Revolution: Ägyptens Wirtschaft leidet

Revolution: Ägyptens Wirtschaft leidet

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Ägyptens Notenbank in Kairo

von Hans Jakob Ginsburg

Nicht nur im libyschen Bürgerkrieg entscheidet sich das Schicksal der arabischen Revolution. Im großen Nachbarland Ägypten gibt es gut sechs Wochen nach dem Sturz des Diktators Hosni Mubarak große politische Probleme - und noch größere wirtschaftliche.

Geben wir es zu: Wir Europäer haben die arabische Welt noch nie gut verstanden, aber erst jetzt im Epochenjahr 2011 fällt es uns richtig auf. Ein französischer Reporter reist für das angesehene Magazin „Nouvel Observateur“ nach Tunis und trifft im Café einen jungen selbst ernannten Revolutionär. Auf die Frage, ob alles gut laufe in Tunesien zwei Monate nach dem Sturz des Diktators Ben-Ali, verneint der Mann: „Das mit den Frauen kann so nicht weitergehen. Ich kann die Leute nicht verstehen, die ihren Schwetsern und ihren Töchtern das Demonstrieren auf der Straße erlauben. Frauen gehören ins Haus, so steht’s im Koran!“ Spricht’s und trinkt sein Bier aus. Passt alles nicht so recht zusammen.

In Ägypten, dem wichtigsten aller arabischen Länder, geben die Islamisten dem Beobachter weiter Rätsel auf. Die seit dem Ende der Mubarak-Diktatur herrschenden Militärs haben die Bevölkerung über eine ziemlich demokratische Regelung für die kommende Präsidentenwahl abstimmen lassen. Die unheimlichen Moslembrüder und die immer noch existierende Mubarak-Partei NDP, nicht mehr Staatspartei, sondern ein PDS-ähnliches Relikt, haben beide das Plebiszit unterstützt, was zusammen mit den Stimmen von Soldaten, Beamten und illiteraten Bauern für eine Dreiviertelmehrheit sorgte. Die Gegenstimmen kamen vornehmlich aus den Großstädten, von den jungen, aufgeklärten Revolutionären und von den Anhängern der potenziellen Präsidentschaftskandidaten Amr Moussa und Mohammed ElBaradei. Der Generalsekretär der Arabischen Liga wie auch der frühere Chef der UN-Kernkraftbehörde IEA fürchten, bei Präsidentschaftswahlen in wenigen Wochen keine Chance gegen einen von Generälen und Islamisten gemeinsam aus dem Hut gezauberten Kandidaten zu haben. Darum wollen die Demokraten paradoxerweise einen späten Wahltermin, um ihre potenziellen Anhänger in effizienten Parteien zu organisieren.

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Hexenjagd gegen die Unternehmerschaft

Währenddessen scheinen viele ägyptische Unternehmer den ruhigen und einfachen Tagen unter  Mubarak, als sich ungestört viel Geld verdienen ließ, solange man die richtigen Beziehungen zum herrschenden Klüngel haben. Der Telekomunternehmer Naguib Sawiris, einer der reichsten Ägypter und in den Tagen des Umsturzes auf Seiten der Rebellen, beklagt sich derzeit gegenüber ausländischen Journalisten über eine “Hexenjagd” gegen die Unternehmrschaft: „Reich zu sein ist bei uns jetzt ein Verbrechen!” Was er wohl meint: Die herrschenden Militärs und erst recht ihre zivilen Verbündeten haben wenig  Sinn für die wachsenden Sorgen der einheimischen Unternehmer von stornierten Investitionsplänen bis zum ausbleibenden Tourismus. Und gegen die vielerorts streikenden Arbeiter geht keine Polizei mehr vor wie in der Mubarak-Ära.

Ganz im Gegenteil: In der Industrie- und Hafenstadt Suez zum Beispiel wurden die größeren Betriebe von der Armee verdonnert, neue Tarifvereinbarungen mit ihren Belegschaften auszuhandeln. Generalmajor Tareq al-Mahdi teilte den Managern mit, was sie zu tun hätten: “Sie werden die Forderungen ihrer Belegschaft zu 100 Prozent erfüllen!” Das zumindest berichtete der Chef des Kachelherstellers Cleopatra dem „Wall Street Journal“. Der Generalmajor weilt inzwischen nicht mehr in Suez. Er ist jetzt Chef des staatlichen Radios und Fernsehens in Kairo.

Die „100 Prozent“ bedeuteten im Fall der Cleopatra-Werke eine Lohnsteigerung von 35 Prozent. Wahrscheinlich kann das Unternehmen, ein Joint venture mit italienischer Beteiligung, die damit verbundenen Kosten prinzipiell verkraften: Vor knapp einem Jahr, als die WirtschaftsWoche auf Einladung der Mubarak-Regierung die Industriezone bei Suez besuchte, verwehrte die Geschäftsleitung der Kachelfabrik in letzter Minute dem deutschen Journalisten das Betreten des Firmengeländes. Meine Begleiter aus Kairo meinten, Cleopatra wolle wohl keine Gespräche von Ausländern mit Mitarbeitern, die knapp über dem damaligen Mindestlohn von umgerechnet neun Euro im Monat  bezahlt wurden.

Aber selbst solche Hungerlöhne werden für Ägyptens Unternehmen unbezahlbar, wenn die nach Ausbruch der Unruhen im Januar fast zusamen gebrochene Wirtschaft nicht wieder schnell auf die Beine kommt.

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