Rollenspiel in Davos: „Kopf runter“

Rollenspiel in Davos: „Kopf runter“

, aktualisiert 24. Januar 2016, 13:26 Uhr
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Im Keller des Hilton Hotels simuliert die Stiftung Crossroads das alltägliche Leben von Flüchtlingen.

von Nicole BastianQuelle:Handelsblatt Online

Raus aus den Meetings mit den globalen Eliten, rein in das Leben von Flüchtlingen. Ein Rollenspiel soll in Davos die Realität des Flüchtlingsschicksale nahe bringen. Handelsblatt-Redakteurin Nicole Bastian hat sich auf das Experiment eingelassen.

Davos„Habe ich Dich gebeten, mit mir zu sprechen?“, brüllt mir der Soldat ins Gesicht. Nah bringt er seinen Kopf an meinen, reißt seine schwarzen Augen auf, starrt mich an, bis ich meinen Blick senke, mich unter meinem Kopftuch verstecke.

Dabei hatte mir doch die Frau aus der Krankenstation gesagt, er habe Antibiotika gegen mein Fieber. Sie habe wieder keine Medizin geliefert bekommen, aber der Soldat, der könne mir vielleicht etwas verkaufen. „Komm morgen wieder“, herrscht dieser mich jetzt an, hebt sein Maschinengewehr und winkt damit in Richtung Zelte. Schon packt mich ein anderer Soldat am Arm, schreit „Beweg Dich“ und schubst mich weg.

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Mein Name ist Jumanah Tawfik in diesem Rollenspiel. Ich bin 41 Jahre alt, war einmal Büroangestellte, jetzt bin ich Flüchtling und habe hohes Fieber. So steht es auf meiner kleinen orangenen Identitätskarte. Als einer von rund 40 Teilnehmern dieser Simulation der Stiftung Crossroads habe ich die Konferenzräume des Weltwirtschaftsforums in Davos für anderthalb Stunden verlassen.

Im Keller des Hilton Hotels hat Crossroads eine andere Welt aufgebaut, in die wir eintauchen - eine harte, eine ungerechte Welt. Jeder bekommt eine neue Identität, ein wenig Geld, die Frauen müssen Kopftücher tragen. Dann geht es durch eine Wellblechtür in unser Rollenspiel.

Wir starten sitzend in einem dunklen Kellerraum, zusammengepfercht auf Sitzkissen am Boden. Plötzlich dröhnende Bombengeräusche um uns herum. „Köpfe runter, Köpfe runter“, rufen Stimmen durcheinander und jemand drückt meinen Kopf nach unten. „Raus hier“, rufen Männerstimmen jetzt. „Schneller, Flüchtlinge, schneller!“ Sie schubsen uns durch dunkle Gänge. „Vorsicht Scharfschützen, Kopf runter“, flüstert jemand und drückt mich auf den Boden. Immer wieder werde ich geschubst. Wir kommen in einem schummrig beleuchteten Raum an. „Hier sind Anmeldeformulare. Ausfüllen. schneller, schneller“, ruft eine schwarze Aufseherin in Beamtenuniform und geht durch unsere Reihen.


Auch die Nächte bieten weder Schutz noch Ruhe

Die Schrift, in der steht, was ich ausfüllen soll, ist so krakelig, dass ich zuerst denke, es sei arabisch. Zumal das ständige Schreien und Antreiben um mich herum mich hektisch werden lässt. Ich knie, den Kopf dicht gebeugt über das Blatt, auf dem Boden und beginne, es auszufüllen. „Weiter, in Sechsergruppen aufstellen, Frauen getrennt“, ruft die Aufseherin, als ich gerade einmal die ersten Zeilen ausgefüllt habe. „Gib mir gefälligst das Formular“, herrscht sie mich an und reißt mir Blatt und Kugelschreiber aus der Hand.

Ich und fünf andere Frauen werden zum Zelt hinten links geschubst. „Vorwärts, Flüchtlinge, vorwärts“, rufen die Soldaten. Dann wird es stockdunkel. Nacht im Rollenspiel. Wir hocken dicht an dicht in dem winzigen Zelt. Plötzlich leuchtet eine Taschenlampe mitten in mein Gesicht. „Kopf runter“, herrscht mich ein Soldat an.

„Alle von Euch sind nur noch mit gesenktem Blick herumgelaufen“, wird uns David Begbie, der die Simulation für Crossroads leitet, später erklären. „Nur in der Nacht habt Ihr gedacht, die Dunkelheit sei Euer Schutz, mache Euch unsichtbar.“ Doch die Nächte bieten weder Schutz noch Ruhe. Immer wieder Kampfgeräusche, Rufe der Soldaten, Taschenlampen in unsere Gesichter.

Das Licht geht an. „Flüchtlinge, aufstehen, in Reihe aufstellen, los“. Ich werde so lange von Soldaten geschubst, bis sie mit der Reihe zufrieden sind. Soldaten bringen eine Frauenleiche weg. „Flüchtlinge, gebe ich Euch kein Brot? Warum bringt Ihr Euch für das bisschen Essen um?“, schreit der Campaufseher.

Wir sollen uns für Essen anstellen, für Medizin, wir können Sprachunterricht nehmen und wir können im Lager helfen. Die kleinen, engen Holzschulbänke sind eine Art Oase. Aber die arabischen Wörter prallen an mir ab. Ein Schwall Unverständliches, auch wenn ich die Worte nachspreche und angestrengt versuche, sie mir zu merken. Mein Kopf ist schon so voller Befehle, dass nichts hängen bleibt.


„Sag den Leuten in Davos doch bitte, dass sie uns nicht vergessen sollen“

In der nächsten Nacht werden alle Frauen herausgerufen aus ihren Zelten, die Soldaten leuchten uns in Gesicht. „Die ist gut. Die nicht, die ist zu dick.“ Einige von uns werden zum Kommandanten geschubst, andere zurück ins Zelt. Blick nach unten, hinter dem Kopftuch verstecken. Geduckte Angst, das Gefühl der Hilflosigkeit, aber auch Wut sammeln sich in mir.

Am Ende der dritten Nacht ruft David, der den Lagerkommandanten gespielt hat, das vereinbarte Codewort: „Flüchtlinge, die Simulation ist vorbei.“ Das Licht geht an, wir sammeln uns auf kleinen Holzbänken und besprechen, was wir erlebt haben. Dass wir uns ängstlich, gestresst und gedemütigt gefühlt haben, als Teil einer herumgeschubsten Masse. 59,5 Millionen Menschen seien offiziell weltweit gerade auf der Flucht, sagt David. Und im Schnitt, fährt er fort, sind Flüchtlinge heute 19 Jahre ohne Heimat.

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und ehemalige Flüchtlinge waren die Soldaten in unserem Rollenspiel – und sie erzählen von sich und davon, wie nah unsere Rollenspielerfahrungen an der Wirklichkeit sind. David Livingstone etwa, der schwarze Soldat, der mich bei meiner Frage nach Medikamenten so angefahren hat, ist eigentlich NGO-Mitarbeiter in Uganda. Er wurde mit 14 Jahren von Rebellen aus seinem Dorf vertrieben. David beschreibt den Hunger, das Leben im Dschungel und wie ihn Rebellen als Kindersoldat zu Grausamkeiten gezwungen haben, über die er auch heute noch nicht frei sprechen kann. Um mich herum weinen einige der Teilnehmer.

Alexandra Chen, die Lehrerin in unserem Rollenspiel, arbeitet seit neun Jahren in Krisengebieten und kommt gerade aus Syrien. Sie erzählt von Karim, einem elfjährigen syrischen Jungen, der nach dem Tod seines Vaters das Geld für die Familie verdient – mit Arbeit in einem Reparaturgeschäft und indem er seinen Kinderkörper Männern für einen Dollar überlässt. Als sie sich dieses Mal von ihm verabschiedet habe, erzählt Alexandra, habe er gefragt, wohin sie fahre. „In die Schweiz“, habe sie geantwortet. „Zu dem Weltwirtschaftsforum?“, habe Karim gefragt. „Ja genau. Soll ich Dir etwas mitbringen?“ Er habe den Kopf geschüttelt und gesagt: „Nein, aber sag den Leuten in Davos doch bitte, dass sie uns nicht vergessen sollen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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