Russland: Die Facebook-Revolution setzt Putin zu

Russland: Die Facebook-Revolution setzt Putin zu

, aktualisiert 08. Dezember 2011, 13:37 Uhr
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Die russische Opposition organisiert sich zunehmend über Facebook zu Demonstrationen.

von Florian WillershausenQuelle:Handelsblatt Online

Der Kreml hat die Opposition fest im Griff. Doch die sozialen Medien fordern ihn heraus: 30.000 Menschen meldeten sich per Facebook zum Flashmob gegen Wahlfälschungen an. Putin reagiert nervös - und facht den Protest an.

MoskauHilflos müssen die Jungs vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB in den sozialen Netzwerken zusehen, wie sich mehr und mehr Menschen zu einer Veranstaltung anmelden: Die Putin-Opposition ruft zur „Demo für ehrliche Wahlen“ auf, die Samstag auf dem Roten Platz stattfinden soll. Allein bei Facebook haben sich derzeit fast 30.000 Menschen angemeldet. Jede Sekunde steigt die Zahl der Teilnehmer – und der FSB bleibt tatenlos; die Facebook-Server stehen ja in Kalifornien.

In Putins gewaltigem Machtapparat breitet sich blanke Panik aus: Lässt sich die Aktion nicht irgendwie verhindern? Die Polizei ordert Sondereinheiten in die Metropole, Fernsehsender schweigen die Existenz der Opposition tot, die Stadt muss urplötzlich den Roten Platz sanieren. Hilflos schauen alle auf Putin, den Entscheider: Wie soll die Macht reagieren – hart oder besonnen?

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Der russische Machthaber Wladimir Putin sendet widersprüchliche Signale: Einerseits bezeichnete er die Opposition, die seit den Wahlen am Sonntag auf der Straße gegen offensichtliche Wahlmanipulationen protestiert, als von Amerika finanziert. US-Außenministerin Hillary Clinton habe Protestlern „ein Zeichen“ gegeben. Andererseits sprach Putin laut Agenturen den Oppositionellen das Recht zu, „ihre Meinung“ zu sagen, „wenn sie die Gesetze beachten“.

In Putins Russland herrscht bekanntlich eine „Diktatur des Gesetzes“. In diesem Sinne bereiten sich Behörden auf alle Eventualitäten vor: Die Demonstration am Samstag ist zwar genehmigt – aber nur für 300 Teilnehmer. Sollten mehr kommen, will die Stadt „entsprechende Maßnahmen“ ergreifen. Auch die plötzliche Sanierung der Kanalisation unweit des Roten Platzes läuft streng nach Gesetz: Ein Vize-Bürgermeister von Moskau hat den Auftrag dazu erteilt.


Akademiker organisieren den Flashmob

Putins Beamte unterschätzen indes die Dynamik der sozialen Netze. Zur Facebook-„Veranstaltung“ sind bereits zehntausende Russen eingeladen. Sie posten in jeder Sekunde kritische Textbeiträge und Internetartikel. Immer wieder kommt es zu Störmanövern, bei denen profillose Nutzer das Märchen verbreiten, die Veranstaltung würde nicht stattfinden – aber die Demo-Befürworter kommentieren die Falschinformationen sofort ins Archiv.

Bei Facebook entlädt sich der Frust der jüngeren russischen Generation auf virtuelle Weise. Unter jenen, die ihr Kommen zugesagt haben, finden sich viele Akademiker und Angestellte von Dienstleistungsunternehmen – Designer, PR-Leute, Berater, Fotografen und Architekten.

Gegründet wurde die Flash-Mob-Gruppe von zwei jungen Männern aus Moskau. Der eine sieht sich als Liberalist, liest Schopenhauer, Derrida und Platon, liebt Rock und schaut Harry Potter. Der andere beschäftigt sich mit Philosophie, sieht sich inspiriert von Steve Jobs, Albert Einstein und Abraham Lincoln. Sehen so Revolutionäre aus?

Derweil ist völlig offen, wie jener zur Facebook-Revolution jochgejazzte Flash-Mob am Samstag aussehen wird. Trauen sich wirklich Zehntausende zur Demo in unmittelbarer Kreml-Nähe oder wird die zu erwartende Polizeipräsenz die Moskauer Bildungsbürger abschrecken? Auf den Triumpf-Platz wagten sich Anfang der Woche nur wenige tausend Demonstranten – Hunderte wurden festgenommen.

Fest steht, dass eine überwältigende Mehrheit der Russen an einem Sturz Putins nicht interessiert ist – zu tief sitzt die Negativ-Erinnerung an das Chaos der neunziger Jahre. Aber die junge Generation ist ebenso wenig an einem Rückfall in die Sowjetunion interessiert, als der Auto-Narr Breschnew sein Imperium geräusch- und humorlos durch die Stagnation führte.

In Russland fordert die Generation Facebook von Putin ihre Freiheiten. Er sollte das ernst nehmen – und sie auch mal demonstrieren lassen. Sonst dürfte der Frust ob der Arroganz der Machthaber zunehmen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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