konnte. Denn seitdem gibt es um ihn nur ein Thema: Den Verdacht, er habe in den 90er Jahren untergebene Frauen sexuell belästigt. Vier von ihnen haben sich bereits gemeldet, Cain bestreitet die Vorwürfe. Er verdächtigt stattdessen seinen Konkurrenten Rick Perry, Urheber der Sex-Vorwürfe zu sein. Der wiederum bezichtigt Mitt Romney, der ebenfalls um die Nominierung zum Herausforderer Barack Obamas im nächsten Jahr kämpft.

Und so ist der ohnehin schon bizarre Wahlkampf der Republikaner, acht Wochen vor den ersten Vorwahlen, um eine Schlammschlacht reicher. Die acht Kandidaten überbieten sich seit Monaten mit radikalen Forderungen bis zur Karikatur: Am besten gar keine Steuern, keine Regulierung, keine gesetzliche Gesundheitsvorsorge. Sie belauern sich, lästern übereinander oder versuchen sich gegenseitig bei den TV-Debatten bloßzustellen. Selbst die eigene Partei scheint mit niemandem richtig zufrieden zu sein, zu oft wechseln sich die Kandidaten in den Umfragen ab.


„Ich krieg’s nicht hin. Ups“.

Den jüngsten Absturz erlebte der texanische Gouverneur Perry. Als er bei der zehnten TV-Debatte am Mittwochabend drei Behörden aufzählen wollte, die er als Präsident abschaffen würde, fielen ihm nur zwei ein. Nach quälenden 47 Sekunden gab er auf: „Ich krieg’s nicht hin. Ups“.

Perry, der noch nie eine Wahl verloren hat und seit zehn Jahren Texas mit harter Hand regiert, war spät und mit Karamba in den Wahlkampf gezogen und hatte sich an die Spitze der Umfragen gesetzt. Seine unternehmensfreundliche Politik, seine Erfolge im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, aber auch seine Religiosität, seine Liebe zu Waffen und die Rekordzahl an Todesurteilen hatten ihn zum Darling der einflussreichen konservativen Tea Party gemacht. Perry galt schon als sicherer Obama-Herausforderer.

Doch er schlug sich lausig in den vergangenen TV-Debatten – und stürzte in den vergangenen Wochen parallel zu Cains Aufstieg in den Umfragen ab, von 32 Prozent im August auf nunmehr 10, wie die jüngste Umfrage von „Wall Street Journal“ und NBC News unter republikanischen Wählern ergab. Aus dem medialen Bild des unbesiegbaren Cowboys ist ein unbeholfener Mr. „Ups“ in Dauerschleife geworden. Wie soll so jemand gegen den rhetorisch talentierten Obama antreten?, fragt man sich bei den Republikanern.

Perry bleibt nichts anderes übrig, als weiterzumachen und den Patzer wegzulächeln, immerhin verfügt er mit 17 Millionen Dollar über die dickste Kriegskasse. „Hier unten in Texas sagen wir: Begrabt die Toten und zieht mit euren Planwagen weiter“, sagt Perrys Biograph Jim Moore.

Andere Kandidaten haben ihre Höhenflüge und Abstürze schon hinter sich. Etwa Michele Bachmann, die Abgeordnete aus Minnesota, die im August überraschend die Iowa Straw Poll gewonnen hatte, den ersten Stimmungstest im republikanischen Vorwahlkampf. Seitdem war die Radikalkonservative allerdings nur noch in den Schlagzeilen, wenn sie über Rick Perry lästerte oder in Fettnäpfchen trat – etwa, als sie das Erdbeben und Hurrikan Irene an der Ostküste als Weckruf Gottes an die US-Regierung bezeichnete. Sie dümpelt in den Umfragen bei vier Prozent.

Am radikalsten gibt sich der Ultraliberale Polit-Veteran Ron Paul. Der Abgeordnete aus Texas will den Staat auf das Minimum reduzieren. Und zwar so weit, dass er in einer TV-Debatte die Frage nicht beantworten wollte, ob der Staat einen Komapatienten, der kein Geld für eine Krankenversicherung ausgeben wollte, sterben lassen soll. Das konservative Publikum klatschte zwar an dieser Stelle, nicht aber, als Paul ankündigte, er würde als Präsident sogar das Verteidigungsbudget empfindlich kürzen. Der Texaner liegt chronisch unterhalb von zehn Prozent.


Nur ein Thema: Schutz von Leben und Familie

Auch der blasse Newt Gingrich, Sprecher des Repräsentantenhauses in den 90er Jahren, konnte seine Kampagne noch immer nicht zünden. Jetzt allerdings schöpft er Hoffnung, nach Cains Sex-Vorwürfen und Perrys Absturz: In den jüngsten Umfragen liegt er mit 13 Prozent auf Platz drei.

Wieder andere im Feld waren von Anfang an bloße Statisten und in den Umfragen kaum messbar. Etwa der gemäßigte Gouverneur aus Utah, Jon Huntsman. Seine leise Art und die Tatsache, dass er Obama als Botschafter in China gedient hat, lassen ihn chancenlos. Und Rick Santorum, Ex-Senator aus Pennsylvania, hat eigentlich nur ein Thema: Den Schutz von Leben und Familie. Doch seine Tiraden gegen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe verfangen nicht – es geht in diesem Wahlkampf allein um Jobs.

Und hier versucht Mitt Romney zu punkten, der Ex-Gouverneur von Massachusetts. Romney ist Gründer des Finanzinvestors Bain Capital – und sagt in jede Kamera, wie viel Erfahrung als Geschäftsmann er dadurch sammeln konnte. Romney ist zugleich der einzige, der seit Beginn des Wahlkampfes im Frühjahr konstant in den Umfragen auf den vorderen Plätzen lag.

Romneys Problem ist allerdings, dass er dem rechten Flügel der Partei überhaupt nicht passt. Er ist ihnen suspekt wegen seines mormonischen Glaubens und gilt überdies als Mann der Mitte, schließlich hatte er als Gouverneur eine staatliche Krankenversicherung eingeführt, die als Blaupause für Obamas Gesundheitsreform diente.

So versucht Romney dieser Tage, sich bei der Tea Party beliebt zu machen: Er wettert gegen „Obamacare“, unterstützt Gesetze zur Schwächung von Gewerkschaften oder zum Schutz ungeborenen Lebens. Mit Erfolg: In der jüngsten Umfrage kommt er auf 28 Prozent – und ist wieder Spitzenreiter knapp vor Cain (27 Prozent). Trotz aller Kehrtwenden gilt Romney derzeit als derjenige, der am Ende das Rennen machen wird. Mangels Alternativen.

Alle Präsidentschafts-Bewerber stehen vor demselben Problem: Weil die republikanische Partei durch den Einfluss der Tea Party inzwischen derart radikalisiert ist, müssen sie zunächst selbst so radikal wie möglich auftreten, um nominiert zu werden. Danach müssen sie aber schnell den Weg zurück zur Mitte finden, um eine Chance in der breiten Bevölkerung zu haben. „Die große Frage ist, wie weit gehst du an den Rand?“, sagte Ex-Außenminister Colin Powell, ein gemäßigter Republikaner, am Donnerstag in der Sendung „Piers Morgan Tonight“.

Im Weißen Haus würde man sich am meisten über einen Kandidaten wie Cain oder Perry freuen. Gegen einen Radikalen könnte der unbeliebte Präsident Obama die eigenen Anhänger und gemäßigte Wähler mobilisieren. „Wieder einmal brachte eine Debatte der Republikaner einen klaren Sieger hervor. Wieder einmal war es Barack Obama“, schrieb die „Washington Post“ am Donnerstag.

Und so klang Colin Powell fast sehnsüchtig, als er andeutete, es könnte kurz vor Schluss noch ein richtig guter Bewerber die Bühne betreten: „Vielleicht haben wir noch nicht alle Kandidaten gesehen“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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