Revolte: Frankreichs Liebe zum Ausnahmezustand

Revolte: Frankreichs Liebe zum Ausnahmezustand

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Proteste gegen die Rentenreform in Frankreich: Mit wehenden Fahnen gegen die Regierung revoltieren

von Christopher Schwarz

Die Proteste gegen die Rentenreform zeigen, dass zum traditionsreichen Frankreich vor allem die Tradition der Revolte gehört.

Die französischen Gewerkschaften scheinen im Konflikt um die Rentenreform einzulenken. In Marseille sind die Müllmänner dabei, den Abfall abzutragen, der sich in den vergangenen zwei Streikwochen angesammelt hat, und in drei von zwölf Raffinerien haben die Beschäftigten für ein Ende des Ausstands votiert. Nur die Schüler und Studenten, die der Regierung und den Gewerkschaften gleichermaßen misstrauen, sind weiter auf Konfrontationskurs; sie wollen verhindern, dass der landesweite Protest gegen die Rentenreform in den Herbstferien nachlässt - und organisieren den Widerstand.

Mit ihren Protestaktionen zielen sie nicht nur auf die ihrer Meinung nach ungerechte Rentenreform, die vor allem die Arbeitnehmer belaste, sondern auch auf den französischen Staatspräsidenten: Sarkozys Politik, heißt es, bedrohe die Werte der Republik – deshalb gehen an den nationalen Aktionstagen Millionen auf die Straße, nicht nur Schüler und Studenten, sondern auch Arbeiter und Angestellte.

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Wieder einmal, wie zuletzt bei den Vorstadtunruhen 2005, stellt sich Frankreich dem Publikum diesseits des Rheins als ein Land dar, das im Aufstand zu sich selbst findet – und damit den Mythos vom Mutterland der Revolution bestätigt, dessen Geschichte bestimmt ist durch eine „Abfolge von Revolutionen und Revolten wie die keines anderen europäischen Landes“. So formuliert es Karl Heinz Götze in seinem jüngst erschienenen Buch „Süßes Frankreich? Mythen des französischen Alltags“ (S. Fischer) und weist auf einen merkwürdigen Widerspruch hin: Die „symbolische Distanz zwischen Macht und Volk“, auch zwischen Ständen und Berufsgruppen, sei in keinem demokratischen Staat so ausgeprägt wie in Frankreich.

"Tradition militanter Widerständigkeit"

Zugleich gebe es in Frankreich „eine anhaltende Tradition militanter Widerständigkeit, die nicht mit dem 19. Jahrhundert zu Ende ging, sondern einen Habitus geprägt hat, der tief eingesenkt ist in die französischen Mentalitäten“.

Götze ist Professor für deutsche Literatur an der Universität von Aix-en-Provence. Zu den anschaulichsten Kapiteln seines Buchs, das auch von „Mode“ handelt oder von „Essen und Trinken“, gehört das Kapitel über die „Revolution“, die er im Frühjahr 2008 in Gestalt einer Revolte gegen die Universitätsreform der Regierung an seiner eigenen Uni erlebt hat. Sarkozy versprach den Universitäten, insbesondere ihren Präsidenten, mehr Autonomie – die Studenten hingegen sahen im neuen Gesetz „das Ende des republikanischen Universitätswesens“.

Die Folge: Diskussionen, Vollversammlungen, Gewerkschaftsmeetings, Großdemonstrationen, monatelange Streiks an vierzig Universitäten, „heftig, aber fast immer fair; spontan organisiert, aber so, als hätten sie es irgendwo gelernt.“

In Deutschland, meint der Autor, „wäre nach spätestens zwei Wochen die Polizei geholt worden“. In Frankreich hingegen wisse jeder Universitätspräsident, dass bei einer Revolte „nach gut französischer Tradition der Ausnahmezustand die Routine ablöst“ und Polizeieinsätze kontraproduktiv wären: Sie könnten eine landesweite Soldarisierungswelle  auslösen. In den Reaktionen der Studenten in Aix-en-Provence zeigte sich die Macht der nationalen Traditionen, die stärker waren als die generationellen Gemeinsamkeiten: Während die deutschen Studenten in ihrer Mehrheit den Kompromiss mit den Behörden wollten, lehnten die französischen Studenten ihn entschieden ab.

„Die Franzosen“, so Götze, „im Alltag respektvoll gegenüber den Institutionen und den Lehrern, schlugen sich fast alle auf die Seite des Streiks.“ In einem gesellschaftlich wie politisch eher konservativen Land sind „die Traditionen der Revolution“, wie Götze resümiert, „in verwandelter Form lebendig.“ Sie verwandeln und ermächtigen die Bürger „zumindest für eine kleine Zeit“. Sarkozy weiß das – und ist gewarnt. Im Machtkampf mit der protestierenden Jugend sah seit 1968 noch jede französische Regierung alt aus.

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